Im schmucken Rosa Jersey wurde der oft so grimmige Gorilla ganz sanft. "Diesen Sieg und dieses Trikot", sagte André Greipel, "widme ich meiner Mutter". Diese leidet an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS. Familienmensch Greipel ist in Gedanken stets bei ihr - auch und vor allem am Samstag bei einem der größten Erfolge seiner langen Karriere als Radprofi.
Mit dem Triumph auf der zweiten Etappe des Giro d'Italia in Tortoli auf Sardinien hat sich der 34 Jahre alte Rostocker einen lange gehegten Traum erfüllt: Erstmals sicherte er sich das Leader-Trikot bei einer großen Landesrundfahrt, mit seinem insgesamt 22. Etappensieg bei Tour de France, Vuelta und Giro.
"Ich bin sehr stolz, wieder beim Giro gewonnen zu haben. Das Rosa Trikot hier zu bekommen und vor diesen radsportverrückten Fans zu tragen, ist ein unglaubliches Gefühl", sagte Greipel, der ohnehin schon der erfolgreichste Deutsche in der Geschichte der Italien-Rundfahrt war.
Auf die Pleite folgt der Triumph
Giro-Sieg Nummer sieben, in gewohnt dominanter Manier im Massensprint herausgefahren, war aber in vielerlei Hinsicht der außergewöhnlichste. Denn da war nicht nur die ergreifende Geschichte mit Greipels Mutter, gegen deren tückische Krankheit ALS sich der Sprintstar vehement engagiert. Es ist nunmal auch der Jubiläums-Giro, der 100., den der Kapitän des Lotto-Soudal-Teams auch noch mit Startnummer 100 bestreitet. Und dann kam der Etappensieg auch noch unerwartet, am Tag nach der großen Pleite.
Am Freitag war auf der ersten Etappe eigentlich alles für einen großen Greipel-Tag bereitet gewesen, auf dem flachen Teilstück nach Alghero war der deutsche Meister der Topfavorit. Doch dann übertölpelte Österreichs Außenseiter Jakob Pöstlberger die versammelten Sieganwärter, sicherte sich Tageserfolg und Führung in der Gesamtwertung.
Überraschender Sprint
Greipel wurde Dritter, der Traum vom Rosa Trikot schien zumindest für 2017 geplatzt - die hügelige zweite Etappe schien kein Sprinter-Terrain zu sein. "Wir haben am Samstag nicht wirklich mit einer Sprintentscheidung gerechnet", sagte Greipel: "Einen Plan hatten wir natürlich dennoch."
Und der ging perfekt auf. Als das große Feld am Passo Genna Silana, einem Anstieg der zweiten Kategorie rund 50 km vor dem Ziel, zusammen war, übernahm Greipels Team das Kommando, brachte seinen Käpt'n lehrbuchmäßig auf die Zielgerade - und der Gorilla ließ die Muskeln spielen, siegte souverän vor Roberto Ferrari und Jasper Stuyven.
"Nicht nur für mich, sondern auch für das ganze Team war das etwas Besonderes - bis dahin ist die Saison ziemlich schwierig gewesen", sagte Greipel: "Um ehrlich zu sein, ist unser Giro mit diesem Sieg schon jetzt ein Erfolg. Aber wir wollen natürlich mehr."





