John Harbaugh ist nach 18 Jahren nicht mehr der Head Coach der Baltimore Ravens in der NFL. Was auf den ersten Blick wie ein Schock wirkte, war aber offenbar gar nicht so überraschend für Eingeweihte.
Die Zeiten, in denen Teams viele Jahre an einem Head Coach festhalten, sind länger vorbei. Vielerorts halten sich Coaches nicht mal mehr länger als ein, zwei Jahre. Schon deshalb war John Harbaugh, seit 2008 bei den Ravens, eine Anomalie. Er und Mike Tomlin in Pittsburgh (seit 2007) waren die Dienstältesten in der NFL, was Head Coaches angeht. Harbaugh ist nach der jüngsten Niederlage gegen Tomlin und die Steelers raus - Tomlin selbst könnte ebenfalls noch folgen, auch wenn das nach dem Erreichen der Playoffs unwahrscheinlicher wurde.
Doch hätte eine Playoff-Teilnahme Harbaugh, wenn Tyler Loop das Field Goal versenkt hätte, überhaupt in Baltimore gehalten? Basierend auf den Einzelheiten, die seit der Entlassung durchgesickert sind, muss man dies zumindest stark bezweifeln.
In der Sendung "The Insiders" im "NFL Network" berichtete etwa Reporter Ian Rapoport davon, dass Harbaugh in langen Gesprächen mit Owner Steve Bisciotti angedeutet hatte, dass er auch in der kommenden Saison mit seinem bestehenden Trainerstab arbeiten wollte. Das heißt, auch Defensive Coordinator Zach Orr hätte bleiben sollen. Allerdings stand der unter heftiger Kritik nach der insgesamt schwachen Defensivleistung der Ravens in der abgelaufenen Saison. Zeitweilig wirkte diese Unit komplett überfordert an allen Fronten - trotz eigentlich großer Qualität, was das Personal betraf.
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Unstimmigkeiten zwischen Harbaugh und Jackson
Entscheidender aber scheint zu sein, dass Harbaugh und Quarterback Lamar Jackson nicht mehr unbedingt auf einer Wellenlänge gefunkt haben sollen. Harbaugh soll sich unter anderem daran gestört haben, dass Jackson in den vergangenen Jahren auf das freiwillige Training in der Offseason verzichtet hat. Und die nun regelmäßigen Trainingspausen von Jackson am Mittwoch schienen dem Coach auch zu missfallen. Laut Rapoport sollen zudem weitere Spieler der Klubführung gegenüber geäußert haben, dass sie nicht länger unter Harbaugh spielen wollten.
Ein Grund dafür könnten die teils merkwürdigen Coaching-Entscheidungen während entscheidender Spiele gewesen sein. Beim Playoff-Aus in der Saison 2023 im AFC Championship Game etwa kehrte man gegen die Chiefs komplett von seiner eigentlichen Stärke, dem Run Game, ab und lief damit gewissermaßen ins offene Messer. Ein Jahr später war ebenfalls Thema bei der bitteren Pleite gegen die Bills. Vor wenigen Wochen dann ließ man Derrick Henry gegen die Patriots für die letzten zwölf Minuten draußen und verspielte eine Zehn-Punkte-Führung in der Primetime.
Wenn dieser interne Unmut also zutrifft, hätte Harbaugh zumindest mal einen Teil der Kabine verloren, was im Sport nie gut ist. Zudem war die Rede davon, dass selbst ein paar Assistenztrainer nicht mehr ganz auf einer Linie mit Harbaugh waren.
Die Ravens machten derweil in ihrem Statement zur Entlassung deutlich, dass die Entscheidung zur Trennung von ihnen ausging, nicht von Harbaugh. Im Statement von Bisciotti heißt es, dass er "beschlossen habe, einen Wechsel auf der Head-Coach-Position" vorzunehmen. Laut "ESPN" soll Harbaugh jedoch damit einverstanden gewesen sein.
Unterm Strich gewann Harbaugh in 18 Jahren 193 Spiele inklusive Playoffs, die er zwölfmal erreichte. Der Höhepunkt war natürlich der Gewinn von Super Bowl XLVII nach der Saison 2012 gegen seinen Bruder Jim und die San Francisco 49ers.
Wie geht es weiter für Harbaugh und die Ravens?
Doch wie geht es nun weiter für beide Seiten? Wer folgt in Baltimore auf den erfolgreichsten Coach der Franchise-Geschichte? Und was wird aus Harbaugh?
Was die Ravens betrifft, sind sie vermutlich der begehrteste offene Trainer-Job der Liga. Sie sind ein Vorzeige-Franchise mit respektiertem Owner und einem etablierten und erfolgreichen General Manager in Eric DeCosta. Zudem steht mit Jackson ein Superstar-Quarterback an der Spitze. Es ist davon auszugehen, dass Jackson zumindest mal Input haben wird, was den Nachfolger angeht, denn er benötigt in Kürze einen neuen Vertrag, allein schon um seine Cap-Situation in der nahen Zukunft verträglicher zu machen.
Um Jackson rankten sich zuletzt Tradegerüchte wegen der kolportierten atmosphärischen Störungen mit Harbaugh. Ein Trade dürfte nun vom Tisch sein, doch seinen Cap Hit von 74,5 Millionen Dollar gilt es nun erstmal zu senken. Sein Vertrag geht noch bis 2027, er müsste also für viel Geld verlängert werden. Mit neuem Coach, der Jackson wieder besser stimmen könnte, wären derartige Verhandlungen vermutlich leichter zu bewerkstelligen.
Wer das sein mag? Erste Gerüchte nannten etwa Kliff Kingsbury, der sich just am Dienstag in "beiderseitigem Einvernehmen" von den Commanders als deren Offensive Coordinator getrennt hat. Er hatte bereits Erfolg mit Quarterbacks vom Typ Jackson - er arbeitete bei den Cardinals mit Kyler Murray zusammen, war bei USC im Coaching Staff zugegen, als dort Caleb Williams 2023 seine letzte Collegesaison absolvierte und zuletzt coachte er Jayden Daniels zum Offensive Rookie of the Year.

Harbaugh stehen viele Türen offen
Weitere Namen, die kursieren, sind die Defensiv-Spezialisten Jesse Minter und Brian Flores. Minter arbeitet derzeit unter Harbaughs Bruder Jim für die Chargers und gilt als heißer Head-Coach-Kandidat und Flores' Deal als DC der Vikings läuft aus. Bei ihm stellt sich jedoch die Frage, ob ihn jemand trotz seiner Diskriminierungsklage gegen die NFL verpflichten würde. Weitere Namen dürften demnächst durchsickern.
Und Harbaugh? Der wird kein Problem haben, etwas Neues zu finden. Harbaughs Agent ließ je nach Bericht durchblicken, dass schon sieben bis neun Teams angefragt hätten. Derzeit gibt es exklusive der Ravens aber nur sechs offene Head-Coach-Stellen, was Bände spricht!
Gleichzeitig hätte der 63-Jährige, wenn er denn am Ende doch nicht sofort wieder coachen wollen würde, sicherlich auch kein Problem, einen lukrativen TV-Job zu finden. Die einzelnen Networks würden vermutlich Schlange stehen, sollte er diesen Schritt wagen.
Nach 18 Jahren war es vermutlich einfach Zeit, neue Wege zu gehen. Für Harbaugh, um nochmal was Neues zu versuchen in seiner Karriere, die sicherlich aufgrund seines Alters nicht mehr unendlich ist. Und für die Ravens, bei denen die jüngsten zwei Playoff-Pleiten in den vergangenen zwei Jahren sicherlich Spuren hinterlassen haben und bei denen nach so langer Zeit wohl mal frischer Wind gut tun könnte.

















