Die San Francisco 49ers haben gegen die Baltimore Ravens an Weihnachten in der NFL einen herben Dämpfer kassiert. Ursache dafür war eine große Portion Pech, doch wurden auch ein paar fundamentale Defizite aufgedeckt, die aber vermutlich nicht jeder ausnutzen kann.
San Francisco 49ers: Es war ein Freak-Spiel!
Das heißersehnte Aufeinandertreffen der aktuell besten Teams der AFC und NFC am Weihnachtsabend hätte für die 49ers der endgültige Durchbruch sein können. Es war der einzige Punkt, der bei ihnen noch Restzweifel übrig gelassen hatte. Können sie auch gegen ein Topteam der AFC dominieren? Zwei ihrer drei Niederlagen bis dahin kamen schließlich ausgerechnet gegen Teams der AFC North - die Browns und Bengals in den Wochen 6 und 8.
Die kurze Antwort: Nein, können sie nicht! Die Ravens zeigten sich wenig beeindruckt von den Niners und machten kurzen Prozess mit ihnen. Und das auch noch im Field of Jeans. Doch sollte man sich hüten und dieses Klatsche aus Sicht San Franciscos zu hoch zu hängen. Ja, sie kam zur Unzeit, nämlich an Weihnachten. Und dann auch noch im nationalen TV - ABC zeigte das Spiel, nicht eben ESPN, wo NBA lief, was ein Statement vom Disney-Konzern an sich ist, denn die NBA Christmas Games sind eine Tradition im amerikanischen TV, doch das ist nur Nebensache, wenn König Football auch spielt ...
Doch wenn man genau hinschaut, dann war auch viel Pech dabei aus Sicht der Niners. Nach dem Spiel war vor allem die Rede davon, dass hier der MVP Award entschieden werden könnte. Brock Purdy warf vier Interceptions, während Lamar Jackson nicht zur zwei Touchdown-Pässe warf, sondern auch das eine oder andere Mal aus Nichts im Houdini-Stil etwas Positives fabrizierte. Und demzufolge ist der MVP entschieden.
So jedenfalls die allgemeine Meinung. Und wenn Lamar nun auch noch die Dolphins vor heimischer Kulisse in Woche 17 an Silvester schlägt - live zu sehen ab 19 Uhr bei NITRO - und sich damit auch noch Home-Field Advantage in der AFC sichert, dann wird er sehr wahrscheinlich auch seinen zweiten MVP nach 2019 klarmachen.
Doch man tut Purdy Unrecht, wenn man ihn nur auf seine vier Picks, die meisten in seiner noch jungen Karriere, reduziert. Laut "PFF" hatte Purdy im Spiel nämlich nur zwei Plays im Spiel, die einen Turnover hätten nach sich ziehen müssen. Die zwei abgefälschten Interceptions waren hingegen einfach Pech.
Und selbst die späte Interception von Backup Sam Darnold war nicht dessen Schuld. Wir reden hier also von drei Interceptions, die nicht wirklich selbstverschuldet waren. In diesen Situationen hatte eben einfach der Gegner das nötige Glück. Und so erklärt sich dann eben auch das deutliche 33:19 - glückt der letzte Pass von Darnold, hätte San Francisco sogar nochmal auf einen Touchdown Rückstand verkürzt.
Die Niners verloren zwar dieses Spiel und verpassten damit dieses oberflächlich betrachtet wichtige Ausrufezeichen, doch bleiben sie weiterhin der klare Favorit in der NFC. Und wer weiß, was im Januar - und Februar - noch passiert.
San Francisco 49ers: Offensive Line entblößt
Die Turnover ließen sich größtenteils auf Pech zurückführen. Doch den Ravens ist es deutlich gelungen, die Defizite der 49ers aufzudecken. Eines davon wurde ganz besonders deutlich: die Offensive Line ist nicht die allergrößte Stärke dieses Teams. Wenn man Left Tackle Trent Williams mal ausklammert, dann blicken wir hier auf eine Unit, die nicht unbedingt zur Elite der NFL zählt.
Selbst Williams erwischte keinen sonderlich guten Tag gegen die Ravens und musste im Laufe der zweiten Hälfte mit einer Leistenverletzung vorzeitig raus. Doch immerhin zählt er weiter zu den Top-Tackles der Liga. "ESPN" hat ihn bei einer Pass Block Win Rate von 96 Prozent, immer noch der beste Wert der Liga. Doch seine Nebenleute sind da deutlich schlechter unterwegs. Als Team belegen sie nur Rang 20 beim Pass Blocking und sogar den 21. Platz beim Run Blocking.
Der Punkt ist, dass das in weiten Teilen der Saison nicht sonderlich aufgefallen ist und auch nicht ins Gewicht fiel. Doch die Ravens verfügen über eine Front Seven, die solche Probleme ausnutzen kann. Und da ist es dann auch kein Zufall, dass nun drei der vier Niederlagen gegen AFC-North-Teams kommen, die allesamt gut bestückt sind an der defensiven Front. Man kann sogar argumentieren, dass nur die Ravens eine bessere Front haben als die Browns.
Doch zum Ravens-Spiel zurück: Schaut man sich die komplette O-Line an, dann ließen vier der fünf Starter jeweils mehr als 50 Chancen für Pressures gegen den jeweiligen Quarterback zu. Nur Williams (19) zeigte sich stabil. Insgesamt kam gegen Purdy 15 Mal Pressure durch, gegen Darnold in nur 17 Dropbacks zehn Mal. Beide kassierten zwei Sacks.
Damit aber nicht genug, denn auch das Run Game war stark beeinträchtigt gegen Baltimore. Christian McCaffrey, der NFL Rushing Leader, kam nur dann vom Fleck, wenn es über links (Williams) ging. Von seinen 103 Rushing Yards erzielte er 92 über die linke Seite. Läufe in die andere Richtung wurden nur selten versucht, doch das dürfte auch damit zusammenhängen, dass fünf Carries über rechts und durch die Mitte nicht sonderlich viel Ertrag brachten.
Als Williams dann auch noch frühzeitig raus musste, ging auf dem Boden im Grunde gar nichts mehr.
San Francisco 49ers: Schlechtes Tackling wird bestraft
Um den Niners offensiv den Zahn zu ziehen reichte es, Purdys Rhythmus zu stören und die Line zu kontrollieren. Doch die Ravens kamen eben auch der Defense bei und zwar hauptsächlich durch die Luft.
Coverage-Probleme zeigten sich bei den Niners bereits im Vorjahr. In diesem Jahr hatten sie das weitestgehend im Griff. Gegen Baltimore jedoch wurden ein paar Defizite besonders deutlich. Da wäre zum einen die schwache Coverage an sich. Zu viele Starter waren zu selten im Bilde. Lediglich Cornerback Ambry Thomas gelang ein einziger Pass Breakup im ganzen Spiel. Thomas auch der einzige, der für Forced Incompletions (2) mit seiner Deckung gesorgt hat.
Alle anderen störten die Receiver der Ravens nicht wirklich. Erschwerend hinzu kam, dass man auch einen schwachen Tag beim Tackling erwischte. Und das ausgerechnet von zwei Spielern, die die Mitte absichern sollen.
Besonders der sonst so verlässliche Linebacker Fred Warner war von der Rolle und verpasste zwei Tackles, davon einen im Passpiel bei einer längeren Reception. Safety Ji'Ayir Brown verpasste sogar drei Tackles und gab einen Touchdown als nächster Verteidiger ab. Jacksons Passer Rating in seine Richtung lag bei 156,3!
Mit einer durchschnittlichen Target-Tiefe von 12,5 Yards sah Letzterer sogar die zweittiefsten Pässe seines Teams. Wenn andere Teams nun auch so mutig gegen in vorgehen, könnte das eine veritable Schwachstelle dieser Defense sein.
Aber auch hier muss man konstatieren, dass nicht allzu viele Teams so gegen die 49ers spielen können. Lamar Jackson hatte im Schnitt 3,22 Sekunden bis zum Pass. Und er brauchte dafür nur zwei Scrambles, was suggeriert, dass die O-Line vor ihm einen sehr guten Job gemacht hat gegen den starken Pass Rush der Niners. Zudem hatte Jackson im Spiel keinen einzigen Big-Time Throw laut "PFF", aber eben auch nichts, was einen Turnover hätte nach sich ziehen müssen.
Er spielte gar nicht mal so spektakulär, machte aber keine Fehler und brachte seine Mitspieler dennoch in Position, um erfolgreich zu sein. Für die Niners aber sollte das Fazit lauten, dass sie dennoch der Topfavorit der NFC bleiben. Sie sollten aber vielleicht darauf hoffen, im Idealfall im Februar nicht nochmal auf die Ravens zu treffen. und falls doch, wäre weniger Pech als dieses Mal durchaus hilfreich.
Marcus Blumberg





