Die Seattle Seahawks stehen nach elf Jahren wieder im Super Bowl. Diese Renaissance gelang in der NFL nach Ende der Pete-Carroll-Ära scheinbar in Windeseile und ist vor allem einem Mann zu verdanken.
Für die Seattle Seahawks bedeutet Super Bowl LX (So., ab 23:15 Uhr live bei RTL) den vierten Trip ins große Spiel der NFL und den dritten seit 2010. 2010 ist hierbei als Wendepunkt für die jüngere Vergangenheit des Franchise zu sehen, denn in dem Jahr kam nicht nur Erfolgs-Coach Pete Carroll nach Washington, sondern auch General Manager John Schneider. Und jener ist im Gegensatz zu Carroll immer noch da und hat nun zum zweiten Mal einen erfolgreichen Neuanfang in Seattle vollzogen.
Jener Schneider hatte seine Anfänge in der NFL bei den Green Bay Packers. Nach einigen Jahren als Scout unter dem legendären General Manager Ron Wolf, der auch Brett Favre einst nach Wisconsin holte, in den 90er Jahren sammelte er im Front Office mehrerer Teams Erfahrung, ehe er 2002 nach Green Bay zurückkehrte und im Player-Personnel-Bereich tätig war. Der damals schon im Ruhestand befindliche Wolf fungierte lange Jahre als sein Mentor und Schneider passte nebenher auch häufiger auf dessen Sohn, Eliot, auf. Zumindest witzelte er darüber vor wenigen Tagen. Eliot Wolf ist heute der Kaderbauer der Patriots und damit gewissermaßen Schneiders Pendant in New England.
Überhaupt scheint Green Bay die Hauptpipeline für Erfolg in Seattle zu sein. Der langjährige Erfolgscoach des Teams, Mike Holmgren, gewann mit Wolf und Favre Mitte der 90er Jahre den Super Bowl gegen die Patriots, ehe er sich den Seahawks anschloss und diese erstmals in den Super Bowl (XL) führte - dieser ging allerdings gegen die Steelers verloren.
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Seahawks-Erfolg hielt nach Super Bowls nicht lange an
Schneider war im Hintergrund schon der Architekt des Teams, das samt Legion of Boom den ersten Titel der Klub-Geschichte nach der Saison 2013 in Super Bowl XLVIII gegen die Denver Broncos gewann. Schon damals war seine Kaderkonstruktion der Grundstein für den Erfolg. Und schon damals waren es seine Moves, die den Erfolg überhaupt ermöglichten. Doch nach dem damaligen Triumph und der nur knapp gescheiterten Titelverteidigung ein Jahr später ging es langsam bergab mit den Seahawks.
Zwar erreichten sie ab 2015 noch sechsmal unter Carroll die Playoffs, doch der große Wurf sollte nicht mehr gelingen. Die NFC West wurde nur noch zweimal gewonnen und über die Divisional Round kam man bis zur laufenden Saison auch nicht mehr hinaus. Carrolls Zeit endete schließlich mit zwei verpassten Playoffs in den letzten drei Jahren seiner Amtszeit. Und schon davor hatte Schneider mit einem langen Rebuild begonnen.
Der Grundstein für den heutigen Erfolg war sicherlich der Trade von Star-Quarterback Russell Wilson zu den Broncos. Damit begann ein Sanierungsprozess, der erst 2025 abgeschlossen sein sollte. Er brachte den Seahawks drei Spieler und fünf Draftpicks ein. Und sie sind eindeutig der Gewinner des Deals geworden.
Die drei Spieler - QB Drew Lock, Tight End Noah Fant und Defensive Lineman Shelby Harris - sind allesamt nicht mehr da, dafür aber machte Schneider einiges aus den Draftpicks! Aus den zwei Erstrundenpicks wurden Left Tackle Charles Cross (2022) und Cornerback Devon Witherspoon (2023). Zudem waren auch die Zweitrundenpicks Edge Rusher Boye Mafe (2022) und Derick Hall (2023) sehr gute Griffe.
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Seahawks: Macdonald als Gegenmittel
Carroll musste schließlich nach einer zweiten 9-8-Saison ohne Playoffs 2023 seinen Hut nehmen. Für ihn kam Mike Macdonald, der nicht nur als "Sean McVay der Defense" galt, sondern auch eine klare Strategie verkörperte. Er nämlich schien gewissermaßen das Gegenmittel zu den dominanten Offenses der Rams (McVay) und 49ers (Kyle Shanahan) zu verkörpern, die den Seahawks in der NFC West enteilt waren. Beide standen seit 2018 je zweimal im Super Bowl und die Rams gewannen den Titel nach der Saison 2021.
Insofern war Macdonald der nächste wegweisende Schachzug für Schneider, um zumindest schon mal in der eigenen Division wieder eine Chance zu haben. In der ersten Saison 2024 gelangen direkt zehn Siege, doch erneut wurde es nichts mit den Playoffs. Diese sollten erst 2025 folgen, als Schneider die finalen Puzzleteile für das Gesamtbild fand - und auf radikale Weise eine harte Kurskorrektur vornahm.
War bis hierhin Geduld sicher ein großes Thema im Nordwesten, drückte man nun mit teils schockierenden Moves aufs Tempo. Im Coaching Staff wurde zum wiederholten Mal der Offensive Coordinator ausgetauscht. Auf den schlicht langweiligen Shane Waldron und den immer noch zu konservativen Ryan Grubb folgte 2025 mit Klint Kubiak einer aus dem erweiterten Shanahan/McVay-Tree, der das Shanahan-Scheme selbst zur Perfektion beherrscht und damit auf dem Papier die Division-Konkurrenz mit den eigenen Waffen schlagen konnte.
Auf Spieler-Seite wurde sich dann von Altlasten getrennt. QB Geno Smith, der seinen zweiten Frühling unter Carroll erlebte, wurde nach gescheiterten Verhandlungen prompt nach Las Vegas getradet, Teamikone Wide Receiver Tyler Lockett wurde entlassen und Star-Receiver D.K. Metcalf nach Pittsburgh getradet. Allesamt waren dies Schritte, die damals durchaus hohe Wellen schlugen. Wie wollte man sich verbessern, wenn man seine besten Spieler abgibt?
Überragende Offseason als letztes Puzzleteil
Die Antwort: Für Smith kam Sam Darnold, der zuvor gewissermaßen in der sportlichen Reha bei Shanahan in San Francisco war und dann in Minnesota unter Kevin O'Connell (McVay-Tree!) seine beste NFL-Saison spielte und zeigte, wie gut er das besagte Scheme beherrscht. Zudem ging man ein gewisses Risiko mit der Verpflichtung von Wide Receiver Cooper Kupp, der in seinen letzten Rams-Jahren hauptsächlich verletzt war. Und Metcalf wurde intern ersetzt durch Jaxon Smith-Njigba, den 2023er Erstrundenpick, der aus heutiger Sicht eindeutig von suboptimalem Coaching zurückgehalten wurde und nun die Liga in Receiving Yards anführt.
Generell lässt sich sagen, dass die 2025er Seahawks ein Gesamtkunstwerk sind, das aus zahlreichen Eigengewächsen - 13 der 22 Starter waren eigene Draftpicks - besteht und von guten Free Agents verfeinert wurde. Gerade in der vergangenen Offseason kamen mit Defensive Back Nick Emmanwori, der Defensive Rookie of the Year werden sollte, und Guard Grey Zabel nochmal zwei absolute Leistungsträger vom College dazu. Die genannten 2025er Free Agents hoben das Niveau enorm und dann war da noch der geniale Schachzug mit dem Trade für den schnellen Wide Receiver Rashid Shaheed aus New Orleans, der auch das Special Team noch gefährlicher machte.
Schneider hat also mal wieder ganze Arbeit geleistet und das nun zum wiederholten Male. Ein Turnaround eines Franchise ist schon eine große Leistung. Dies aber nach Anfang der 10er Jahre nochmal zu wiederholen und ein womöglich noch besseres Team in relativ kurzer Zeit aufzustellen, ist jedoch außergewöhnlich und bringt Schneider seinem einstigen Mentor Wolf noch näher. Womöglich begegnen sie sich eines Tages dann auch in Canton, wo Wolfs Büste schon seit 2015 residiert.
Ein zweiter Ring würde bei diesem Unterfangen sicher helfen.







