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Pogacar vs. Vingegaard: Vorentscheidung beim Bergzeitfahren?

Vingegaard gegen Pogacar: Bringt das Bergzeitfahren die Tour-Vorentscheidung?
Vingegaard gegen Pogacar: Bringt das Bergzeitfahren die Tour-Vorentscheidung?
Foto: © IMAGO/Fotoreporter Sirotti Stefano
18. Juli 2023, 07:32

Jonas Vingegaard gegen Tadej Pogacar - und beide alleine gegen die Uhr: Die hammerharten 22,4 km zwischen den Alpen-Städtchen Passy und Combloux könnten am Dienstag bei der Tour de France vorentscheidend sein. Bergzeitfahren haben beim Radsport-Klassiker in Frankreich schon oft für Drama gesorgt. Ein Rückblick.

1939, Col d'Iseran: Es waren schlimme Zeiten, weltgeschichtlich wie bei der Tour. Dort hatte sich nämlich ein besonders böser Mensch folgendes ausgedacht: Wir tragen erstmals ein Einzelzeitfahren aus, das über einen hohen Berg geht, wählen mit dem Iseran (2770 m) den höchstmöglichen, setzen die Distanz auf groteske 64 km fest.

Und weil das nicht arg genug ist, nennen wir die Etappe 16b, tragen zuvor am Morgen noch als 16a eine regulärer Berg- und am Nachmittag als 16c eine Flachetappe aus.

Heute ein Fall für Amnesty International, damals einer für den Belgier Sylvain Maes, der das Zeitfahren mit vier Minuten Vorsprung und schließlich auch die Tour gewann.

1958, Mont Ventoux: Spät entdeckten die Organisatoren den kahlen Giganten der Provence für die Tour und führten ihn mit einem zünftigen Gladiatoren-Kampf ein.

Das Zeitfahren der Ventoux-Premiere beschränkte sich auf gnädige 21,5 km durch die glutheiße Mondlandschaft, der Luxemburger Charly Gaul siegte in einem epischen Duell vor Spaniens Topmann Federico Bahamontes und gewann die Tour.

Bergzeitfahren bei der Tour de France: Als Tom Simpson starb

1962, Superbagneres: Vier Jahre später war Bahamontes in den Pyrenäen nicht zu schlagen, das Ergebnis dieses unfassbar schnellen Bergzeitfahrens (18,5 km in einem 23er-Schnitt) liest sich wie das Radsport-Walhalla: Bahamontes, dahinter 1:25 Minuten zurück Planckaert, dann Anquetil, Gaul, die Deutschen Junkermann und Wolfshohl vor Poulidor.

Der Brite Tom Simpson verlor 5:40 Minuten und das Gelbe Trikot, was zu verschmerzen gewesen wäre, hätte er 1967 am Ventoux nicht auch sein Leben verloren.

1987, Mont Ventoux: Als hätte man aus dem Schicksal Simpsons nichts gelernt, war das zweite Ventoux-Zeitfahren am 20. Todestag des Briten doppelt so lang wie das erste. In dieser 36,5-km-Hitzeschlacht zerstörte der Franzose Jean-Francois Bernard, später bei vier Tour-Siegen Miguel Indurains zentraler Helfer, die Konkurrenz, siegte mit 1:39 Minuten Vorsprung.

"Jeder hat gesehen, wie stark ich war. Die Tour werde ich gewinnen", tönte Bernard hochmütig. Der Ventoux rächte sich: Dem Franzosen fehlte in der letzten Tour-Woche die Kraft, er wurde Dritter.

Bergzeitfahren bei der Tour de France: Armstrong galt als unzerstörbar

1996, Val d'Isere: Fünfmal in Folge gewann Indurain die Tour, am historischen Sieg Nummer sechs scheiterte der Spanier kläglich, auch im Bergzeitfahren der 96er-Tour war er kaum konkurrenzfähig.  In Val d'Isere gewann stattdessen der Russe Jewgeni Bersin, jung, blond und elegant, kommender Superstar. Bis er einen Tag später das Gelbe Trikot verlor. An Bjarne Riis, ältlich, halbkahl und rustikal.

2001, Chamrousse: Es waren die beiden vielleicht schlimmsten Tage im Duell Jan Ullrichs mit seiner Nemesis Lance Armstrong. Am Tag zuvor hatte ihn der US-Amerikaner in L'Alpe d'Huez gedemütigt (Stichwort: The Look) und zwei Minuten abgenommen, beim Bergzeitfahren oberhalb Grenobles kam noch eine hinzu.

2004, L'Alpe d'Huez: Ein einziges Mal waren die legendären 21 Kehren Schauplatz eines Tour-Bergzeitfahrens. Und wieder kletterte Armstrong Widersacher Ullrich in Grund und Boden, siegte mit 61 Sekunden Vorsprung.

Armstrong war der ultimative Bergzeitfahrer, gnadenlos und unzerstörbar. Heute kennt man die Gründe. Im Radsport ist Armstrong Schrödingers Katze: Der Jahrhundert-Doper gewann die Tour gleichzeitig siebenmal und keinmal.

2020, La Planche des Belles Filles: Was zum Wahnsinn der Vogesen werden sollte, war eigentlich als Formsache angelegt. Am vorletzten Tour-Tag ging der führende Slowene Primoz Roglic mit 57 Sekunden Vorsprung auf seinen blutjungen Landsmann Pogacar als designierter Gesamtsieger ins Zeitfahren.

Doch schon auf der ewig langen Anfahrt zum Schlussanstieg verbummelte Roglic das Polster. An der Planche verlor er dann vollends die Nerven, beinahe seinen Helm, schließlich fast zwei Minuten auf Pogacar und am Ende die Tour.

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