Graciano Rocchigiani kämpfte sich nach ganz oben und stürzte ganz nach unten. Ein Sport-Liebling der Deutschen war er nicht, das Image des verruchten Skandalkämpfers wurde er nie los. Mehr als fünf Jahre nach Rocchigianis Tod würdigt nun eine von Til Schweiger produzierte Dokumentation die Box-Ikone. Eine Rezension.
"Graciano Rocchigianis Gesicht verkörpert die Geschichte des Boxsports", hat ein aufmerksamer Kenner des Faustkampfes einmal gesagt. Man könnte hinzufügen: In "Rockys" Gesicht manifestierte sich das Leben an sich. Ein wildes Leben. Wunden und Narben, aber auch sanfte Züge – die schönen Seiten des Seins.
Bevor das (Boxer-)Leben Spuren fräste in Haut, Herz und Knochen, war freilich auch Graciano Rocchigiani nur ein Bub mit Milchgesicht. Einen "Spargeltarzan" nennt ihn Bruder Ralf in der Dokumentation "Graciano Rocchigiani – Das Herz eines Boxers", die ab Sonntag, 28. Januar, exklusiv bei RTL+ zu sehen ist.
Produziert von Til Schweiger, nimmt Regisseurin Christin Freitag den Zuschauer mit auf eine Achterbahnfahrt. Denn dies war das Leben Graciano Rocchigianis nun einmal. Zu Wort kommen neben Bruder Ralf auch Freunde und Weggefährten aus Berlin sowie Rocchigianis Ex-Frau Christine.
Das Ergebnis ist eine zweistündige Dokumentation, die wie im Flug vergeht. Die "klassische" Außenseitergeschichte des Boxers von der Straße, der es nach ganz oben schafft, tief fällt, aufsteht, neue Gipfel erklimmt, und wieder abstürzt.
Boxen: Rocky-Erbe Gualtieri als Bezug zur Gegenwart
Freitag lässt ihre Protagonisten die "Rocky"-Story erzählen, ohne dabei große Verästelungen vorzunehmen oder Nebenpfade zu bestreiten. Lediglich ein paar Mal schweift die Geschichte ab, um mit Vincenzo Gualtieri das boxerische Erbe Rocchigianis zu inszenieren.
Ihn hatte der Berliner in seinen Fünfzigern als Freund und Mentor zum Boxprofi gemacht. Bis zu Rocchigianis plötzlichem Tod im Oktober 2018 verband die Familien der Faustkämpfer eine tiefe Freundschaft. Gualtieri dient der Regisseurin als Klammer, als Bezug zur Gegenwart. Der Mittelgewichtler lässt Rockys Geist erwachen, als er nach seinem überraschenden WM-Triumph im Juli 2023 – emotional übermannt – einer "Stärke von oben" dankt: "Graciano." Es ist das Ende des Films. Davor wird "Runde um Runde" der Charakterkern des Menschen Graciano Rocchigiani aus üppigem Bildmaterial herausgeschält.
Unterm Strich bleibt ein Mann, der immer sagte, was er dachte. Eine Berliner Schnauze, die schnell auf den Punkt kam. Und womöglich der talentierteste deutsche Boxer der Geschichte war. "Eine Maschine" sei der Bruder im Ring gewesen, erzählt Ralf Rocchigiani, dem selbst ein ähnliches Talent beschieden war. Doppeldeckung, Tempo, saftige Schläge aus der Schulter. Rocky habe geboxt "wie vom anderen Stern", erinnert sich sein Berliner Freund Kalle "Bomber" Heistermann.
Graciano Rocchigianis Leben zwischen WM-Titel, Exzessen und Gefängnis
Weil Rocchigiani so gut boxen konnte, setzte er früh alles auf eine Karte, brach seine Lehre als Gebäudereiniger ab, wurde Profi. Das Ziel: Weltmeister werden und Asche machen. "Kohle, 'n schönet Auto, da sieht die Welt gleich ganz anders aus", sagt Rocky an einer Stelle. Die Dokumentation zeichnet seinen Weg zum dritten deutschen Boxweltmeister schnörkellos nach, serviert dem Zuschauer dazu die erwartbaren Einblicke in die Halb- und Unterwelt, die das deutsche Boxen Ende der 1980er Jahre prägt. Und nimmt einen mit ins wilde Berlin jener Zeit. Exzesse.
"Et war nüscht nötig, aber wenn et nötig war, ham wa det jemacht - schweren Herzens", beschreibt Ralf Rocchigiani herrlich süffisant die tagelangen Sauftouren der Rocky-Clique, auf denen wenige Meter von einem Etablissement ins andere ausreichten, um eine schöne Nacht in (polizeiliches) Chaos zu stürzen.
Rocchigiani wird porträtiert als "hochsensibler Junge", wie ihn Jean-Marcel Nartz, der frühere Matchmaker seines Promoters Wilfried Sauerland, bezeichnet. Als einer, der sich "wie aus der Reihe gefallen" fühlte, so seine Ex-Frau Christine. Der irgendwie immer Kind blieb und ein Leben lebte zwischen Boxring, Alkohol, Sex, Gras und stundenlangem Zocken von "Mario Brothers".
Neben den sportlichen Glanzpunkten bildet die Dokumentation auch die Schandflecke im Leben Rocchigianis ab. Die Konflikte mit dem Gesetz. Die schweren Vorwürfe wie Menschenhandel. Körperverletzung. Gerichtsprozesse. Verurteilungen, Freisprüche.
Unvergessene Skandale gegen Maske und Michalczewski
Besonders emotional sind die Passagen mit Ex-Frau Christine, die unter Tränen erzählt, wie ihr Mann sie auf einer Silvester-Party betrog – und im Boxen selbst betrogen wurde. Eine Dreiviertelstunde hat der Film schon auf der Uhr, ehe Rocchigianis WM-Kampf gegen den legendären Briten Chris Eubank in Berlin 1994 noch einmal abläuft. Die erste, äußerst kontroverse Punktniederlage seiner Karriere.
Es folgen die bis heute umstrittene Niederlage gegen Deutschlands Box-Liebling Henry Maske 1995 und der Skandalfight gegen "Tiger" Dariusz Michalczewski 1996 auf St. Pauli. Dann die Aberkennung des WM-Gürtels durch den Verband WBC im Jahr 1998 und der juristische Kampf gegen die korrupte Drei-Lettern-Organisation in den USA.
Rocchigianis Leben – ein ständiger K(r)ampf. Eine selbsterfüllende Prophezeiung der vielen Stereotypen, die Medien und Gesellschaft Rocky verpassten.
Als Schmankerl erfährt der (boxunkundige) Zuschauer zwischendurch von Insider Nartz, wie es zu den häufig skandalösen Urteilen der Punktrichter im deutschen Preisboxen kam (Spoiler: Es hat mit Prostitution zu tun).
Würdigung eines ewig Unverstandenen
Rocchigianis Weggefährten machen deutlich, wie schwer die Nackenschläge der Boxmächte "Grace" zusetzten. Wie sie ihn zermürbten. Und wie falsch verstanden sich Rocchigiani Zeit seines Lebens gefühlt hat. Der Film wirft die Frage auf, was so falsch daran ist, eine ehrliche Haut zu sein? Was verkehrt ist, zu seinen Fehlern zu stehen, sich nicht zu verstecken, keine Schuld-Repräsentanten zu suchen? Warum Rocchigiani nur bei den "unteren Zehntausend" beliebt war? "Weil er ist wie wir", antwortet eine Berlinerin, als der Film Rocchigiani als Maske-Antipol der 1990er Jahre herausarbeitet.
Graciano Rocchigianis Schläge haben viele getroffen – im Ring wie außerhalb. Seine Herzschläge aber haben auch viele berührt. Mit der Schweiger-Produktion erfährt der 2018 im Alter von 54 Jahren bei einem Verkehrsunfall auf Sizilien verstorbene Rocky eine Würdigung, die ihm zu Lebzeiten verwehrt blieb. "Ich glaube, wir haben es schon geschafft, Graciano so zu zeigen, wie er war: Und er war halt wirklich ein ganz toller Mensch", sagte Til Schweiger anlässlich der Premiere des Films in Berlin im RTL-Interview.
Das Porträt Graciano Rocchigianis ist gelungen. Für Box-Fans ist die Dokumentation ein Muss. Aber vielleicht auch für all jene, die sich im Zeitalter von Homo Oeconomicus und lebensbestimmender Algorithmen nach unverfälschtem Menschsein sehnen. Nach Herz. Und Authentizität.
"Boxen ist die menschlichste aller Sportarten", hat der berühmte US-Boxjournalist Jim Lampley einmal gesagt. Graciano Rocchigiani hatte das Herz eines Boxers.
Martin Armbruster
