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Schach-WM

Analysen belasten Hans Niemann

Neue Entwicklungen im Schach-Skandal

14.09.2022 13:06
Schach-Superstar Magnus Carlsen hält sich weiter bedeckt
© JACEK PRONDZYNSKI/FOTOPYK via www.imago-images.de
Schach-Superstar Magnus Carlsen hält sich weiter bedeckt

Nächster Akt im Schach-Skandal rund um Superstar Magnus Carlsen: Neue, unabhängig durchgeführte Analysen deuten darauf hin, dass der vom Norweger beschuldigte Hans Niemann schon in der Vergangenheit betrogen haben könnte.

Während Magnus Carlsen in dem von ihm selbst ausgelösten Schach-Beben weiter schweigt und sich auch der beschuldigte Hans Niemann in den letzten Tagen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, werden vergangene Partien des 19-jährigen US-Amerikaners weiterhin von anderen Schach-Profis analysiert und auf mögliche Auffälligkeiten untersucht. 

Der ukrainische FIDE-Meister Andrii Punin gehört zu denen, die alte Partien von Niemann unter die Lupe genommen haben. Seine Resultate präsentierte er in den letzten Tagen in zwei ausführlichen Youtube-Videos. Sein erstaunliches Ergebnis: In "normalen" Partien spielte der US-Amerikaner meist seinem Ranking entsprechend, in besonders wichtigen Partien spielte Niemann nahezu unglaublich präzise und über seinen Verhältnissen.


Mehr dazu: Schwere Vorwürfe gegen Carlsen-Gegner


"In entscheidenden Partien, in denen es für ihn darum geht, eine Norm zu erfüllen, spielt er fantastisch. In anderen Turnieren entspricht seinem Spiel oft seinem Ranking. Das ist auch schon alles, was ich dazu sagen möchte. Das ist keine Verurteilung, aber die Ergebnisse sind etwas, das man nutzen sollte, um weiter zu untersuchen", sagte Punin zu seiner Analyse. 

Der norwegische Schach-Profi Atle Grønn (International Master) wird in seiner Beurteilung der Punin-Ergebnisse deutlicher. Dass Niemann in manchen analysierten Partien reihenweise "Computer-Züge" am Stück spielte und sich keinen Fehler erlaubte, kann er schlicht und ergreifend nicht glauben - vor allem, da es sich um wichtige Spiele handelte, in denen der Druck auf den Youngster besonders groß war. Gerade in solchen Partien passieren Fehler eigentlich am häufigsten. 

Niemann habe in den fraglichen Partien jedoch Zug nach Zug nach Zug genau so gespielt, wie es der zu diesem Zeitpunkt stärkste Schach-Computer auch getan hätte. "Die Wahrscheinlichkeit dafür ist Null", sagte Grønn gegenüber der Zeitung "Dagbladet". Ob dies ein Beweis für Betrug sei, wisse er allerdings nicht, aber: "Aus Schach-Perspektive ist es nicht möglich, so zu spielen."

Niemanns Niveau höher als das von Schach-Superstar Carlsen?

Selbst ein Magnus Carlsen hätte gegen einen Spieler auf diesem Level keine Chance, urteilte der Norweger, der erklärte: "An die genauen Zahlen kann ich mich nicht erinnern, aber Magnus hat eine signifikante Zahl an Abweichungen [von den Computer-Zügen] in einem Spiel. In 20 bis 30 kritischen Situationen hatte Niemann keine einzige."

Punins Analyse habe gezeigt, dass das Niveau der Niemann-Züge in den Partien, in denen es für ihn um das Erreichen der Großmeister-Norm ging, "viel höher als das ist, was Magnus Carlsen spielen kann". 

Keine konkreten Beweise für Betrug

Doch so sehr sich der Verdacht gegen Hans Niemann auch erhärtet: Einen konkreten Beweis für einen Betrug des 19-jährige US-Amerikaners gibt es nach wie vor nicht. Magnus Carlsen könnte eben jene Beweise vielleicht liefern, doch der Superstar hat sich bis heute nicht zu seinen Vorwürfen geäußert. Von vielen in der Szene wird das Schweigen des 31-Jährigen mittlerweile kritisch gesehen.

Besonders pikant: Schon bald hat Carlsen keine Möglichkeit mehr, sich der Öffentlichkeit zu entziehen. Er steht auf der Teilnehmerliste des Julius Bär Generation Cup, der am 18. September beginnt. Einer seiner Gegner dort: Hans Niemann.