Super Bowl LX zwischen den New England Patriots und Seattle Seahawks ist nicht nur eine Neuauflage eines vorherigen Big Games der NFL, es ist auch eine Premiere für beide Quarterbacks, die sehr ähnliche Anfänge hatten, dann aber deutlich unterschiedliche Wege bis nach San Francisco bestritten haben.
Auch wenn die öffentliche Wahrnehmung von Drake Maye aufseiten der Patriots und Sam Darnold bei den Seahawks nicht unterschiedlicher sein könnte - der eine gilt als großer MVP-Anwärter, der andere wird trotz zweier 14-Siege-Saisons am Stück immer noch kritisch beäugt -, haben sie beide im Grunde am gleichen Punkt angefangen.
Als Darnold im Draft 2018 in die NFL kam, war er der dritte Pick insgesamt von den New York Jets. Er galt zwar nicht als absolut sicherer Pick in der damaligen Klasse, doch mit seiner Athletik war er dennoch nach Baker Mayfield der zweite Quarterback, der gezogen wurde. Er kam von USC und damit nicht unbedingt von einer Quarterback-Hochburg in der damaligen Phase der NFL. Doch er galt als Hoffnung für die Zukunft von Gang Green in einer Zeit, in der der große Rivale New England drauf und dran war, ein drittes Mal nacheinander den Super Bowl zu erreichen.
Die Patriots sollten damals auch erneut und damit zum sechsten Mal die Lombardi Trophy erringen, doch zugleich war es der letzte Titel mit dem legendären Quarterback Tom Brady, der ein Jahr später das Weite suchte und auch die Patriots in ungewisses Fahrwasser steuerte. Aus diesem kamen sie bekanntlich erst in dieser Saison heraus. Ein Grund dafür: Drake Maye, den man im Draft 2024 ebenfalls an dritter Stelle insgesamt gezogen hatte. Es war der erste Erstrundenpick der Patriots für einen Quarterback seit Drew Bledsoe 1993 (damals First-Overall). Und wie bei Darnold damals galt auch dieses Mal: Top-Athlet, aber sicherlich nicht ohne Risiko, noch dazu von North Carolina, das jetzt noch nicht so viele Top-Quarterbacks hervorgebracht hat.
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Darnold stammt vom Marlboro Man ab
Beide kommen sie zudem aus sportlichen Familien. Darnold, der als Freshman an der High School noch Baseball spielte, war in den späteren Jahren nicht nur als Footballer, sondern auch als Basketballer aktiv. Seine Schwester Franki wiederum spielte Volleyball auf NCAA-Niveau für Rhode Island. Doch der bekannteste Vorfahre von Darnold ist zweifelsohne sein Großvater, Schauspieler Dick Hammer, der in den 70er Jahren als "Marlboro Man" in Werbespots für die Zigarettenmarke auftrat. Er spielte selbst in den 50ern Basketball für USC und verstarb 1999 im Alter von 69 Jahren ironischerweise an Lungenkrebs.
Vielleicht nicht ganz so ikonisch ist die Familienhistorie von Maye, dafür aber noch ein wenig sportlicher, denn Maye, der ebenfalls lange Basketball spielte, wurde gewissermaßen schon als Neunjähriger entdeckt. Damals schrieb ein Twitter-User beim Betrachten eines Jugend-Spiels im August 2012: "Heilige Scheiße! Drake Maye ist der beste Athlet, den ich je gesehen habe." Ein Tweet, der kürzlich erst wieder die Runde machte.
Mayes Wettkampfhärte kommt jedoch wohl hauptsächlich vom Umstand, dass er als jüngster von vier Brüdern aufwuchs, die allesamt ebenfalls gute Sportler waren. Seine Brüder Luke und Beau spielten Basketball für UNC, wobei Luke sogar Teil der National Champions 2017 war. Sein Bruder Cole wiederum war ein Pitcher der Florida Gators, die ebenfalls 2017 die College World Series gewannen. Zudem war Vater Mark ebenfalls Quarterback der Tar Heels und spielte in den 80er Jahren sogar kurzzeitig mal für die Tampa Bay Buccaneers.
Doch hier enden die Parallelen der beiden, was ihre Wege in die NFL angeht.
Inkompetentes Coaching als frühe Hürden
Darnold nämlich passierte das, was Maye zu seinem Glück nur als Rookie erleben musste: inkompetentes Coaching. Darnold hatte in seinen drei Jahren in New York zwei Head Coaches (Todd Bowles, Adam Gase) und dementsprechend auch zwei Offensive Coordinators (Jeremy Bates, Dowell Loggains). Anschließend wurde er nach der Entlassung von Gase nach Carolina getradet, wo die wilde Fahrt unter Head Coach Matt Rhule weiterging, der in den zwei Jahren mit Darnold nicht nur drei verschiedene OCs verschliss (Joe Brady, Jeff Nixon und Ben McAdoo), sondern selbst auch noch während der Saison 2022 entlassen und durch Steve Wilks auf Interimsbasis ersetzt wurde.
Erst 2023, also in seiner sechsten Saison in der NFL, fand Darnold dann endlich Stabilität unter Head Coach Kyle Shanahan in San Francisco. Zwar war er dort nur der Backup hinter Brock Purdy, doch lernte er hier das berühmte Shanahan-Scheme in der Offense, was ihm letztlich die Karriere rettete. 2024 ging es als Reklamations-Objekt nach Minnesota, wo er dank der Knieverletzung von Rookie J.J. McCarthy unter Head Coach Kevin O'Connell zum Starter wurde und seine mit Abstand beste Saison in der NFL spielte. Nach der 14-3-Saison ging es dann als Free Agent für über 100 Millionen Dollar zu den Seahawks, die ihn als Ideallösung für die Offense vom ebenfalls neuen OC Klint Kubiak ansahen. Jener wird in Kürze dann Head Coach der Las Vegas Raiders, doch zuvor treten sie nun erstmal nach einer weiteren 14-3-Saison von Darnold im Super Bowl an.
Maye wiederum hatte es da schon etwas leichter. Zwar begann auch er mit einer suboptimalen Gesamtsituation unter dem damals neuen Head Coach Jerod Mayo und einem Offensiv-Staff um OC Alex Van Pelt und QB Coach T.C. McCartney, die offensichtlich wie Mayo auch in ihren Rollen mit mangelnder Erfahrung überfordert waren. Maye begann das Jahr auf der Bank hinter Platzhalter Jacoby Brissett, übernahm dann aber schon in Woche 6 nach 1-4-Start in die Saison. Mit ihm kam zwar frischer Wind in die Offense, doch insgesamt reichte es nur zu zwei Siegen mit Maye - drei, wenn man Woche 18 gegen die Bills dazu zählt, als hauptsächlich der andere Rookie-QB Joe Milton zum Zuge kam.
Maye hatte jedoch das Glück, dass man im Anschluss daran bereits den nächsten Neuanfang unternahm und mit Head Coach Mike Vrabel und aus Mayes Sicht allen voran den erfahrenen OC Josh McDaniels nach New England zurückholte. Jener stand mit Brady und Bill Belichick neunmal im Super Bowl hatte großen Anteil daran, dass Maye nach einer wackligen Rookie-Saison einen enormen Schritt nach vorne gemacht hat und das Team nun erstmals mit einem anderen QB als dem GOAT im Big Game steht.

Super Bowl LX als große Überraschung
Was Maye und Darnold dann wieder eint, ist die Tatsache, dass niemand die Seahawks oder Patriots auf dem Zettel hatte, was Super Bowl LX (So., ab 23:15 Uhr live bei RTL) angeht. Den Seahawks traute man damals bestenfalls eine Wild Card in der NFC zu, den Patriots mit viel Optimismus immerhin eine positive Bilanz. Am Ende gewannen jedoch beide 14 Spiele und haben dies auch ihren Quarterbacks zu verdanken.
Allerdings lässt sich durchaus behaupten, dass sich die Abhängigkeit der beiden Teams von ihren Quarterbacks zuletzt durchaus verschoben hat. In der Regular Season ging für New England selten etwas ohne Maye, der äußerst effizient mit seiner Offense agierte und die Liga mit +0,25 EPA/Dropback und +151,2 Expected Points Added deutlich anführte. Er wäre demnach der verdiente MVP, wenn die Wähler daraus nicht einen Lifetime Achievement Award für Matthew Stafford machen würden.
Darnold wiederum belegte mit +0,06 EPA/Dropback lediglich Rang 12 der Liga und profitierte allen voran von einer Defense, die eigentlich über die gesamte Saison hinweg dominierte, sodass er gar nicht sonderlich schwer heben musste. Es sei jedoch erwähnt, dass Darnold auch die drittmeisten Interceptions (14) hinter Geno Smith (17) und Tua Tagovailoa (15) fabrizierte. Hinzu kamen noch elf Fumbles, von denen sechs zu Turnovers führten. Mayes Fehlerquote war da durchaus geringer (10 Picks, 8 Fumbles, 3 Fumbles Lost).
In den Playoffs allerdings wendete sich das Blatt gehörig. Darnold nämlich spielte sich mehr in den Vordergrund und wurde sowohl gegen die 49ers als auch die Rams zum entscheidenden Mann. Seine +0,4 EPA/Dropback sind der mit Abstand beste Wert der Liga, ebenso die +23,5 EPA insgesamt. Er warf in beiden Spielen keine Interception und leistete sich nur einen Fumble, den man aber nicht verlor. Er stellte seinen Hang zu Turnovers in den Playoffs also bislang ab.
Maye überzeugt als Scrambler
Maye hingegen hatte durch die Luft zu kämpfen. Er warf zwar wie Darnold in den Playoffs vier Touchdown-Pässe, hatte aber auch zwei Interceptions und vor allem verlor er drei von sechs Fumbles. Entsprechend ging die Effizienz im Passspiel in den Keller (-0,18 EPA/Dropback). Was ihn und New England neben einer neuerdings absolut dominanten Defense (-0,42 EPA/Play) am Ende aber rettete, war dann seine Fähigkeit, zu laufen. Niemand scrambelte häufiger in dieser Postseason als Maye (9-mal) und nur Rhamondre Stevenson (194 YDS) und Kenneth Walker (178 YDS) haben mehr Yards unter den Spielern im Super Bowl erlaufen als Maye (141).
Der aber wohl größte Unterschied zwischen den beiden bislang war, dass Darnold schon das ganze Jahr von einer stabilen Offensive Line (30 Prozent Pressure Rate) profitiert und nur wenige Sacks (27) kassierte. In der Postseason waren es fünf in zwei Spielen. Maye dagegen stand in der gesamten Saison häufig unter Beschuss (37,5 Pressure Rate) und kassierte letztlich 62 Sacks insgesamt, 15 davon in den Playoffs allein.
Die Frage für den Super Bowl wird nun wohl hauptsächlich sein, wie gut es dem jeweiligen Gegner gelingen wird, die Schwächen des gegnerischen Quarterbacks zum eigenen Vorteil zu nutzen. Denn der, der am Ende weniger Fehler macht oder seine Stärken zur Geltung bringt, wird wahrscheinlich dieses Spiel entscheiden.








