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Tour de France

Tony Martin exklusiv: "Kämna ist eine Wundertüte"

30.06.2022 11:37
Tony Martin gewann fünf Etappen bei der Tour de France
© Simon Gill via www.imago-images.de
Tony Martin gewann fünf Etappen bei der Tour de France

Tony Martin (37) gehörte zu den schnellsten Zeitfahrern einer ganzen Generation, gewann fünf Etappen bei der Tour de France und galt als Lautsprecher im Peloton.

Im exklusiven Interview mit sport.de spricht der ehemalige Radsport-Profi über die erste Frankreich-Rundfahrt nach dem Ende seiner Karriere und das mit Spannung erwartete Duell zwischen Vorjahressieger Tadej Pogacar und Primoz Roglic.

Außerdem bewertet Martin die Chancen der deutschen Fahrer und erklärt, warum Hoffnungsträger Lennard Kämna noch kein Mann fürs Gesamtklassement ist.

Herr Martin, für Sie ist es nun nach über zehn Jahren das erste Jahr nach der aktiven Karriere und ohne die Tour de France. Juckt es noch in den Beinen?

Tony Martin: Ich bin schon ganz froh, dass ich dieses Jahr nicht dabei sein werde. Bei aller Euphorie, allem Prestige und Rummel, für uns Fahrer ist die Tour auch eine unheimliche Qual und eine große Gefahr. Ich bin auch extrem häufig und hart gestürzt. Nach 13 Jahren bei der Tour und im Sommer nicht zu Hause zu sein, genieße ich nun meinen Urlaub mit der Familie und freue mich als Fan auf die Tour.

Sind sie noch aktiv auf dem Rad?

Weiterhin sehr gerne. Vor zwei Wochen war ich mit Freunden bei einem großen Amateurrennen in Norwegen mit einer Strecke von über 500 Kilometern. Das war schon ein Abenteuer. Es ist jetzt auch mal schön, die andere Seite des Sports zu sehen.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren ehemaligen Teamkollegen oder anderen Stars aus dem Fahrerfeld?

Ich bin mit einigen Jumbo-Visma-Jungs per WhatsApp im Austausch. Gerade bei Erfolgen gratuliert man natürlich gerne. Sehen tue ich die Jungs allerdings nicht mehr so häufig, da ich in der Schweiz wohne und die meisten anderen Fahrer in Holland oder Spanien. Dazu ist es auch aufgrund der vielen Corona-Vorsichtsmaßnahmen im Radsport nicht leicht. Wenn es möglich ist, werde ich aber demnächst mal bei einem Rennen vorbeischauen.

Schauen wir auf die anstehende Tour de France und bleibenauch gleich bei Ihrem ehemaligen Team Jumbo-Visma: Wird es die Tour von Primoz Roglic?

Die Chance dafür hat er auf jeden Fall und die Zeichen stehen gut. Aber er hat natürlich mit seinem slowenischen Landsmann Tadej Pogacar auch seinen größten Konkurrenten. Vor der Tour war ein direkter Vergleich zwischen den beiden Fahrern nicht möglich, da Pogacar wie in den vergangenen Jahren wieder andere Rennen gefahren ist. Daher kann man keine Aussage treffen, wie gut Pogacar tatsächlich drauf ist. Ich denke aber, es wird ein Zweikampf zwischen ihm und Roglic.

2020 und 2021 gewann Pogacar ja bereits die Tour. Jetzt winkt der dritte Sieg in Folge. Was macht ihn so stark?

Pogacar ist vom körperlichen her mega talentiert. Er ist ein Ausnahmesportler auf ähnlichem Niveau wie Roglic. Was ihn dazu ausmacht, sind auch seine fahrerischen Skills. Das hat man schon bei der Tour und den Frühjahrs-Klassikern gesehen. Er ist ein kompletter Rennfahrer.

Dazu war es auch von UAE eine starke Teamleistung, dass sie Pogacar bei den beiden Tour-Siegen jeweils drei Wochen sturzfrei durch das Rennen bekommen haben. Das Glück hatte Roglic im letzten Jahr nicht. Es ist aber nicht nur Glück, sondern auch das fahrerische Können und die Stärke der Mannschaft. Alles zusammen macht ihn so stark.

Ist Pogacar überhaupt zu schlagen?

Wenn er mal einen schwachen Tag hat, muss man das direkt erkennen und ausnutzen. Dann darf man an seinem Hinterrad auch keine fünf Meter Luft lassen.

Und wenn Roglic schwächelt, greift wie im vergangenen Jahr sein Teamkollege Jonas Vingegaard an?

So wie ich Jumbo kenne, werden sie sich strategisch sehr gut aufstellen. Sie haben mit dem Vingegaard eine zweite Karte, die sie spielen können. Das ist der größte Vorteil von Jumbo, dass sie zwei annähernd gleich starke Kapitäne haben. So können sie mit Pogacar Katz und Maus spielen. Das wird UEA nur schwer kontern können.

Neben der Doppelspitze Roglic/Vingegaard fährt mit Wout van Aert auch noch der derzeit wohl vielseitigste Fahrer im Peloton die Tour für Jumbo-Visma. Sind sie das stärkste Team?

Ich würde sagen ja. Aber mit einem Van Aaert werden die Verpflichtungen nicht weniger. Er will jetzt auch das Grüne Trikot angreifen. Und das als Ziel allein beschäftigt eigentlich schon eine ganze Mannschaft. Jumbo will also um Gelb, Grün und Weiß fahren – das ist schon eine Herausforderung. Ihre Stärke ist vielleicht auch ihre Schwäche. Weil sich dadurch alle anderen Teams auf Jumbo verlassen. Und dann heißt es im Feld: "Ihr habt am meisten zu verlieren. Also wenn ihr nicht fahrt, dann fahren wir auch nicht."

Auf der 11. und 12. Etappe geht es für die Fahrer an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auf den Galibier. Dazu ist auch der Mythos L'Alpe d'Huez wieder mit dabei. Bringen diese Etappen die Entscheidung über den Tour-Sieg?

Die Etappen sind prädestiniert dafür, da wird es den Showdown geben. Aber wie es immer bei der Tour ist: Man muss auch die nervösen Flachetappen in der ersten Woche überstehen. Stichwort: Kantenwind, Stürze und Kopfsteinpflaster. Vielleicht wird dabei auch der ein oder andere Klassement-Fahrer schon nach hinten geworfen. Wenn sich die Spitze danach herauskristallisiert hat, wird auf diesen Etappen die Entscheidung fallen.

Apropos Kopfsteinpflaster: Auf der 5. Etappe gibt es eine Hommage an Paris-Roubaix und mehrere Abschnitte über Kopfsteinpflaster. Wie gefährlich ist so eine Etappe für die Fahrer?

Kopfsteinpflaster sind auf einer Etappe immer gefährlich. Das größte Problem dabei ist die Nervosität. Jeder will vorne fahren, jeder muss vorne fahren und will als Erstes ins Pavé reinfahren. An sich ist das Kopfsteinpflaster keine Gefahr. Viel mehr sind es die Kämpfe davor.

Dazu herrscht im Peloton eine große Diskrepanz. Es gibt Fahrer, die das Pavé draufhaben und die Frühjahresklassiker mitnehmen. Man hat aber auch im Gesamtklassement einige Fahrer dabei, die noch nie Paris-Roubaix gefahren sind. Da weißt du heute schon, die sitzen vorher auf der Couch und fragen sich: Wie soll ich diese Etappe überleben?

Mit André Greipel und Ihnen haben zuletzt gleich zwei Stars des deutschen Radsports ihre Karrieren beendet. Welchen Namen müssen sich die Fans merken, wer von den deutschen Fahrern kann in diesem Jahr für Schlagzeilen sorgen?

Da sehe ich auf jeden Fall Maximilian Schachmann und Lennard Kämna von Bora-hansgrohe.

Schachmann hat eine lange Krankheitsphase im Frühjahr mitgemacht und ist danach eine starke Tour de Suisse gefahren. Maxi ist ein Typ, der kommt aus Pausen oftmals noch stärker zurück. Gerade wenn er zuhause in Ruhe trainieren kann. Maxi sehe ich als Aspirant für einen Etappensieg aus einer Ausreißergruppe.

Das gleiche gilt für mich für Lennard Kämna. Er ist beim Giro stark gefahren und ist generell schon eine Wundertüte. Wenn er mental fit ist – das ist so ein bisschen der Knackpunkt – dann traue ich auch ihm einen Etappensieg zu.

Bei Bora-hansgrohe gibt es Überlegungen, Kämna zukünftig auch auf die Gesamtwertung fahren zu lassen. Ist Kämna schon so weit?

Schwierig! Ich kenne die Storys von jungen Talenten, die gute Tage haben und dann zu schnell bei der Tour auf die Gesamtwertung fahren sollen. Vielleicht wäre es besser, wenn Kämna erstmal bei der Vuelta auf das Klassement fährt. Am Ende des Jahres und mit weniger Medienrummel und Stress. Das Potenzial fürs Gesamtklassement bei der Tour hat er, aber man muss junge Fahrer da ganz ruhig ranführen.

Bei einer Grand Tour ist er noch nie auf das Klassement gefahren. Und gerade bei einer dreiwöchigen Rundfahrt ist der mentale Faktor extrem wichtig. Insofern sollte das Kämna eher lieber vorher bei der Vuelta testen. Wenn er da in die Top 10 oder Top 5 fährt, kann man auch die Tour de France angehen.

Also: Was ist bei der Tour in diesem Jahr drin aus deutscher Sicht?

Wir haben keinen Fahrer am Start, bei dem man sagt: Der wird eine Etappe abschießen oder auf die Gesamtwertung fahren – so fair muss man sein. Aber wir haben Chancen. Wenn Bora clever fährt, haben sie viele Fahrer aus der zweiten Reihe, die im Überraschungsmoment Etappen gewinnen können. Ich werde die Daumen drücken. Das Potenzial ist da und jetzt wir lassen uns überraschen.

Was wird Ihnen am meisten fehlen ohne die Tour de France?

Die Vorfreude und Spannung auf die Tour als großes Highlight. Dieses Gefühl: Man selbst ist gut vorbereitet und die Teamkollegen sind es auch.

In den letzten Jahren war es schon genial, mit Jumbo am Start zu stehen und zu wissen, wir wollen um Etappensiege und das Podium mitfahren. Das wird auch der Kampfgeist enorm heraufgeschworen. Dieses gemeinsame Ziel zu verfolgen mit den Jungs, das wird mir schon fehlen. Jumbo ist zudem eine geniale Mannschaft und davon ein Teil zu sein, macht auch stolz. Und das jetzt nur von außen zu beobachten, wird mir schon ein Stück weit weh tun.

Und wie verfolgen Sie die Tour in diesem Jahr erstmals als Zuschauer?

Ich werde im Caravan auf Sardinien sein und hoffen, dass ich irgendwo Internet bekomme (lacht). Da bin ich auch Radsport-Fan und habe einfach Bock, die Tour täglich zu schauen - wenn es die Familie zulässt. Zur Not schaue ich abends die Zusammenfassung, wenn die Kinder im Bett sind. Ich habe auch Bock, in drei oder vier Jahren mal als Fan zur Tour zu kommen.

Das Interview führte Norman Droste