In einer der spannendsten Entscheidungen aller Zeiten im Biathlon sicherte sich Franziska Preuß im Massenstart-Rennen von Oslo am Sonntagnachmittag in der letzten Schlussrunde der Saison den Gesamtweltcup. Die 30-Jährige gewann das Rennen über 12,5 Kilometer nach hervorragender Lauf- und Schießleistung (ein Fehler), profitierte aber auch von einem Sturz ihrer großen Widersacherin Lou Jeanmonnot unmittelbar vor der Zielgeraden. Preuß brauchte nach dem Zieleinlauf einige Momente, um diese irre Situation in eigenen Worten zu beschreiben.
Auf dem Gipfel ihrer sportlichen Laufbahn angekommen, konnte sich Franziska Preuß am Osloer Holmenkollen zunächst gar nicht freuen. Direkt nach ihrem Zieleinlauf nach dem Massenstart-Rennen drehte sie sich um, schaute nach ihrer großen Konkurrentin Lou Jeanmonnot, die ihr erst am Vortag im Verfolgungsrennen des Gelbe Trikot der Gesamtführenden im Weltcup abgenommen hatte.
Die Französin war wenige Hundert Meter vor dem Ziel folgenschwer gestürzt, nachdem sie sich mit Franziska Preuß ein atemberaubendes Duell um den Gesamtweltcup geliefert hatte.
Entsprechend verhalten fiel zunächst der Jubel bei Franziska Preuß aus. "Es war irgendwie blöd, dass so zu gewinnen. Ich hätte es lieber auf der Zielgeraden ausgetragen. Es war absolut nullkommanull meine Absicht, da irgendwen zu bedrängen", kommentierte die sechste deutsche Gesamtweltcup-Siegerin den Vorfall mit Jeanmonnot am "ARD"-Mikrofon, der letztlich die gesamte Saison 2024/2025 zugunsten der Oberbayerin entschied.
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"Extrem hohes Niveau" zwischen Preuß und Jeanmonnot
"Lou hat aber auch von Anfang an gesagt, sie hat da irgendwie ihre Stöcke zwischen die Beine gekriegt. Ich habe jetzt keinen Fehler bei mir gesehen, es geht da einfach eng um die Kurve. Natürlich habe ich mich auch entschuldigt, es war einfach eine blöde Situation. Aber sie hat von Anfang an gesagt, es ist alles gut und es war keine unfaire Situation. Aber es ist gerade schwierig", wollte Preuß ihr Bedauern über den plötzlichen Sturz ihrer Widersacherin gar nicht verbergen.
Den gesamten Winter über hatten sich Franziska Preuß und Lou Jeanmonnot einen packenden Zweikampf in der Gesamtweltcup-Wertung geliefert. Erst am Samstag war Jeanmonnot an Preuß vorbeigezogen und ging als Weltcup-Führende in das letzte Rennen der Saison.
Umso spektakulärer lief dann der Massenstart am Sonntag ab, der im Sturz der Französin seinen dramatischen Schlussakt bekam.
"Das ganze war schon eine Challenge. Ich habe einfach mein Bestes gegeben. Das Niveau zwischen uns war extrem hoch. Selbst, wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich mir nichts vorwerfen können. Heute war ich in der Position, in der ich nur noch gewinnen konnte. Es war ein kranker Kampf, wenn man sich mal überlegt, dass wir zusammen auf die Schlussrunde gehen. Irre!", so die emotional vollkommen aufgelöste Preuß in Oslo, nachdem das französische Team einen möglichen Protest doch nicht durchzog und das Resultat somit feststand.
Preuß stößt in elitären Kreis vor
Die beste deutsche Biathletin der Gegenwart stieß mit ihrem Triumph von Oslo in einen elitären Kreis vor. Vor Preuß hatten aus deutscher Sicht bereits Martina Glagow (2002/03), Kati Wilhelm (2005/06), Andrea Henkel (2006/07), Magdalena Neuner (2007/08, 2009/10 und 2011/12) und Laura Dahlmeier (2016/17) den Gesamtweltcup gewonnen.
Für Preuß ist es die Krönung ihres mit Abstand besten Weltcup-Winters. Neben der großen Kristallkugel gewann sie auch die kleinen im Sprint und Massenstart, feierte vier Einzelsiege, trumpfte bei den Weltmeisterschaften in Lenzerheide mit vier Medaillen groß auf - und erlebte endlich eine Saison ohne gesundheitliche Probleme.
Nach der Operation an den Nasennebenhöhlen im Frühjahr hatte Preuß alles dem größtmöglichen Erfolg untergeordnet, trug selbst in Innenräumen eine Maske und nahm sich viele Ruhepausen. Maßnahmen, die große Wirkung zeigten - und am Ende mit dem Gelben Trikot belohnt wurden.
Den Sieg im Gesamtweltcup hatte sie selbst über den Gewinn ihrer WM-Medaillen gestellt. "Das ist eine der größten Leistungen, die man erreichen kann. Da zählt nicht nur ein Tag, sondern viele Tage zwischen November und März", sagte Preuß.


