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Naiv, süchtig, wertvoll: Rüdiger bei der Roma

Antonio Rüdiger weiß: Die nächsten Spiele sind für den AS Rom richtungsweisend
Antonio Rüdiger weiß: Die nächsten Spiele sind für den AS Rom richtungsweisend
Foto: © getty, NurPhoto
03. März 2017, 10:30
sport.de
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Seit anderthalb Jahren gehört Antonio Rüdiger bei der Roma zum Stammpersonal. Dennoch wurde der deutsche Nationalspieler unlängst von der italienischen Presse wegen eines Fehlers verrissen. Bröckelt das Image des Musterprofis in der Ewigen Stadt?

"Er schädigt die Roma mit diesem absurden Platzverweis. Naiver geht's nicht", polterte die "Gazzetta dello Sport". Antonio Rüdiger hatte am Abend zuvor im Rückspiel der Europa League gegen Villarreal die Gelb-Rote Karte gesehen, nachdem er Gegenspieler Álvaro González bei eigenem Freistoß mit den Händen ins Gesicht stoß.

Geradezu "süchtig" sei er nach dem spanischen Verteidiger gewesen, befand das Portal "tuttomercato". Von der großen Mehrheit der italienischen Medien kassierte der Deutsche die schlechteste Bewertung aller Feldspieler - die Quittung für einen rabenschwarzen Abend.

Denn unnötiger hätte ein Platzverweis nicht sein können. Schließlich gehörte das Spiel aus Sicht der Roma eher in die Kategorie "unbedeutend". Die Hauptstädter standen nach dem 4:0-Hinspiel-Erfolg schon mit einem Bein im Achtelfinale; nur noch zehn Minuten waren im Stadio Olimpico auf der Uhr. Obendrein wurde Rüdiger erst zur Pause für Kostas Manolas eingewechselt. Die Spielzeit des Ex-Stuttgarters: 36 Minuten.

Voller Reue meldete sich Rüdiger nach der Partie via Twitter zu Wort und gab sich kleinlaut: "Ich entschuldige mich für die zweite Gelbe Karte bei meinen Mannschaftskameraden, dem Klub und den Fans." 

In Europa gejagt - in Rom geschätzt

Doch trotz der nicht ganz unbegründeten Kritik muss sich Rüdiger keine Sorgen um seine sportliche Zukunft bei den Giallorossi machen. Seit seinem Wechsel im Sommer 2015 sind die Dienste des 23-Jährigen begehrt. In seiner Debüt-Saison unter Ex-Coach Rudi Garcia gehörte er gleich zum Stammpersonal. Unbändiger Eifer und körperliche Präsenz: Der gebürtige Berliner machte sich schnell unverzichtbar.

Lohnenswert war aus Sicht der Römer rückblickend auch die Entscheidung, den Deutschen nicht an die internationale Konkurrenz verkauft zu haben. Interessenten soll es genug gegeben haben. Im Sommer wedelte schließlich auch der FC Chelsea mit dem Check-Buch. 25 Millionen Euro standen immerhin im Raum. Doch Rüdiger wollte bleiben: "Ich habe jederzeit gesagt, dass ich mich hier wohlfühle."

Zum Dank für die starken Leistungen wurde Rüdiger von Joachim Löw gar in den Kader für die Europameisterschaft 2016 berufen. Nachdem er sich jedoch im Training mit der Nationalmannschaft das vordere rechte Kreuzband riss, schien ein erster Tiefschlag erreicht. Voraussichtliche Ausfallzeit: Sechs Monate.

Tiefschlag? Rüdiger schlägt zurück

Doch dem Verteidiger war dies zu lang. Nur vier Monate später stand Rüdiger voller Tatendrang wieder auf dem Platz. Zuvor schuftete der Abwehr-Hüne wochenlang in der Reha für sein Comeback. Verständlich, dass der Rekonvaleszent nach dem ersten Spiel im Oktober überglücklich war: "Das Gefühl war im Grunde noch schöner als bei meinem ersten Spiel überhaupt für die Roma letztes Jahr. In der Sekunde wird einem dann klar: Die über hundert Rehastunden haben sich gelohnt!"

Seither verdeutlicht ein Blick in die Statistik den Wert des Deutschen für die "Wölfe": Spielt er, ist die Defensive der Roma deutlich stabiler. In den 22 Pflichtspielen mit ihm spielte die Roma zehn zu Null. Zum Vergleich: In den 15 Spielen ohne den 23-Jährigen gab es nur fünf Partien ohne Gegentor. Der Rechtsfuß, der in der Dreier-Abwehrkette unter Spalletti meist auf der rechten Seite agiert, kann außerdem auf der linken Abwehrseite eingesetzt werden. So ist die Flexibilität ein weiteres Plus des Abwehrspielers.

Rüdiger kämpft mit rassistischen Beleidigungen

Doch nicht nur sportlich ist Rüdiger ein Gewinn für den Vorjahresdritten der Serie A. Auch menschlich passt der 23-Jährige perfekt in die Mannschaft. Dies zeigt sich gerade in schwierigen Zeiten, wie am vergangenen Mittwoch im Derby della Capitale.

Dort wurde Rüdiger von Lazio-Anhängern mit rassistischen Beleidigungen, Pfiffen und Buh-Rufen aus dem Publikum angegriffen. Der Beleidigte wollte sich selbst nicht dazu äußern. Mannschaftskollege Strootman verurteilte die Angriffe jedoch aufs Schärfste: "Rüdiger hat nichts dazu gesagt, aber diese Dinge müssen auf jeden Fall an den Verband weitergeleitet werden."

Solchen und anderen Niederträchtigkeiten ist der Verteidiger leider des Öfteren ausgesetzt. Schon im Dezember wurde er von Lazio-Spieler Senad Lulić rassistisch beleidigt. Dieser war derart genervt von den schier unendlichen Zweikämpfen mit dem Deutschen, dass er nach der Partie tönte, Rüdiger habe "vor zwei Jahren in Stuttgart noch Strümpfe und Gürtel verkauft".

Der "deutsche Riese" muss zuschauen

Im Spitzenspiel der Serie A trifft der Deutsche nun am Samstag auf Verfolger SSC Neapel. Gewinnt die Roma, könnte der Anschluss an Spitzenreiter Juventus gewahrt werden. Dort will Rüdiger dann beweisen, dass der jüngste Aussetzer in der Europa League nur ein kleiner Kratzer an seinem Image als wertvoller Stammspieler war.

So könnte er bald auch wieder in den Medien lobend als der "deutsche Riese" gelten, wie ihn die "Gazzetta dello Sport" schon beschrieb. Ein paar Tage später ist er im Hinspiel der Europa League gegen Lyon allerdings trotzdem vorerst zum Zuschauen verdammt.

Gerrit Kleiböhmer

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