Vor vier Jahren vergibt Lena Dürr im zweiten Slalom-Lauf eine mögliche Olympia-Medaille. Nun liegt sie vor dem Finale wieder gut im Rennen - und erlebt erneut ein Drama.
Lena Dürr wollte nur noch weg. Runter von diesem vermaledeiten Pech-Berg, weg aus Cortina d'Ampezzo, wo Ski-Königin Mikaela Shiffrin erlöst von ihrem Olympia-Fluch im Schnee kniete. Dürr dagegen hatte in einem dramatischen Slalom das nächste und wohl letzte dunkle Kapitel ihres ganz persönlichen Winterspiele-Dramas geschrieben.
"Katastrophe, worst case", stöhnte sie, "aber so ist es jetzt." Als Zweite hinter Shiffrin nach dem ersten Lauf hatte die 34-Jährige Silber vor Augen - doch der Traum von der ersten olympischen Einzelmedaille für die Team-Zweite von 2022 platzte jäh: Im Finale fädelte Dürr am ersten (!) Tor ein und blickte fassungslos ins Nichts. Oben gibt es das Dürr-Drama im Video zu sehen.
Dass der WM-Dritten von 2023 dasselbe Malheur passierte wie dem späteren Doppel-Olympiasieger Markus Wasmeier als Topfavorit im Super-G 1988 war kein Trost.
"Man kann es noch gar nicht realisieren", sagte Dürr eine knappe Viertelstunde nach ihrem Missgeschick, "man meint, man kriegt nochmal einen Re-Run." Aber den bekam die Münchnerin nicht. "Bei einem FIS-Rennen vor 15 Jahren", sagte sie, habe sie so ein frühes Aus vielleicht mal ereilt, "das passiert jedem Slalom-Fahrer mal in seiner Karriere - und dann genau heute!"
"Ihre" Silbermedaille ging an Weltmeisterin Camille Rast aus der Schweiz, die stolze 1,5 Sekunden hinter Dominatorin Shiffrin lag. Die US-Amerikanerin sicherte sich nach acht Olympia-Rennen in Serie ohne Podestplatzierung und einer Reihe von Pleiten, Tränen, Pech und Pannen zum zweiten Mal nach 2014 Slalom-Gold. Bronze holte bei perfekten Bedingungen die Schwedin Anna Swenn Larsson.
Dürrs böse Geister erwachen wieder
Emma Aicher, in Cortina mit zweimal Silber (Abfahrt und Team-Kombination) dekoriert, wurde Neunte. "Ich habe mich schwer getan, bin nicht wirklich ins Fahren gekommen, von rechts nach links gestolpert", sagte sie.
Anders Dürr - zumindest im ersten Lauf, den sie äußerst clever gestaltete. Ihre Formkrise hatte sie rechtzeitig überwunden, war "die beste Skiversion von mir selber", wie sie noch nach dem Aus bedauernd bekannte. Darauf sei sie trotz allem "wirklich stolz". Der Lohn dafür entging ihr, als ihre bösen Geister wach wurden.
Schon im Riesenslalom war Dürr am vergangenen Sonntag Zweite nach dem ersten Durchgang gewesen. Im Finale lag sie bis kurz vor dem Ziel auf Medaillenkurs, stürzte dann aber ab auf Rang neun. Ähnlich bitter war der Olympia-Slalom in Peking 2022 verlaufen: Damals ging sie als Führende in den zweiten Lauf, fiel aber auf Platz vier zurück. 0,07 Sekunden fehlten zu Bronze, auch nur 0,19 zu Gold.
Das hatte Shiffrin auch im Riesenslalom 2018 gewonnen, danach reihte sie ein Olympia-Drama an das nächste - bis jetzt: Im Ziel fiel alles von der 30-Jährigen ab und sie ihrer Mutter Eileen in die Arme. Lena Dürr hatte den Zielraum da schon geknickt verlassen.


