Marcel Kittel quälte sich, doch dank der traumhaften ersten Tour-Woche ließ sich die Schinderei in den Bergen besser verkraften. "Das war eine harte Etappe, aber das Grüne Trikot hat sie erträglicher gemacht", sagte der deutsche Top-Sprinter nach der Kletterpartie der achten Tour-Etappe zur Station des Rousses.
Das Gebirge war nie Kittels Revier, die Königsetappe am Sonntag über drei Anstiege der Ehrenkategorie wird für den blonden Hünen die größtmögliche Plackerei. Im Flachen, wenn Etappen bei der Frankreich-Rundfahrt in Massensprints enden, fühlt sich der 29-Jährige dagegen pudelwohl - und ist derzeit eine Klasse für sich.
Drei Teilstücke hat Kittel bei der 104. Auflage der Großen Schleife bereits für sich entschieden, den deutschen Etappenrekord von Erik Zabel egalisiert und beste Aussichten auf den Gewinn des Grünen Trikots. Pünktlich zum Saisonhöhepunkt ist Kittel in Top-Form, mit Ausnahme des Chaos-Finals der vierten Etappe in Vittel gewann er bislang jede Sprintankunft. Zuletzt siegte Kittel am Freitag, als er sich in einer Millimeterentscheidung durchsetzte.
Besser als Zabel?
Es war Kittels bislang knappster und insgesamt zwölfter Erfolg bei der Großen Schleife, der gebürtige Thüringer zog dadurch mit dem bisherigen deutschen Rekordhalter Zabel gleich. Dieser hatte die Bestmarke innerhalb von sieben Jahren (1995 bis 2002) aufgestellt, Kittels erster Etappensieg bei der Tour 2013 liegt gerade einmal vier Jahre zurück.
Ein Ende der Siegesserie ist nicht in Sicht. Kittel, davon ist auszugehen, wird zeitnah zum erfolgreichsten deutschen Sprinter der Tour-Geschichte. Sein Ansporn ist diese Statistik jedoch nicht. "Ich fahre die Rennen nicht für Rekorde. Der Radsport allein ist erfüllend", sagte Kittel, "aber natürlich machen mich Siege glücklich."
Traumcomeback nach Seuchenjahr
Für das aktuelle Niveau hatte Kittel lange schuften müssen. Nach seinem Seuchenjahr 2015 war er zwar schon im vergangenen Sommer wieder auf einem hohen Level, aber keineswegs derart dominant. "Es war ein harter Weg zurück", sagte Kittel. Es war auch ein Weg der Suche nach innerer Balance.
Die Viruserkrankung und in der Folge die Tour-Ausbootung hatten ihn vor zwei Jahren an vielen Dingen zweifeln lassen. Gerade weil Kittel 2013 und 2014 bei der Tour zum weltbesten Sprinter aufgestiegen war. "In einer Karriere gibt es immer Hochs und Tiefs. Aber am Ende zählt, dass ich dieses Level und diese Siege wieder erreicht habe", sagte der Wahl-Schweizer.
In der derzeitigen Verfassung wird Kittel mehr denn je zum Objekt der Begierde. Die Tour de France ist traditionell auch eine Art Transferbasar, auf dem im Radsport Verträge ausgehandelt und Weichen für die Zukunft gestellt werden. Kittels Arbeitspapier bei der belgischen Equipe Quick-Step Floors endet nach dieser Saison.
Bleibt Kittel Quick-Step treu?
Es laufen Gespräche über eine Verlängerung, doch auch dem Team Katjuscha-Alpecin um Kittel-Kumpel und Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin wird reges Interesse am Top-Sprinter nachgesagt. Ein Wechsel erscheint nicht unwahrscheinlich: Katjuscha-Sprinter Alexander Kristoff wirkt unzufrieden, zudem dürfte sich der deutsche Shampoo-Hersteller als Co-Sponsor das Werbegesicht Kittel in den eigenen Reihen wünschen.
Günstiger wird eine Verpflichtung Kittels angesichts der starken Tour-Leistungen nicht, der mächtige Quick-Step-Teamboss Patrick Lefevere stöhnte bereits. "Ich bin raus, er ist jetzt so teuer, dass ich ihn nicht bezahlen kann", sagte er mit einem Augenzwinkern.
Mehr als die finanziellen Anreize beschäftigt Kittel aber die sportliche Perspektive. Im vierfachen Giro-Etappensieger Fernando meldet bei Quick Step ein weiteres Sprint-Ass Ansprüche an. Lefevere sieht darin allerdings keine Hürde. "Marcel möchte bleiben, ich möchte ihn halten." Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.



