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Böse Folgen nach Machtdemonstration?

Fury-Gemetzel war "grauenhaft, einseitig, überflüssig"

04.12.2022 08:56
Tyson Fury ließ Dereck Chisora keine Chance
© IMAGO/Mark Leech
Tyson Fury ließ Dereck Chisora keine Chance

Tyson Fury ist nach seinem Rücktritt zurück im Box-Ring. Die große Show liefert der Exzentriker vor und nach dem Kampf, im Ring wird er dagegen von seinem Kontrahenten Dereck Chisora nicht gefordert. Fury hat ohnehin bereits Größeres im Sinn und macht das deutlich.

Was für eine Show vor dem Kampf. Was für eine Show nach dem Kampf. Und dazwischen ein Fight, den die Welt nicht gebraucht hat. In einem einseitigen, das Wort ist fast zu schwach für das Erlebte, Duell vermöbelte Tyson Fury seinen britischen Landsmann Dereck Chisora.

Der 34-jährige Exzentriker gewann im mit 60.000 Besuchern ausverkauften Fußballstadion von Tottenham Hotspur durch Technischen K.o. in der zehnten Runde. Viel zu spät, wie ntv-Box-Experte Andreas von Thien urteilt. "Man hätte das Handtuch schon viel früher werfen müssen. Die ständigen Schläge auf die Glocke, was das für böse Folgen haben kann."

"Ich habe mich gut gefühlt, brauchte allerdings einige Runden, denn ich habe seit April nicht mehr geboxt", sagte Fury nach dem er seinen WM-Gürtel im Schwergewicht erfolgreich verteidigt hatte. "Ich konnte ein paar richtig gute Punches landen. Es war ein Vergnügen, heute in den Ring zu steigen." Dieses Vergnügen der boxenden Ausnahmeerscheinung spürte von Thien beim Zuschauen weniger.

"Das war grauenhaft, einseitig, überflüssig. Ein Gemetzel, eine Prügelstrafe für Chisora. Eine Trainingseinheit gegen einen lebenden Sandsack für Fury." Der, so wirkte es, hätte seinen Gegner auch mühelos niederstrecken können, verzichtete aber offenbar auf die ultimative Demütigung. Mit dem Sieg bleibt Fury auch im 34. Profikampf seiner Karriere ungeschlagen.

Niemand übernimmt Verantwortung

Fury, der sich selbst den Spitznamen "Gypsy King" verpasst hat, hatte im dritten Aufeinandertreffen mit seinem 38 Jahre alten Kontrahenten wie erwartet wenig Mühe und tat selten mehr als nötig. Zwei-, dreimal pro Runde stellte er Chisora in der Ecke und landete ein paar Schläge, danach ging es meist zügig wieder in den sicheren Clinch. In Runde zehn folgte schließlich der Abbruch - Chisora, der in den ersten Minuten versucht hatte, in den Nahkampf zu kommen, war nicht mehr in der Lage sich zu verteidigen.

Er wankte und wankte, aber er fiel nicht. Dieses bizarre Schauspiel war für von Thien nur schwer zu ertragen. "Klar, beim Boxen denkst du immer an den entscheidenden Schlag, aber das ist gefährlich. Wenn du siehst, wie Chisora aussah, das ganze Gesicht zerbeult, mein Gott, dass da niemand die Verantwortung übernommen hat, das kann ich nicht verstehen."


Mehr dazu: Machtdemonstration! Fury prügelt Chisora aus dem Ring


So bitter die Szenen im Ring waren, so spektakulär ging es vor und nach dem Kampf zu. Fury hatte die Fans mit einer beeindruckenden Show auf seine Seite gezogen. Mit dem Fußball-Klassiker "It's coming home" brachte er das ganze Stadion schon früh in beste Stimmung.

Fury gab den Animateur, die Zuschauer folgten ihm. Und als er nach dem Duell noch den anwesenden Ukrainer Oleksandr Ussyk zum Ring zitierte und ihn mit wilden Tiraden zum Vereinigungskampf aufforderte, tobte die Arena erneut. Der Ukrainer, der die Gürtel der Verbände WBA, IBF und WBO hält, ließ das verbale Feuerwerk mit leichtem Lächeln über sich ergehen. Ein Termin im Dezember war von Usyk-Seite abgesagt worden, dafür sprang Chisora ein, nun wird der Fight für 2023 angestrebt.

Das wird ein Kampf, auf den sich auch der Box-Experte freut. "Da wird Fury deutlich mehr zeigen müssen, da wird er auf jeden Fall richtig gefordert werden." Wie wenig das an diesem Samstagabend der Fall war, zeigt ein Video, das nach dem Duell veröffentlicht worden war. Fury schlendert in Badelatschen in die Kabine seines übel zugerichteten Kontrahenten. Kaum etwas in seinem Gesicht deutet darauf hin, dass er zuvor gekämpft hatte. Die Beiden, die früher mal befreundet waren und sich lange in gepflegter Abneigung begegneten, plauderten lässig, scherzten und aßen gemeinsam Burger.

Tobias Nordmann

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