Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund hat seine wichtigste Kader-Baustelle mit dem Transfer von Torwart Gregor Kobel frühzeitig geklärt. Ob der BVB bald jedoch eine weitere Problemzone dazubekommt, die es vor dem Saisonstart auszumerzen gilt, hängt wohl auch vom Ausgang der Europameisterschaft ab. Und von den Leistungen von Raphael Guerreiro.
Raphael Guerreiro übt die Rolle als heimlicher Star mit gewisser Perfektion aus. Bescheiden bejubelt er den lang ersehnten Führungstreffer gegen die Ungarn (3:0), den er seinen Portugiesen in der Schlussphase des ersten Gruppenspiels bei der EM beschert hat. Sein Schuss ist abgefälscht, eher entschuldigend hebt er kurz darauf die Arme, ehe er von den Kollegen gefeiert wird.
Was die Szene zum späten 1:0 des nächsten deutschen Gruppengegners ebenfalls zeigt: Guerreiro ist nicht einfach nur ein klassischer Linksverteidiger. Bekommt er die offensiven Freiheiten, agiert er als zweiter Flügelstürmer auf der linken Seite. Zudem fühlt er sich äußert wohl im Zentrum, seinen Treffer gegen Ungarn schoss er auf Höhe des gegnerischen Strafraums ab. Nicht ungerne würde er sich selbst im zentralen Mittelfeld aufstellen.
Die Zahlen belegen: Guerreiro ist für den BVB unverzichtbar
Wie unverzichtbar der 27-Jährige für den BVB ist, beweist der kurze Blick auf die abgelaufene Spielzeit. Ist Guerreiro fit, ist er auf der linken Seite gesetzt. Egal, ob als linker Verteidiger in einer Viererkette oder als Mittelfeldmann im System mit drei zentralen Abwehr- und zwei vorgerückten Außenbahnspielern.
27 Bundesliga-Einsätze waren es für Guerreiro in 2020/21, allein wiederkehrende Muskelverletzungen verhinderten sieben weitere. Gleiches gilt für die Champions League und den DFB-Pokal - der in der Nähe von Paris geborene Linksfuß war dabei, wenn möglich.
Die Ausbeute von fünf Liga-Toren und zehn Vorlagen unterstreicht den Wert des 47-fachen Nationalspielers. BVB-intern ist er viertbester Scorer hinter Marco Reus, Jadon Sancho und Erling Haaland.
Dortmund hat keine wirkliche Alternative
Borussia Dortmunds Plan B auf der linken Seite heißt bislang noch Nico Schulz, der auch in seinem zweiten Jahr im schwarz-gelben Trikot nicht zu überzeugen wusste. Schon im vergangenen Winter galt der Berliner als Abschiedskandidat, Medienberichten zufolge gehört er auch in diesem Sommer zu den möglichen Transfers.
In Felix Passlack hat ein variabel einsetzbarer Flügelspieler seinen Vertrag beim BVB zwar verlängert. Doch als wirkliche Alternative zu Raphael Guerreiro kann auch das Dortmunder Eigengewächs noch nicht herhalten, zumal er eher über die rechte Seite kommt. Dort dürfte er mit Thomas Meunier um den Stammplatz kämpfen, bis Mateu Morey seine schwere Knieverletzung überwunden hat und den Konkurrenzkampf weiter anheizt.
Was passiert also, sollte Raphael Guerreiro (erneut) verletzungsbedingt ausfallen? Was passiert, sollte er sich über die Europameisterschaft noch mehr in den Fokus anderer Vereine spielen? Gänzlich von der Hand zu weisen ist ein solches Szenario keineswegs, zeigten doch in jüngerer Vergangenheit Klubs wie Paris Saint-Germain starkes Interesse. Zudem war vor zwei Jahren das Heimweh nach Paris so hoch, dass er einen Abschied durchaus in Betracht gezogen hatte, wie er später bekannte.
Kaderplanung für den BVB schwierig - DFB-Profi ein Kandidat?
Da der europäische Transfermarkt wenige Wochen nach Saisonende noch nicht ins Rollen gekommen ist und viele Deals wohl erst nach einem "Domino-Effekt" möglich werden, muss die Frage nach einer Guerreiro-Alternative bei den Dortmunder Kaderplanern um Sportdirektor Michael Zorc und dessen designierten Nachfolger Sebastian Kehl wohl vorerst hinten angestellt werden.
Spekulationen über einen möglichen neuen Linksverteidiger beim BVB sind daher rar gesät. Allein Robin Gosens wurde im vergangenen April mit dem Revierklub in Verbindung gebracht - nachdem der Atalanta-Profi von der "dpa" direkt auf einen möglichen Wechsel zum BVB angesprochen wurde. Der bekennende Schalke-Fan antwortete frei heraus und durchaus überraschend: "Wenn also tatsächlich ein Angebot vom BVB kommen sollte und die wollen, dass ich für sie im nächsten Jahr die linke Seite beackere, dann würde ich mir das sicher überlegen."
Ein Spieler wie Gosens würde sicherlich den Konkurrenzkampf auf der linken Seite anheizen. Auch der DFB-Auswahlspieler kann leicht zwischen einem 3-4-2-1 und einem 4-2-3-1 wechseln - beides sind Systeme, die der neue BVB-Trainer Marco Rose bevorzugen dürfte. Ob ein Transfer für den BVB letztlich jedoch infrage käme, steht angesichts von kolportierten 30 Millionen Euro und mehr jedoch auf einem ganz anderen Blatt.
So oder so: Der BVB wird tunlichst vermeiden wollen, seinen unverzichtbaren Raphael Guerreiro bei einem anderen Klub spielen zu sehen - egal, wie sehr er sich bei der Euro ins Schaufenster spielt. Am Mittwoch feierte Guerreiro übrigens sein fünfjähriges Jubiläum beim Pokalsieger. Zwei weitere Jahre sind vertraglich noch vereinbart.
Gerrit Kleiböhmer


























