Die deutsche Nummer eins ist startklar für die Vierschanzentournee: Karl Geiger hat mit seinem Sieg bei der Generalprobe in Engelberg die Hoffnung auf den ersten deutschen Tourneesieg seit zwei Jahrzehnten befeuert.
Karl Geiger schaute selig auf den hübschen Kristallengel in seiner Hand, doch die wahre Trophäe der Begierde ist spätestens seit dem vierten Advent ein mächtiger Goldadler. "Ich habe die Minuten bei der Siegerehrung extrem genossen, das war echt genial", sagte Deutschlands Skispringer Nummer eins in Engelberg nach seinem beeindruckenden Triumph bei der Generalprobe für die Vierschanzentournee.
Zu eben jener wird Geiger, der ein nahezu perfektes Wochenende am Sonntag mit Platz zwei abrundete, im Gelben Trikot des Weltcup-Spitzenreiters reisen. Und am 29. Dezember in seiner Heimat Oberstdorf mit viel Selbstbewusstsein den Kampf um den wichtigsten "Vogelpokal" der Sportwelt aufnehmen.
"Karle Cool" beweist mentale Stärke
"Megageil" sei das, sagte Geiger nach seinem elften Weltcupsieg am Samstagabend - den ersten hatte er 2018 auch auf der schwierigen Gross-Titlis-Schanze im idyllischen Schweizer Bergort gefeiert. Dass der 28-Jährige dann am Adventssonntag mit einem prächtigen Gefühl in die kurze Weihnachtspause zu Frau Franziska und Töchterchen Luisa aufbrechen konnte, "gibt mir echt Aufwind".
Dabei gehört "Karle Cool", das zeigte sein Sieg am Samstag, mental ohnehin zu den allerstärksten. Als vorletzter Springer musste er im zweiten Durchgang ran, direkt vor ihm hatte der momentan ebenfalls in Sahneform agierende Japaner Ryoyu Kobayashi - Sieger im zweiten Springen am Sonntag - mit der Tagesbestweite von 140,5 m mächtig Druck aufgebaut. Doch Geiger konterte unbeeindruckt mit 140,0 m. Der folgende Slowene Timi Zajc patzte - Geigers zweiter Saisonsieg vier Wochen nach dem Auftakterfolg in Nischni Tagil war perfekt.
"Karl hat bewiesen, wie stark er sein kann im Wettkampf", sagte Bundestrainer Stefan Horngacher über seinen Topmann, der zuletzt in Klingenthal noch ein wenig unter Wert geschlagen worden war und leise haderte. "Er hat seinen idealen Sprung gesucht, den hat er heute gefunden", meinte Horngacher. Es gibt schlechtere Fundsachen so kurz vor der Tournee.
Geiger reist in Gelb zum Tourneeauftakt
Dass er dort als Weltcup-Spitzenreiter vorstellig werden darf, sei schlichtweg "megacool. Es ist ein Privileg, darauf arbeitet man immer hin", sagte Geiger: "Und deshalb freue ich mich sehr darauf, das Gelbe Trikot in der Heimat tragen zu dürfen." Das Leader-Jersey kann auf den schmalen Skispringer-Schultern aber auch eine Bürde sein.
Nur zwei deutsche Adler traten im vergangenen Vierteljahrhundert in Gelb zum Tourneeauftakt an: 1999 gewann Martin Schmitt dann auch in Oberstdorf, wurde aber als Topfavorit nur Gesamtdritter - die Tournee gewann er nie. Und 2017 gewann Richard Freitag wie nun Geiger in Engelberg, stürzte aber bei der Tournee in Innsbruck schwer und musste aufgeben. Das begehrte Trikot war aus deutscher Sicher bislang alles andere als ein textiler Glücksbringer.
Mit derartigen Erzählungen wollte sich Geiger dann auch gar nicht erst befassen. Vorerst zählte für ihn nur der Engelberger Kristallengel in der Hand, auf den Goldadler wolle er sich erst später fokussieren und über die Tournee dann auch nicht zuviele Worte verlieren. Der Engelberger Generalprobencharakter sei ja bestenfalls eine psychologische Angelegenheit. "Was hier passiert", sagte er, "das spielt für die Tournee genau überhaupt keine Rolle."