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Wintersport

Görlichs "knallharter Wettkampf gegen die Zeit"

20.01.2023 20:17
Skispringerin Luisa Görlich hat nur wenig Zeit zu Hause
© IMAGO/Damian Klamka
Skispringerin Luisa Görlich hat nur wenig Zeit zu Hause

Luisa Görlich zählt zu den besten Skispringerinnen Deutschlands. In ihrer Kolumne bei sport.de blickt die 24-Jährige auf einen Wettkampf gegen die Zeit zwischen den Weltcups.

Der eigentliche Wettkampf liegt bei uns Skispringerinnen zwischen den Wettkämpfen und diesmal ist es nicht ein Ringen nach Weite, sondern ein knallharter Wettkampf gegen die Zeit. Von Japan nach einem Reise -und Flugmarathon nach Frankfurt und anschließender Weiterfahrt nach Oberstdorf, wird die Wohnungstür aufgeschlossen, was dem Schuss aus einer Startpistole oder dem Abwinken auf der Schanze durch den Trainer gleicht.

Das "Wasch- und Trocknungsgeschwindigkeits -Spiel" beginnt. Egal, ob Jet-Lag oder totale Übermüdung. Die Partie wird immer mit dem gleichen Zug eröffnet - kein Damengambit, keine polnische Eröffnung und keine holländische Verteidigung.

Nein, der legendäre und immer wieder gegen Dienstag oder Mittwoch gespielte "Schnell alles aus den Taschen raus und noch wenigstens eine Maschine machen"-Zug, der gespielt werden muss, wenn man nicht ins Hintertreffen geraten will. Denn am Morgen danach warten noch mindestens vier weitere Ballen Wäsche, die gewaschen und getrocknet werden müssen, bevor es zum nächsten Weltcup geht.

Je nachdem wie knapp es ist, werden die einschlägigen Strategien gewählt. Allein durch die geschickte Wahl der Schleuderfrequenz können bis zu 25 Minuten pro Waschgang herausgeholt werden - ich entscheide mich mit Blick auf die Zeitachse meistens für 800 Umdrehungen. Das macht die Wäsche nicht ganz trocken, dafür ist der Gesamtvorgang aber mit 1:30 Stunden die gelebte Zeitökonomie.

Parallel zum zweiten Waschgang am Morgen wird natürlich auch wie immer der Abstrahlofen angeheizt. Mit Brennholz (immer Buche!), Anmachhölzchen und Eierpappe kommt man immer von Null auf Hundert in zwanzig Sekunden und zehn Minuten danach steht schon der erste Wäscheständer vollbehangen schräg vor dem Kamin- genau , schräg, damit ein weitere Ständer dazugestellt werden kann.

Buntwäsche, Feinwäsche, Unterwäsche, weiße Wäsche, schwarze Wäsche- die Standard-Hügellandschaft, die nach jeder Weltcuprückkehr im Wohnzimmer, auch noch in der Nacht, modelliert wird.

Mein einziger Trost: um die Skisprunganzüge brauchen wir uns nicht zu kümmern. Die getragenen Anzüge sind bereits beim Setzen des Telemark gedanklich ausgemustert, da wir zu jedem Weltcup neue Anzüge bekommen. Zu schnell verlieren die Anzüge Ihre Straffheit und mutieren zu , wie wir Skispringerinnen gerne sagen, "Lappen"!

Der Normallfall ist die Beendigung des Waschspiels zwischen drei bis sieben Stunden vor der Abfahrt zum nächsten Weltcup und das ist dann so gesehen, immer rechtzeitig. In einem solchen Fall hat man einfach nur alles richtig gemacht und sitzt mit dem ersten Siegerlächeln des Wochenendes mit den Mannschaftskameradinnen im Auto, das nun in unserem Fall bald nach Hinterzarten zum nächsten Weltcup abreist.

Herzliche Grüße

Luisa Görlich