In einem privaten Interview mit dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" hat Formel-1-Pilot Lewis Hamilton vor dem Großen Preis von Aserbaidschan am Sonntag in Baku über seine Werte gesprochen, erzählt, was ihn nachdenklich macht und wer seine Vorbilder sind.
"Was mich vor allem antreibt im Leben, ist die Tatsache, dass das Leben kurz und wertvoll ist", sagt er dem "RND". Ein einschneidendes Erlebnis hatte der Mercedes-Fahrer dabei vor vier Jahren, als seine Tante starb. "Ich war in den letzten zwei Wochen ihres Lebens fast die ganze Zeit bei ihr. Und an ihrem letzten Tag hat sie sich noch einmal aufgesetzt und gesagt:
'Ich kann es nicht glauben, dass ich die ganze Zeit in einem 9-to-5 Job gearbeitet habe, immer alles für später aufgespart habe, für die Dinge, die ich vielleicht noch einmal machen wollte'." Dieses Erlebnis habe bei ihm bewirkt, "dass ich versuche, wirklich jeden Tag so intensiv wie möglich zu nutzen und zu schätzen, keine Zeit zu verschwenden".
Hamilton, dessen Großeltern in den 1950er-Jahren nach Großbritannien ausgewandert sind und dessen Vater die Familie zwischenzeitlich mit zwei Nebenjobs durchbrachte, spricht auch über seine Kindheit. "Ich weiß, wie es ist, irgendwo auf einer Couch zu schlafen – oder auch mal am Boden. Aber das, was mir aus der Zeit meiner Jugend bis heute geblieben ist, ist dieser hundertprozentige Hunger nach Erfolg. Und das wirkt sich auch heute noch auf meine Fahrweise aus. Ich bin damals gegen Kinder Kart gefahren, die alles hatten, bis zum Luxus eines komfortablen Motorhomes und die besten Karts. Und wir hatten eine Schrottkiste. Aber wir haben damit gewonnen. Mit dem gleichen Hunger kämpfe ich heute noch auf der Strecke."
Welt in "einem schlimmen Zustand"
Sorge bereitet dem 32-Jährigen die weltpolitische Lage. "Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass die Welt heute in einem schlimmen Zustand ist, vielleicht im schlimmsten überhaupt, seit ich mich erinnern kann. Was in der heutigen Zeit alles passiert, wie der Terroranschlag von Manchester ... Das ist alles unfassbar. Aber es hat mich auch nicht mehr losgelassen, als ich die Bilder von den toten Kindern nach dem Giftgasangriff in Syrien gesehen habe. Wie können Menschen so dumm und so herzlos sein, so etwas zu tun?"
Der Brite versucht daher auch, selbst etwas zu verändern. "Wenn ich ein Krisengebiet wie Haiti nach dem Erdbeben besuche, vielleicht werden dann andere, die das sehen, ermutigt, dorthin zu gehen und zu helfen. Darum poste ich solche Dinge, in der Hoffnung, dass es bei manchen einen Punkt berührt, etwas auslöst. Vielleicht auch, dass man eigene kleine Probleme nicht mehr so wichtig nimmt. Aber letztlich ist es wohl nicht viel mehr als ein ganz feines Haar, das man in einen großen Teich wirft."
Seine Vorbilder, die ihn inspiriert haben, seien Ayrton Senna, Muhammad Ali und Nelson Mandela. "Ich bewundere sie, weil sie sich für andere eingesetzt haben, für Menschenrechte, weil sie sich selbst immer treu geblieben sind." Von Mandela wurde er einst nach Südafrika eingeladen. "Ich habe dort eine Woche mit ihm zusammen verbracht. Das war für mich eine der schönsten und wichtigsten Erfahrungen meines Lebens, mit dem absoluten 'King' zusammen zu sein."


