Der deutsche Sprintstar Marcel Kittel hat einige Tage nach dem Ausscheiden aus der Tour de France Bilanz gezogen und exklusiv bei sport.de auf die enttäuschend verlaufende Frankreich-Rundfahrt zurückgeblickt. Auch zum beschädigten Verhältnis zur sportlichen Leitung seines Teams Katusha-Alpecin bezog der erfolgreichste deutsche Tour-Etappensieger aller Zeiten Stellung.
Drei Tage nach der harten Alpenetappe hoch nach La Rosière, die der 30-Jährige nicht in der geforderten Zeit zu Ende bringen konnte und folgerichtig aus dem Rennen genommen wurde, stellte Kittel im Gespräch mit sport.de klar: "Ich bin natürlich sehr enttäuscht, dass ich die Tour verlassen musste. Ich habe auf jeden Fall mein Bestes gegeben. Es hat ganz einfach und simpel nicht gereicht."
Es sei eine "enttäuschende Erfahrung, aus dem Zeitlimit zu fliegen", so der Sprintspezialist, dem am Ende der elften Etappe über zehn Minuten fehlten, um noch innerhalb der Karenzzeit zu bleiben. "Etwa neun Kilometer vor dem Schlussanstieg hatte ich nur noch eine halbe Stunde Zeit. Das ist einfach unmöglich gewesen! Ich hätte mit einem 18er-Schnitt da hoch fahren müssen - das schaffe ich nie im Leben! Mir war dann eigentlich schon klar, dass es vorbei ist!", berichtete Deutschlands erfolgreichster Etappensieger der Tour-Geschichte.
Vor allem das Streckenprofil der 105. Frankreich-Rundfahrt mit gleich drei überaus harten, dafür aber nicht allzu langen Bergetappen machte es für die Sprinter in diesem Jahr besonders schwierig. "Schon die erste Alpenetappe war ein richtiger Hammer, in der ich gerade noch so das Zeitlimit geschafft hatte. Als das Rennen am nächsten Tag so hart los ging wusste ich schon: Das wird ein langer Tag", so Kittel, neben dem auch weitere Elite-Sprinter wie der Deutsche André Greipel, Altmeister Mark Cavendish oder der diesjährige Zweifach-Etappensieger Dylan Groenewegen ausschieden.
Kittel: "Will nicht öffentlich rumheulen!"
Die kürzeren Bergetappen sollen besonders dem Publikum einen spektakulären und spannenderen Rennverlauf garantieren, weil ein stundenlanges Anfahren und Abtasten der Fahrer für das Gesamtklassement wegfallen. Vielmehr sind alle Favoriten von Beginn an gefordert. Attraktiv für den Fernsehzuschauer, dennoch folgte die harsche Kritik zunächst von André Greipel. Jetzt auch von Marcel Kittel: "Diese Etappen wie nach La Rosière oder Alpe d'Huez sind für uns Sprinter eigentlich unmöglich, was man ja auch am Rennverlauf gesehen hat. Man beraubt uns unserer Möglichkeiten, überhaupt eine Chance zu haben!"
Der Arnstädter wolle dabei nicht als schlechter Verlierer dastehen, betonte aber die Wichtigkeit der Sprintergilde für die Tour de France: "Ich will hier nicht öffentlich rumheulen, sondern einfach nur meine Meinung sagen! Ich finde, bei aller Suche nach Spektakel und der nötigen Würze für die Zuschauer darf man nicht vergessen, dass bei der Tour nicht nur Bergfahrer rumfahren. Sondern auch die Sprinter die Tour mit ihren Geschichten interessant machen. Es ist für mich und sicherlich auch für die Zuschauer ein großer Verlust, dass wir einen Großteil der Sprinter jetzt nicht mehr im Rennen haben."
Mangelnde Motivation oder fehlenden Kampfgeist wies Kittel in deutlichen Worten von sich: "Die drei Etappen in den Alpen waren wirklich absolut brutal. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, habe mein Bestes gegeben und alles versucht. Das ist für mich auch ein beruhigender Gedanke, weil ich einfach nicht mehr hätte machen können!"
Nach Egoismus-Vorwürfen: "Vertrauensvolle Zusammenarbeit schwierig"
Nach dem unfreiwilligen Tour-Aus bezog der 14-malige Tour-Tagessieger auch zu den Egoismus-Vorwürfen Stellung, die sein Sportlicher Leiter Dimitri Konyshev gegen ihn richtete. Der Sportdirektor der Katusha-Alpecin-Mannschaft hatte Kittel in einem "L'Équipe"-Interview öffentlich vorgeworfen "nur an sich selbst interessiert zu sein", obwohl das Team "ihm eine Menge Geld bezahle".
Kittel zeigte für die öffentliche Kritik des russischen Ex-Profis erneut kein Verständnis und stellte klar: "Unser Verhältnis hat sich in der Zeit, die seit dem Interview vergangen ist, sicherlich nicht verbessert. Das ist definitiv so! Ich sehe das jetzt auf einer professionellen Ebene. Sicherlich ist es nicht so, dass der Herr Konyshev und ich fröhlich lachen und einklatschen, wenn wir uns sehen."
Es habe zwar unmittelbar nach den Äußerungen Konyshevs eine Aussprache gegeben, in der "jeder klar und deutlich seine Meinung gesagt" habe. Allerdings betonte Kittel: "Es ist schon so, dass ich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit als schwierig ansehe. Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll. Wie gesagt: Ich sehe das jetzt professionell. Wir haben uns unsere Meinung gesagt, jetzt ist damit auch gut. Es gibt für mich keinen Grund, das Thema noch mal neu anzufangen."
Eines wollte Marcel Kittel dabei noch einmal verstanden wissen: "Jeder der mich kennt weiß, dass ich definitiv nicht egoistisch bin!"
Das Gespräch führte Mats-Yannick Roth




