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Leichtathletik

Experte erklärt Doping-Flut in der Leichtathletik

28.10.2022 14:13
Doping-Flut in Eliud Kipchoges Heimat Kenia
© IMAGO/Tilo Wiedensohler
Doping-Flut in Eliud Kipchoges Heimat Kenia

Zahlreiche Doping-Fälle, insbesondere bei kenianischen Läufern, erschüttern derzeit die Leichtathletik. Nach Ansicht eines Experten sind im Marathon keine Spitzenleistungen möglich, ohne nachzuhelfen.

24 überführte Doping-Sünder im Jahr 2022, unter anderem Marathon-Star Marius Kipserem sowie Philemon Kacheran, ein wichtiger Trainingspartner von Weltrekordler Eliud Kipchoge: Die Lauf-Nation Kenia sorgt derzeit für zahlreiche Negativschlagzeilen.

Vor allem Triamcinolon, ein entzündungshemmendes Kortisonpräparat, wird von den Athleten aus dem ostafrikanischen Land immer häufiger missbräuchlich verwendet - keine Überraschung für den renommierten Pharmakologen Fritz Sörgel.

"Der Sportler mit Triamcinolon hat einen Wettbewerbsvorteil. Es ist eine alte, in der Medizin bewährte Substanz, die schon lange von Hausärzten auch Amateursportlern bis runter in die C-Klassen des Fußballs verabreicht wird, die nicht dem WADA-Code unterliegen", sagte der Doping-Experte gegenüber "Sport1". "Bei Hochleistungssportlern schaut es ganz anders aus, da darf es im Wettkampf nicht verwendet werden, weil der entzündungshemmende und schmerzlindernde Effekt erst Höchstleistungen ermöglicht."

"Unwirkliche Leistungssteigerungen" im Marathon

Auch die Marathonläufer aus Kenia hätten bei den "wahnsinnigen Belastungen auf Teerstraßen große Schmerzen. Das lässt sich nicht nur mit einer hohen Schmerzschwelle erklären", ergänzte Sörgel. "Triamcinolonpräsenz im Körper lässt einfach den Schmerz vergessen, der Sportler wird regiert von seinen Muskeln und seiner mentalen Stärke. Es läuft eine Maschine Mensch mit Steuerung im Gehirn, wenn der Schmerz nicht ablenkt."

Ergebnisse, wie das von Eliud Kipchoge, der im Alter von 38 Jahren zuletzt beim Berlin-Marathon seinen eigenen Weltrekord auf 2:01:09 Stunden verbesserte, können laut Sörgel nicht auf gänzlich natürlichem Wege zustande kommen.

"Die unwirklichen Leistungssteigerungen kommen tatsächlich auch durch neue Schuhkonstruktionen zustande, daneben spielen auch die Trainingsmethoden und die Ernährung eine Rolle, Stichwort Ketokörper. Damit kommt man unter die ersten zehn, aber die ersten fünf etwa packen das nur mit Chemie", sagte der Experte.

"Das i-Tüpfelchen, das aus einem Fünften einen Ersten macht", so Sörgel, sei "die Schmerzlosigkeit im Training, wo Triamcinolon erlaubt ist, aber eben nicht im Wettbewerb". 

Es gebe zwar Ausnahmegenehmigungen für die Nutzung des Präparats, es handele sich jedoch um ein "sehr manipulationsträchtiges Gebiet".

"Nur so sind die Fabelrekorde denkbar"

Früher habe man den kenianischen Läufern "die Leistung aufgrund ihres Körperbaus und ihrer kärglichen Umgebung abgenommen, wo sie sich durchgebissen haben. Aber jetzt laufen sie Rekorde, die sie ja früher auch schon hätten laufen können, ihr Körperbau war identisch mit dem heutigen. Also stellt sich die Frage: Was macht den Unterschied?", sagte Sörgel.

Der Doping-Experte konstatierte: "Der heutige Kenianer ist eine durch den modernen Sportzirkus vermarktete Maschine und da läuft alles in ihn rein, was möglich ist. Das ist aber auch teilweise bei Sportlern im Westen so. Nur so sind die Fabelrekorde denkbar."