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Roland Garros
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Nadal zittert um seine Karriere

Der König, für den es nur einen Superlativ gibt

06.06.2022 11:54
Rafael Nadal ist der König von Paris
© IMAGO/Ibrahim Ezzat
Rafael Nadal ist der König von Paris

Eigentlich hätte Rafael Nadal in Paris gar nicht spielen können. Nur ständige Spritzen für den Fuß machen den 14. Triumph des Spaniers bei den French Open möglich. Dass es so nicht weitergehen kann, weiß der König von Paris selbst. Ein bitteres Ende droht.

In der französischen Monarchie mangelt es nicht an schillernden Königsfiguren. Es gab den "Dicken". Es gab den "Frommen". Es gab den "Löwen", den "Heiligen", den "Guten", den "Freundlichen", den "Wahnsinnigen". Und es gibt Rafael Nadal, den "Übermächtigen". Oder besser: Den "Übermächtigsten, den es je gab". Zumindest auf der roten Asche von Roland Garros. Kein Tennisspieler je zuvor und womöglich auch nie wieder, hat diesen heiligen Untergrund bei den French Open so sehr zu seinem Untertanen und Freund gemacht, wie der spanische Gigant. Am Sonntag gelang ihm der 14. Triumph bei der 17. Teilnahme. Kein existierender Superlativ wird dem gerecht.

Das Duell mit dem Norweger Casper Ruud, immerhin der Nummer acht der Welt, war gnadenlos einseitig. Auch wenn Nadal bei weitem nicht sein bestes Tennis spielte. Er machte sogar überraschend "viele" Fehler, beendete das Match dann aber auf so typische Weise. Er legte sich den 23-Jährigen mit seinem überragenden Winkelspiel zurecht, ehe er eine Rückhand die Linie entlang krachen ließ - ins Glück.

Zu seinem 22. Triumph bei einem Grand Slam. Er hat seine ewigen Rivalen Roger Federer und Novak Djokovic damit nun zwei Titel abgehängt. Der Sieg gegen Ruud war bereits der 112. (!) im 115. (!) Match in Paris. Die Bilanz der Niederlagen ist schnell zusammengefasst: Zweimal unterlag er Djokovic und einmal dem längst vergessenen Schweden Robin Söderling.

Spritzen vor jedem Spiel

Wie viele Siege der "König von Paris" in Roland Garros noch feiern wird? Völlig unklar. Denn Nadal zittert um die Fortsetzung seiner Karriere. Das deutete er am späten Sonntagnachmittag an. Doch die Dimension seiner Worte ging unter, als er sagte: "Ich weiß nicht, was in Zukunft passiert, aber ich werde weiter kämpfen." Eine kollektive Erleichterung machte sich breit, schließlich lasteten Rücktrittsgerüchte schwer über den Court Philippe Chatrier.

Und wie schwer es für diesen ewig kämpfenden Mallorquiner ist, seinen Job, der auch seine große Leidenschaft ist, auszuüben, das bekannte er in gleich mehreren Interviews. "Ich habe mit einem betäubten Fuß gespielt, die Nerven wurden blockiert." Vor jedem Spiel ließ er sich Spritzen gegen seine chronischen Beschwerden verpassen. Ein Irrsinn. Immerhin sieht er selbst ein, dass dieses Vorgehen keine Dauerlösung sein kann.

Schon 2005 wurde bei Nadal das Müller-Weiss-Syndrom diagnostiziert, eine degenerative Knochenkrankheit, bei der sich das Kahnbein im Laufe der Zeit deformiert beziehungsweise zurückbildet. Dieses Syndrom hat dem 36-Jährigen wieder und wieder zugesetzt. Man möchte gar nicht daran denken, welch historische Marken er noch alles geknackt hätte, wo diese Legende mittlerweile stehen würde, wenn er nicht so anfällig gewesen wäre. Nun ist das Ende womöglich erreicht.

Zwar setzt der Spanier nun Hoffnungen in eine neue Therapie ("Radiofrequenz-Injektion") aber sollte die nicht anschlagen, sollte er weiterhin nicht dauerhaft ohne Schmerzen spielen können, droht der bittere Abgang. Der streikende Körper ist sein größter Gegner.

Das Undenkbare wirkt so nah

Findet sich keine schnelle Lösung für die Probleme, sagte er am Sonntag, müsse er sich über "eine große Sache" Gedanken machen. "Ein großer Eingriff, der mir nicht garantiert, dass ich danach wieder in der Lage sein werde, wettbewerbsfähig zu sein und der eine lange Zeit beanspruchen würde, um zurückzukommen." Das Undenkbare, es wirkt plötzlich nah wie nie. Dem Tennis steht eine gigantische Zäsur bevor. Eine historische.

Mit Roger Federer kämpft der große Gentleman der vergangenen Dekaden verzweifelt um sein Comeback. Mit Novak Djokovic arbeitet sich einer der umstrittensten Superstars am Racket daran ab, der Größte aller Zeiten zu sein. Vielleicht nicht verzweifelt, doch zunehmend verbissen. Und Nadal hat keine Ahnung, ob er jemals wieder ohne Schmerzen spielen kann.

Drei Typen, die diesen Sport auf beeindruckende und einzigartige Weise geprägt haben. Federer, der diesem Spiel eine neue Leichtigkeit, eine neue Schönheit schenkte. Djokovic, der mit seiner Power und Spielintelligenz dominieren konnte, wie kaum jemand vor ihm. Und Nadal, dessen mallorquinisches Kämpferherz, dessen Topspin, dessen Winkelspiel, die Welt verzauberte.

Das perfekteste Spiel seiner Karriere

Der charmante Federer wurde immer geliebt. Der gierige Djokovic, der so witzig sein konnte, bestaunt, aber auch immer etwas kritischer beäugt. Auch wegen seiner bisweilen obskuren Weltanschauungen. Und Nadal? Der hat den spektakulärsten Wandel des Trios hinter sich. Zu Beginn der phänomenalen Karriere fremdelten große Teile des Publikums mit seiner bissigen, aggressiven Art auf dem Platz. Sie konnten zwar anerkennen, was für ein furioses Tennis der Spanier spielt. Aber sie konnten sich nicht dafür begeistern, weil er nur die eine Seite von sich zeigte.

Doch je länger er dabei war, je erfolgreicher er wurde, so näher kam er den Menschen. Auch weil er immer wieder menschliche Größe zeigte. In der Niederlage. Oder, wenn es einem Gegner nicht gut ging. Wie gerade erst Alexander Zverev. Der Deutsche war nach einer überragenden Leistung im Halbfinale fatal umgeknickt, schrie vor Schmerzen und musste die Partie, die episch hätte werden können, abbrechen. Nadals Umarmung für Zverev, eine Gänsehaut-Moment.

Aber die Liebe und Anerkennung, die erfuhr Nadal auch zunehmend auf dem Platz. Weil er den Fans lieferte, wonach sie sich sehnten. Er lieferte epische Kämpfe und magische Momente. Momente der magischen Perfektion. Und womöglich hat er nie ein besseres Spiel gespielt als am 11. Oktober 2020 in Roland Garros.

Im Herrenfinale der Giganten pulverisierte er Djokovic auf surreale Weise. Nein, der Serbe hatte an diesem Tag kein schlechtes Tennis gespielt. Er spielte sogar eigentlich gut. Und an einem Tag, der nicht der 11. Oktober 2020 gewesen wäre, hätte das, was Djokovic auf dem Court Philippe Chatrier anbot, womöglich gereicht, um diese French Open zu gewinnen. Doch der 11. Oktober 2020 war eben der Tag, an dem Rafael Nadal der Welt zeigte, wie perfekt ein Tennismatch sein kann. Mit 6:0 (!), 6:2 (!) und 7:5 donnerte der Spanier über den Serben hinweg.

"Was du auf diesem Platz hier machst, ist unglaublich. Jeder weiß, warum man dich den Sandplatz-König nennt. Heute habe ich es am eigenen Leib erfahren", sagte Djokovic damals. "Alle Superlative, die man benutzen kann, verdient er hier", befand der Serbe. Und vielleicht gibt es nur einen Superlativ, der Nadal gerecht werden kann - erfunden haben ihn die French Open. Die verbeugten sich am Sonntag vor ihrem ewigen König. Sie huldigten das Turnier als "Rafa Garros".

Tobias Nordmann

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