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Boxen

"Battle of Britain", auf die eigentlich keiner gewartet hat

Tyson Fury vs. Derek Chisora III: Eine unnötige Trilogie

03.12.2022 14:32
Tyson Fury und Derek Chisora treffen zum dritten Mal aufeinander
© IMAGO/Charlotte Wilson / Offside
Tyson Fury und Derek Chisora treffen zum dritten Mal aufeinander

Nachdem der heiß ersehnte Briten-Blockbuster zwischen Tyson Fury und Anthony Joshua geplatzt ist, kommt es am Samstag zu einer "Battle of Britain", auf die eigentlich keiner gewartet hat. Fury verteidigt seinen WBC-Titel im Schwergewicht in London gegen Derek Chisora, den er in seiner Karriere schon zweimal deutlich geschlagen hat. Wiederholt sich die Geschichte? Ein Vier-Punkte-Check.

Im Boxen gibt es eigentlich für alles irgendeine Rangliste, ein Ranking, eine Top Ten. Nicht umsonst haben Bert Sugar (Schreiberlegende mit Hut und Zigarre, gestorben 2012) und Teddy Atlas (Trainerlegende) ein Buch mit dem Titel "The Ultimate Book of Boxing Lists" herausgebracht. Gäbe es in diesem die Kategorie "die unnötigsten Box-Trilogien", das dritte Duell zwischen Tyson Fury und Derek Chisora wäre ein heißer Anwärter auf Platz 1. 

Dabei ist die Schwergewichts-Geschichte reich an legendären Dreiteilern: Ali gegen Frazier, Ali gegen Norton, Patterson gegen Johansson, Bowe gegen Holyfield – ganz großes Box-Kino. Auch Fury selbst hat in seiner Karriere eine Faustkampf-Serie vorzuweisen, die nach Ansicht vieler Beobachter das Prädikat "wertvoll" verdient: die Kämpfe gegen seinen Erzrivalen Deontay Wilder 2018, 2020 und 2021. Das dritte Ring-Duett des "Gypsy Kings" mit Chisora wird diese Auszeichnung nach dem 3. Dezember mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht erhalten.

Zu eindeutig hat Fury die ersten beiden Kämpfe gegen Chisora 2011 und 2014 gewonnen. Zu stark, zu groß, zu gut ist der Weltmeister auf dem Papier auch jetzt für seinen mittlerweile 38-jährigen Herausforderer, der zudem drei seiner letzten fünf Kämpfe verloren hat.

Trotz dieser mauen Voraussetzungen haben es Promoter Frank Warren und PR-Profi Fury geschafft, den Briten das Ganze schmackhaft zu machen. 60.000 Karten sind verkauft. Und das, obwohl der Kampf mitten im Londoner Winter stattfindet. Im Fußball-Stadion von Tottenham Hotspur, einer Sportstätte ohne Dach. Nun, Gerstensaft wärmt ab einem gewissen Pegel bekanntlich von innen. Ganz nüchtern folgt die Analyse zu Fury vs. Chisora III.

Punkt 1: ERFAHRUNG – Kampf zweier Veteranen

Vitali Klitschko, David Haye, Oleksandr Usyk, dazu je zweimal Fury, Kubrat Pulev, Dillian Whyte und Joseph Parker: Chisora hat seit seinem Profidebüt im Jahr 2007 viele Schlachten geschlagen, die meisten davon verlor er. Zwischendurch feierte das 1,87-Meter-Paket aber auch einige Erfolge mit Knall-Effekt gegen schwächere Konkurrenz. Zuletzt schlug Chisora im Juli den Bulgaren Pulev in der O2-Arena in einem packenden Gefecht knapp nach Punkten.

Fury steht seit 2009 als Preiskämpfer im Ring, ist in 33 Kämpfen ungeschlagen. In der Kampfbilanz des 2,06-Meter-Riesen strahlen vor allem die Erfolge über den langjährigen Schwergewichts-König Wladimir Klitschko und seinen Erzrivalen Wilder. Allerdings musste Fury in seiner Karriere auch schon viele brenzlige Situationen meistern, sich mehrmals nach Niederschlägen zurückkämpfen. Kurzum: Sowohl Fury als auch Chisora haben zwischen den Seilen fast alles erlebt. In puncto Erfahrung sind also keine Vorteile für die eine oder andere Ecke auszumachen.

Punkt 2: KAMPFSTIL – Boxender Zerstörer gegen Dampfwalze

Fury betont seit seiner Zusammenarbeit mit Kronk-Coach Sugar Hill Steward seine Verwandlung vom Boxer zum Puncher. "Früher war ich ein Top-Boxer, der im Rückwärtsgang mit der Führhand herumgeboxt hat. Jetzt bin ich ein Zerstörer seiner Majestät", tönte der "Gypsy King" bei der ersten PK vor dem Dezember-Fight. Fury beherrscht allerdings nach wie vor auch die feinere Faust-Klinge. Dillian Whyte boxte er im April aus sicherer Distanz und mit schnellen Händen aus, ehe er den "Body Snatcher" in Runde 6 mit einem Aufwärtshaken zu den Akten legte. Ein Alleinstellungsmerkmal Furys im Schwergewicht: Der Champion kann die Auslage flüssig wechseln, seine Gegner so verwirren und aus unerwarteten Winkeln treffen. Dank Furys flinker Meidbewegungen treffen viele seiner Gegner oft nur Luft.

Chisora kennt im Ring nur den Vorwärtsgang. Im Stile eines Joe Frazier marschiert „War“ unaufhörlich auf den Gegner zu. Chisora gehört der Kämpfergattung des "take two to give one" an. Will heißen: Um die Distanz zu seinen häufig größeren Kontrahenten zu verkürzen und selbst auszuteilen, ist sich Chisora nie zu schade, die Rübe hinzuhalten. Einmal in Schlagdistanz, malträtiert er vor allem den Körper des Gegners und versucht sein Glück mit wilden Heumachern.

Punkt 3: AUSDAUER – Vorteil Fury-Lunge

In seiner Autobiographie "Behind the Mask" (dt. Ich – hinter der Maske) schwärmt Fury von seinem außergewöhnlichen Lungenvolumen. Trotz seiner Masse (um die 120 Kilo) kann Fury Tempo bolzen und die Distanz gehen, ohne spürbar einzubrechen. Auch das alte Schlachtross Chisora schafft die zwölf Runden noch immer. Bei seinen letzten Auftritten pumpte Chisora zwischendurch allerdings bedenklich – auch, weil er stets viel einstecken musste. In puncto Ausdauer ist Fury im Vorteil, vor allem, wenn er es ihm gelingt, Chisora früh zu treffen und so den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Punkt 4: TAKTIK – Chisoras One-Way-Game-Plan

Damit ist Furys Taktik angerissen. Die Psychospielchen des „Gypsy Kings“ laufen gegen Chisora (der laut eigener Aussage einen "schwarzen Gürtel in Verrücktheit" besitzt) ins Leere, Fury wird sich daher auf sein eigentliches "Geschäft" konzentrieren, das da heißt: Die körperlichen und boxerischen Vorteile konsequent ausnutzen. Furys Ring-IQ ist deutlich höher als Chisoras. Es ist anzunehmen, dass der Weltmeister seinen Herausforderer (wie zuletzt Whyte) kommen lässt und aus der Distanz mit schnellen Führhänden und Kombinationen bearbeitet. Weiter dürfte Fury gegen den anstürmenden Chisora wohlplatzierte Konter setzen, um dann selbst in den Angriffsmodus zu schalten. Furys Ziel muss sein, die Kampfmaschine Chisora (wie schon 2014) Runde um Runde auseinanderzuschrauben, bis diese nicht mehr läuft. Chisoras "Game Plan" ist schnell erklärt: Angreifen, angreifen, angreifen – und auf einen "Lucky Punch" hoffen.

FAZIT

Die Wettstuben auf der Insel haben Chisora nach Verkündung des Kampfes als 33:1-Außenseiter ins Rennen geschickt. So einseitig Fury vs. Chisora III auf dem Papier ist, so einseitig wird Teil III am 3. Dezember auch laufen. Chisora hat zwar noch immer die Mentalität eines Kriegers. Seine letzten Kämpfe aber – speziell die Abnutzungsschlachten gegen Parker, Whyte und Pulev – haben Spuren hinterlassen. Der boxerisch haushoch überlegene Fury wird sich seinen Herausforderer schnell zurechtlegen und schon in den mittleren Runden „soweit“ haben. Prognose: Abbruchsieg Fury zwischen Runde 5 und 8.

Martin Armbruster

Dieser Text erschien in leicht abgewandelter Form ursprünglich in der November/Dezember-Ausgabe des Fachmagazins BOXSPORT