Mit dem wichtigsten Sieg seiner Karriere hat sich Marcel Kittel bei der Tour de France endgültig zurückgemeldet. Der Coup von Limoges soll indes nur der Anfang gewesen sein.
Marcel Kittel griff zum Küchenmesser und köpfte gekonnt die Champagner-Flasche, das gesamte Team feierte seinen Kapitän johlend mit einem Klatschkonzert: Nach dem wichtigsten und emotionalsten Sieg seiner Karriere brachte der deutsche Topsprinter die Stimmung im Mannschaftshotel zum Kochen. "Das tut mir, das tut uns unglaublich gut", sagte der Thüringer und stieß noch einmal auf seinen Tour-Coup an.
Dass Kittel 24 Stunden nach dem Triumph von Limoges auf der schweren Etappe durch das Zentralmassiv weit abgeschlagen hinter dem Sieger und neuen Gesamtführenden Greg Van Avermaet (Belgien/BMC) das Ziel erreichte, war nicht einmal ein Schönheitsfehler - der Sprinthüne ist in der Tour angekommen.
Der 28-Jährige in Diensten des belgischen Top-Rennstalls Etixx-Quick Step ist beileibe kein Frischling mehr in der Szene: Mit 70 Karriere-Siegen in Profirennen war Kittel in die Frankreich-Rundfahrt gegangen, 13 davon alleine bei großen Rundfahrten, acht bei der Tour. Der hauchdünne Triumph in Limoges aber, als er sich genau 28 Millimeter vor dem Franzosen Bryan Coquard ins Ziel rettete ("Der Strich hätte keinen Meter später kommen dürfen"), krempelte Kittels Gefühlsleben komplett auf links.
"Vom Mentalen her mein größter Erfolg"
"Die Erwartungshaltung war riesig, und das kann man nicht immer ausblenden", sagte Kittel: "Wahrscheinlich war ich deshalb auch so emotional im Ziel." Er jubelte, weinte, wusste nicht, wohin mit seiner Freude. Um den coolen Sprintdominator, der wegen seiner Ähnlichkeit zum schwedischen Actiondarsteller in seinem Team den Spitznamen "Dolph Lundgren" weg hat, war es geschehen.
"Vom Mentalen her ist das sicher mein größter Erfolg", sagte Kittel: "2013 war ich bei der Tour Überraschungssieger. 2014 habe ich gezeigt, dass ich zu den Spitzenleuten gehöre. Und trotz meines Mistjahres 2015 bin ich mit dieser Erwartung wieder in die Tour gestartet."
In jenem Mistjahr war alles gegen Kittel gelaufen. Eine Viruserkrankung hatte ihn wochenlang außer Gefecht gesetzt, mühsam kämpfte er sich zurück, erreichte aber nicht sein Top-Niveau - sein damaliges Team Giant-Alpecin verzichtete schließlich darauf, Kittel ins Tour-Aufgebot zu berufen. Am Ende des Jahres standen die geräuschvolle Trennung von Giant und der Wechsel zu Quick Step.
"Ich habe einige Rückschläge im vergangenen Jahr kassiert, zum ersten Mal in meiner Karriere. Daher wollte ich mich unbedingt zurückkämpfen", sagte Kittel: "2016 lief ja bis zur Tour schon ganz gut, aber die ist einfach etwas anderes." Auf der ersten Etappe hatte er als Zweiter Sieg und Gelb knapp verpasst, beim zweiten Massensprint am Montag war er chancenlos.
Vorfreude auf den ersten Ruhetag
"Mir sind LKW-Ladungen an Steinen vom Herzen gefallen", sagte Kittel: "Für mich verschwindet damit eine Menge Druck. Die Erwartungen bei Quick Step sind hoch, das bringt die Geschichte des Teams mit sich." Kittel fährt schließlich für eine der traditionsreichsten Mannschaften, seit mehreren Jahrzehnten prägt Team-Boss Patrick Lefevere mit Quick Step und dem Vorgänger Mapei den Radsport.
"Dem will ich natürlich gerecht werden", sagte Kittel: "Ich glaube, mit dem Sieg in Limoges ist der Knoten geplatzt." Am Donnerstag in Montauban, "da könnte für uns Sprinter wieder etwas gehen", sagt Kittel, "danach wird es in den Pyrenäen sehr schwer, und ich freue mich auf den Ruhetag."
Fern am Horizont zeichnet sich aber das Finale am 24. Juli in Paris ab, bereits zweimal (2013, 2014) hat Kittel im Sprinter-Mekka auf den Champs-Élysées gewonnen. Und dort soll auch diesmal die Tour-Krönung folgen. "Deshalb war wichtig", sagt Kittel, "dass wir in Limoges gemerkt haben, was dieses Team kann, was jeder einzelne kann."




