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Hoffnung bei den Silberpfeilen

Ausgebounct – plötzlich ist Mercedes wieder da

21.05.2022 20:23
George Russell landete vor Lewis Hamilton
© IMAGO
George Russell landete vor Lewis Hamilton

Mercedes hat ein umfangreiches Upgrade-Paket beim Spanien-GP dabei - und siehe da: Die Silberpfeile machen einen Leistungssprung, sitzen Red Bull und Ferrari ansatzweise im Nacken. Für Lewis Hamilton und George Russell scheinen echte Kämpfe um Spitzenpositionen wieder möglich. Teamchef Toto Wolff freut sich vor allem über die Ausmerzung des Technik-Endgegners dieser Saison.

So entspannt hat man Toto Wolff schon lange nicht mehr gesehen. Nach dem Qualifying in Barcelona lächelte er zufrieden in die TV-Kameras.

Dabei hätten die Ränge vier und sechs seiner Piloten noch in der vergangen Saison kaum gute Laune bei dem Österreicher hervorgerufen. Doch 2022 war eben bislang alles andere als entspannt und gute Laune bei Mercedes. Statt um Siege zu kämpfen, fiel das Team in die Rolle als allenfalls dritte Kraft zurück. Rekordweltmeister Lewis Hamilton steht im WM-Kampf derzeit nur auf Rang sechs mit 36 Punkten.

Doch hier in Barcelona soll die entscheidende Wende eingeläutet werden. Endlich. Nach fünf schwierigen und teils belastenden Rennen. So machen die Worte des Teamchefs den Mercedes-Fans Hoffnung auf schnelle Besserung. Vor allem dieser Satz: "Das Bouncing verstehen wir jetzt." Halleluja, werden alle denken, die es mit dem deutsch-britischen Team halten. "Wir verstehen, wie wir das Auto hinsichtlich der Fahrhöhe halten müssen, um nicht zu bouncen."

Bouncing beschäftigt Mercedes seit den ersten Tests

Bouncing, Porpoising, Hoppelei – wie auch immer man das Problem der Silberpfeile auf den Geraden bezeichnete – es war die große, die größte Herausforderung der Saison 2022, die eben alles andere überlagerte. Durch den wiedereingeführten Ground Effect werden die Boliden der Saison 2022 zum Asphalt angesaugt bis zum Strömungsabriss, dann schnellt der Wagen wieder nach oben. In vielfacher Ausführung führt das dann zum Hüpfen, zum Bouncen.

Das Problem für Mercedes bisher: Sie konnten den Wagen nicht so einstellen, wie sie das gerne wollten. Denn dann machte das Bouncing wieder einen Strich durch die Performance-Rechnung. So ruckelte der W13 eben meist hinterher. Sogar Rücken und Brustschmerzen beklagten die Fahrer schon.

Barcelona soll nun der Ort sein, an dem das Bouncing begraben wird. In Spanien rollen die Formel-1-Rennställe traditionell die ersten große Updates der Saison aus. Neben Ferrari oder dem vieldiskutierten Aston-Martin-Upgrade machte vor allem auch Mercedes Schlagzeilen mit den neuen Teilen für den Spanien-GP. Das Aero-Update beinhaltete vor allem einen neuen Unterboden, den die Mechaniker aus der Fabrik in Brackley mitbrachten.

Das Ergebnis ist bisher verblüffend gut. Schon am Freitag saugten sich die beiden Mercedes-Fahrer an das Top-Duo Ferrari/Red Bull heran, wurden Zweiter und Dritter. Und auch im dritten Training und im Qualifying klaffte die Lücke nicht mehr so deutlich wie noch in den vergangenen Wochen.

Noch am Samstagmorgen war man sich bei Mercedes selbst nicht sicher gewesen. Zurückhaltung war geboten. Denn schon vor zwei Wochen in Miami hatte das Team am Freitag geglänzt, nur um dann am Samstag und Sonntag wieder deklassiert zu werden. Nach der Quali dann die Erleichterung: Mercedes ist näher dran – das Bouncing so gut wie weg. Die Leistung passt. Auf den Geraden waren die Silberpfeile teilweise sogar am schnellsten.

In gewisser Weise geht die Saison für das Team erst jetzt so richtig los. Wohl zu spät, um noch ganz vorne ein WM-Wörtchen mitzureden, aber die Saison ist bekanntlich noch lang. Auch ohne Ersatz für den Russland-GP stehen insgesamt in diesem Jahr 22 Rennen auf dem Programm. Das Spanien-Rennen einberechnet sind es noch 17.

Dass die neue Hoffnung dem Team über den Kopf wächst, ist nicht zu erwarten. "Man darf nicht unbescheiden werden. Wo wir herkommen, ist es ein sehr gutes Ergebnis", fasste Wolff den Samstag zusammen. Perfekt ist der W13 indes noch lange nicht. Wolff selbst räumt ein, dass man das Performance-Potenzial des Autos noch nicht ganz "unlocked" habe. Zwar habe man auf Ferrari aufgeholt, in Sachen Longruns sei Red Bull aber immer noch in einer eigenen Liga.

Russell wittert Podium

Auch Russell und Hamilton sprachen nicht von einem optimalen Qualifying. Reifen-Management, leichtes Bouncing in den Kurven – besser geht immer. Mercedes-Kronprinz George Russell klang dennoch fast schon euphorisch.

"Für das Team ist es das beste Ergebnis an einem Samstag der Saison. Wir haben den Eindruck, wir haben eine Basis, auf der wir aufbauen können", sagte er nach der Quali. Man könne sogar mit Ferrari mithalten, glaubt er.

Der Mann, der bislang in jedem Rennen in der Top 5 landete, wittert die Chance, endlich aus eigener Kraft aufs Podest zu rasen.

"Wir wollten schnell unsere Probleme lösen, jetzt haben wir wohl die Lösung gefunden. Jetzt beginnt eigentlich erst die Saison für uns. Ich sehe keinen Grund, warum ich nicht ums Podium mitkämpfen könnte." Ein Motto, das der Rennstall vermutlich bald wieder für jedes Rennen ausgeben kann. Die Zeit des massiven Durchrüttelns ist wohl vorerst vorbei – das entspannt nicht nur Toto Wolff.

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