Kai Ebel hat Michael Schumacher hunderte Male ganz exklusiv getroffen und gesprochen – in der Startaufstellung vor einem Formel-1-Rennen. Als der langjährige RTL-Reporter mit der F1-Ikone am 17. Dezember 2013 im Rahmen einer Interview-Reihe auf der Bühne sitzt, ahnt keiner, dass es Schumachers bis heute letzter öffentlicher Auftritt sein wird. Wenige Tage später stürzt der Formel-1-Rekordweltmeister beim Skiurlaub in Frankreich, erleidet schwere Kopfverletzungen, wird ins Koma versetzt. Seit 2014 ist Schumacher zuhause bei seiner Familie in Reha. Über seinen Gesundheitszustand ist nichts bekannt.
Im Interview mit RTL/ntv und sport.de erinnert sich Ebel an den Unfall vor zehn Jahren, an Schumachers Lebenseinstellung und spricht über dessen Sohn Mick – vor dem er großen Respekt hat.
Der 29.12.2013: Es gibt Tage und Daten, da weiß man immer genau, wo man war und was man gemacht hat. Was hast du gemacht, als du von dem Unfall von Michael Schumacher gehört hast?
Ich war zuhause, meine Frau rief mich herein und sagte nur: 'Guck mal, hier steht aber wieder ein Stuss.' Bei irgendeinem Nachrichtensender kam unten so ein Band, wo stand: 'Michael Schumacher schwer verunglückt.' Ich dachte nur, da hat aber mal wieder jemand richtig recherchiert. Kann ja gar nicht sein, der ist doch im Urlaub. Mir war klar: Er ist im Urlaub und da kann ihm nichts passieren. Denn bei den Worten schwer verunglückt hatten wir ja immer im Kopf: Das passiert mit dem Rennwagen oder dem Motorrad. Michael war irgendwie unantastbar. Ich hatte ihn ja erst Tage vorher noch auf einer gemeinsamen Veranstaltung getroffen, da sagte er: Morgen flieg' ich zum Skilaufen nach Frankreich. Deswegen dachte ich: Da kann doch gar nichts sein, er ist im Urlaub.
Später wurde die Meldung dann aktualisiert mit dem Zusatz 'im Skiurlaub'. Da habe ich dann wirklich einen Schock bekommen. Man wusste ja nicht, was denn ist. Es kam stückchenweise heraus. Zuerst hieß es, er habe den Helikopter noch heran gewunken, da dachte ich, dann muss es ja noch ok sein. Dann war das ein ganz übler Kreislauf, die Meldungen haben sich minütlich verschlechtert.
Wann hast du realisiert, wie schlimm es um Michael Schumacher steht?
Schwer zu sagen, denn es kamen sehr viele Meldungen. Ich war sehr vorsichtig und skeptisch, habe eigentlich nur das geglaubt, was wirklich aus der Quelle Schumacher kam, also vom Management. Alles andere wollte ich nicht glauben. Auch die Spekulationen, die dann aufkamen, er habe immer schon das Adrenalin gesucht. Nein, völlig falscher Gedanke! Was er gemacht hat, hat mit Adrenalin nichts zu tun. Er ist mit 20 km/h durch den Tiefschnee gefahren und wollte von einer auf die andere Piste. Das hat mit Adrenalin nichts zu tun. Das kann jedem Urlauber passieren. Es war einfach ein schreckliches Unglück.
Du kennst ihn sehr gut – was hat es mit dir gemacht, nachdem klar war, wie die Lage ist?
Ich war wirklich einfach geschockt. Zu dieser Zeit bin ich mit Michael ja wieder näher zusammengerückt, weil wir diese Interviewreihe durch verschiedene deutsche Städte gemacht haben. Da waren wir immer anderthalb Stunden zusammen auf der Bühne, mithin auch eine Stunde backstage unterwegs oder haben hinterher noch etwas zusammen gegessen oder getrunken. Da hast du plötzlich wieder eine ganz andere Nähe. Wir wollten diese Tour auch weiter machen, es gab Pläne. Für mich war das unvorstellbar.
Michael Schumacher war für uns alle irgendwie unverletzlich. Er ist aus allen Unfällen rausgekommen, hat sich aus dem Hubschrauber gestürzt – nix passiert. Selbst die Motorrad-Unfälle, die nicht gerade glimpflich waren, hat er noch gut weggesteckt. Ich konnte und wollte es nicht glauben. Aber es war so.
Er war ja auch ein begeisterter und guter Skifahrer …
Er war ein guter und sicherer Skifahrer. Aber das sind ja Unfälle, Unglücke – da ist keiner gegen gefeit. In der Badewanne ausrutschen, die Treppe runterfallen. Das sind diese Dinge. Wir alle haben irgendwie so ein Ablaufdatum und keiner weiß, wann das eintritt und wo das steht. Das sind Unglücke und Schicksale, die passieren können.
Michael selbst hat immer gesagt, ich verfahre nach dem Schicksalsprinzip. Wenn man ihn gefragt hat: 'Mensch immer diese hohe Geschwindigkeit und keine Angst vor dem Motorrad fahren?' Da hat er immer gesagt: 'Ich verfahre nach dem Schicksalsprinzip. Wenn ich in der Badewanne ausrutschen sollte, dann soll es eben so sein.'

Der Tag hat natürlich auch das Leben der Familie Schumacher völlig verändert.
Das ist der nächste Gedanke, den man in dieser Zeit immer hatte: Was macht das mit der armen Familie? Michael Schumacher ist eine Ikone und dann kommt ja auch Druck von außen. Jeder wollte wissen: Wie geht es dem Michael? Wenn ich zum Beispiel durch die Stadt gehe – es ist Dezember, es ist zehn Jahre her – werde ich, ohne zu übertreiben, bestimmt noch wöchentlich angesprochen: 'Hör mal, du weißt doch bestimmt mehr: Wie geht's denn dem Michael?' Auch in diesen Tagen noch. Da sieht man, was das für eine Wucht in der deutschen Öffentlichkeit hinterlassen hat. Egal, ob ich auf der Bühne stehe, im Boxring stehe, beim Bäcker bin, beim Friseur, überall werde ich darauf angesprochen.
Du kennst die Familie: Woher nimmt sie die Kraft, mit diesem Schicksal umzugehen?
Die Familie hält sehr gut zusammen, das macht sehr viel aus, dass sie sehr eng miteinander sind. Man muss auch sagen: Das Management, Sabine Kehm, macht das nach außen hin sehr gut, kümmert sich darum, den Druck von außen fernzuhalten. Wir haben das anfangs erlebt, als Journalisten und Fotografen versucht haben, sich in die Klinik zu schleichen. Dass es da irgendwann eine Übereinkunft gegeben hat, dafür hat die Familie schon gesorgt. Sie haben gesagt: Er hat uns allen viel Freude gemacht, lasst ihn bitte in Ruhe, lasst ihn in seiner Reha, in welcher Stufe er sich auch immer befindet, lasst uns bitte unser Familienleben in Ruhe weiterleben. Und irgendwie hat es bis heute – wie ich finde – gut funktioniert. Die Leute respektieren das, weil sie Michael, seine Leistung und seine Familie immer respektiert haben.
Dass in Zeiten von Social Media gar nichts nach draußen dringt, ist schon sehr außergewöhnlich oder?
Das ist ein Gespräch, was man unter Kollegen immer mal wieder führt. Es ist ja fast ein Wunder, da es genug Paparazzi gibt, die genau um die Ecke warten. Dass die mit der ganzen Macht von Social Media da nicht in der Schweiz Tag und Nacht lauern, um ihre Paparazzi-Fotos zu schießen –, das scheint zu funktionieren und ist – finde ich – fast die größte Leistung.
Was hat der Unfall mit Mick gemacht, der auch Motorsportler ist und nun einen Vertrag in der WEC unterschrieben hat? Auch er wirkt nach außen sehr gefestigt und lässt sich nichts anmerken.
Ich glaube, Mick ist durch diese ganze Geschichte unglaublich gereift und sehr schnell erwachsen geworden. Für ihn war gut, dass diese ganze Formel-1-Phase und vorher der Aufbau in den Juniorklassen schnell kam, sodass er 24 Stunden am Tag damit beschäftigt war, seinem Traum hinterherzugehen. Dass er ein Stück weit positiv abgelenkt war und sich gesagt hat: 'Ich muss den Alltag akzeptieren, wie er ist und mache hier meinen Job.' Ich habe den Eindruck, dass er ruckzuck erwachsen geworden ist. Es ist erstaunlich, wie cool, wie vernünftig, wie gelassen er mit der ganzen Geschichte umgeht.
Mit Kai Ebel sprach RTL-Redakteur Marc Bätz


