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Zerfall, Betrug, Aufstieg

Wie erst ein Skandal Werder wunderreif machte

16.05.2022 11:01

Werder Bremen ist zurück in der Bundesliga. Nach einem schwachen Start in die Saison kommt auch noch der Staatsanwalt. Dann startet Neu-Trainer Ole Werner das starke Finale einer turbulenten Runde. Der Weg zu alten Erfolgen ist aber wohl zu weit, um jemals wieder beschritten zu werden.

Wie die Gedanken der Werder-Verantwortlichen nach dem 15. Spieltag der 2. Fußball-Bundesliga genau aussahen? Man weiß es nicht. Positiv gestimmt dürften die Führungsköpfe jedenfalls nicht gewesen sein. Vom direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga wird in den Überlegungen nicht viel vorgekommen sein.

Ende November fegte durchs grau-nasse Bremen nicht nur um das Weserstadion eine unangenehme Brise. Auch in der Geschäftsstelle des Bundesliga-Absteigers fröstelte es viele. Eine 1:2-Pleite in Kiel, 15 Spiele, 20 Punkte. Einen Zähler hinter dem Karlsruher SC, zwei vor Aufsteiger Hansa Rostock. Ein Torverhältnis von minus 1. Die Ausbeute des ehemaligen Spitzenteams liest sich damals so traurig, wie die Fans dreinblickten.

Fast Forward nach Mitte Mai. Und auf einmal lacht in Bremen die Sonne, die Fans feiern Stunden vor und nach dem Abpfiff eine große Party auf den Straßen der Stadt - und Werder Bremen steigt nach dem 2:0 (1:0) gegen den SSV Jahn Regensburg ins Oberhaus auf. Dass die Hanseaten nun doch direkt zurückkehren in die Bundesliga, gleicht einem kleinen Fußball-Wunder. Damit kannten sie sich an der Weser mal aus, mit Wundern, doch das ist lange her. Dieses Wunder ist aber auch keines von rauschenden Europapokalnächten. Es ist ein eher untypisches, ein irgendwie bizarr-verqueres. Eines, das aber trotzdem mit Leid und Schmerz, mit Aufbäumen und einem umjubelten Ende zu tun hat.

Rehhagel-Rekord beinahe geknackt

"Wie die Fans uns unterstützt haben - man sieht einfach, was der Verein für die Stadt und die Region bedeutet", jubelt Trainer Ole Werner nach dem Spiel. "Das heute ist etwas Außergewöhnliches, das man vielleicht nur einmal erlebt. Das ist ein ganz besonderer Moment." Kapitän Ömer Toprak atmet auf nach der Achterbahnfahrt: "Ich bin einfach froh, dass wir es jetzt geschafft haben, trotz der ganzen Umstände und immer wieder Stress. Mir war es einfach sehr wichtig, dass wir das hinkriegen, dass wir den Verein wieder dahin bringen, wo er hingehört."

Dieses Ding mit dem Wunder von der Weser: Vor allem ist diese Saison ein ganz besonderes Phänomen, weil nur eine Straftat den Wiederaufstieg ermöglicht. Unter Markus Anfang spielt der SVW ähnlich pomadig wie unter Florian Kohfeldt in der Abstiegssaison. Die Chemie in der Mannschaft scheint nicht zu stimmen. Es setzt eine bittere Derby-Pleite gegen den Hamburger SV und Niederlagen gegen Paderborn oder Dresden. Der einstige Top-Klub aus der Hansestadt, er war mal. Der Zerfall der letzten Jahre droht in der 2. Liga einfach so weiterzugehen. Nein, sich sogar noch zu verschlimmern. Doch der damalige Werder-Coach Anfang geht urplötzlich im Impfpass-Fälschungs-Skandal von Bord - und verrückterweise wird irgendwie gerade auch dadurch alles gut für die Grün-Weißen.

Natürlich sind Fans, Spieler und Verantwortliche geschockt von dem verstörenden Anfang-Eklat. Einige befürchten gar einen dramatischen Absturz nach solch einem Knall. Aber heute möchten viele vermutlich dem ehemaligen Trainer ein paar Dankesworte zukommen lassen. Denn dass es wieder aufwärts geht in Werders wilder Achterbahnfahrt, ist eng verknüpft mit seinem Nachfolger: Unter Werner legt Werder eine (beinahe) historische Serie mit neun Siegen in zehn Spielen hin, grüßt auf einmal von der Tabellenspitze - und spielt vor allem endlich wieder jenen offensiven, mutigen, ansehnlichen Fußball, den sie an der Weser lieben.

Zwar verpasst Werner den Startrekord von Otto Rehhagel, der nach Übernahme als Trainer 1981 die ersten acht Spiele gewinnen konnte, aber Werder hat jetzt wieder Rückenwind. Der junge, unaufgeregte Coach verschafft sich in Bremen direkt eine unantastbare Autorität. Dem meist stoisch wirkenden Schleswig-Holsteiner gelingt es, zwischen Trainer, Mannschaft und besonders auch den Routiniers wieder eine erfolgsorientierte, harmonisierende Chemie herzustellen.

Topstürmer als Dosenöffner

"Da habe ich nicht allzu viel beigetragen. Das haben die Mannschaft und die Führungsspieler in der Hand gehabt", sagt ein bodenständiger Werner nach seinen ersten fünf Spielen mit fünf Siegen. Nun, viele würden dem 34-Jährigen mit seinem Wundertüten-Umschwung da widersprechen. Er ist es, der in Bremen wieder eine durchschlagskräftige Doppel-Sturmspitze formte, die an die Völlers, Rufers, Bodes, Kloses oder Ailtons erinnert - wenngleich diese Werder-Legenden natürlich eine Spielklasse höher performten. Marvin Ducksch explodiert förmlich unter Werner und schießt in jeder der ersten sieben Partien des neuen Coaches ein Tor und legt dazu noch fünf Treffer auf. Niclas Füllkrug, dem in 14 Spielen unter Anfang nur vier Tore gelangen, netzt nach dem Trainerwechsel 14 Mal in 18 Partien ein.

Und so passt es, dass die beiden Bremer Zweitliga-Superstürmer gegen Regensburg im finalen Saisonspiel für den Dosenöffner sorgen: Kurz nach dem Abseitstreffer von Mitchel Weiser hämmert Füllkrug nach Vorlage von Ducksch den Ball aus gut 18 Metern völlig humorlos in die Maschen. "Ich war jemand, der sich immer wieder vor Augen geführt hat, wo wir herkamen in dieser Saison", erkennt Füllkrug nach der Partie den schlechten Start in die Saison an.

Die Stimmung auf den Rängen kocht über, alle im mit 41.000 Zuschauern ausverkauften Weserstadion merken: Der SV Werder macht hier Ernst, bloß nichts dem Zufall überlassen oder gar das eigene Schicksal in die Hände der Konkurrenten aus Hamburg und Darmstadt legen. Zu dem Zeitpunkt liegt der HSV hinten, die nächsten guten Nachrichten für die Werderaner. Denn kurz sah es am Ende der Saison tatsächlich so aus, als könne der Erzfeind von der Elbe Bremen doch noch den Aufstiegsplatz abluchsen. Es hätte gepasst zu dieser irren Spielzeit.

Dann aber schlägt die nächste Stunde des stoischen Werners. In der Halbzeitpause wird er wohl doch emotional, denn Werder lässt zuvor zu viele Regensburger Chancen zu. Zu Beginn der zweiten Hälfte aber kommt seine Mannschaft mit Feuer aus der Kabine und erzielt nach schöner Vorarbeit von Romano Schmid in Person von - na klar, denn Sturmpartner Füllkrug hat ja schon getroffen - Ducksch das wichtige 2:0. "Nie mehr 2. Liga", schallt es durchs Rund. Und: "Der SVW ist wieder da!"

Werder-Siegeszug und Platzsturm

Es folgen zum Abpfiff die völlige Ekstase und der mittlerweile fast schon so obligatorische wie dadurch auch unnötige, weil zu wenig ekstatisch-spontan wirkende Platzsturm der Fans. "Wenn so viel Leute auf dem Spielfeld sind, Leute teilweise schon während des Spiels aufs Feld laufen", ordnet Werner ein, "ist das eine Situation, die schon auch etwas unbehaglich ist. Aber nichtsdestotrotz zeigt das einfach, wie sehr sich die Leute mit uns freuen." Die Polizei Bremen vermeldet später, dass sich beim Platzsturm 20 Personen verletzen und zum Teil zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht werden müssen.

Bremer Spieler, Trainer und Funktionäre machen Luftsprünge und schütten sich die Inhalte überdimensionaler Biergläser über die Köpfe. Bremen steht Kopf. Auf dem Feld und in den Straßen steigt eine große Party, es gibt kein Durchkommen für Autos, Busse oder Trams. Es gibt endlich nur noch Aufstieg und keine Achterbahn mehr. Schließlich setzt sich auch noch ein 90-minütiger Werder-Siegeszug mit den Spielern über den Osterdeich in Bewegung.

Das war in dieser Saison beileibe nicht immer so. Zwar sagen die Bremer im Sommer, dass nicht der direkte Wiederaufstieg, sondern ein kompletter Neuaufbau das Ziel sei. Doch als auf einmal alles nach der Rückkehr ins Oberhaus aussieht, wollen sie sich an der Weser den Erfolg nicht mehr nehmen lassen. Aber wie sollte es anders kommen in dieser turbulenten Saison, als dass Werder den Platz unter den besten dreien doch fast noch wegwirft. Bitteren Punktverlusten gegen Ingolstadt oder Sandhausen aus dem Tabellenkeller folgt die Heim-Blamage gegen Kiel, bei der die Grün-Weißen zwar vier Treffer erzielen, darunter aber eben auch zwei Eigentore.

Erste Liga genießen, keine Wunder

In der Achterbahnfahrt geht es am letzten Spieltag schließlich wieder steil nach oben. Die Bundesliga hat eines ihrer Gründungsmitglieder zurück, ein Traditionsklub, der wieder dort ist, wo er hingehört. Doch ob der junge Ole Werner nach seiner grandiosen Performance in der 2. Liga auch im Oberhaus überzeugen kann, ob sich Ducksch und Füllkrug auch gegen erstklassige Abwehrreihen durchsetzen können; das alles weiß man nicht. So wie man auch die genauen Gedanken der Werderaner nach dem 15. Spieltag im grauen November nicht kennt.

Der Weg zurück zum alten Stolz, zurück zu Europapokalnächten, zu den sagenumwobenen Wundern von der Weser, ist ein weiter. Wahrscheinlich ist er zu steinig. Und vielleicht wird er niemals wieder gegangen, wenn man sich die Transfersummen und Gehälter anschaut, die derzeit im europäischen Fußball kursieren. Da helfen auch die Video-Grußbotschaften ehemaliger Werder-Legenden - von Diego und Junuzović über Naldo und Mertesacker bis hin zu Rosenberg und natürlich Ailton - vor dem Spiel nicht viel.

Doch darum geht es an diesem Nachmittag nicht in der Hansestadt. Ein Ende der Achterbahnfahrt. Einfach in der ersten Liga spielen ohne erneuten Zerfall, ohne allzu viele Aufs und Abs, und genießen - das reicht den Werderanern schon. Und weitere skandalösen Überraschungen à la Anfang müssen es auch nicht sein. Wenngleich sie manchmal den Aufschwung und letztendlich den Aufstieg einleiten mögen.

David Bedürftig

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Hannover 96
Hannover 96
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Gr. Fürth
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Holstein Kiel
Holstein Kiel
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St. Pauli
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1. FC Nürnberg
Nürnberg
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SV Sandhausen
Sandhausen
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SV Sandhausen
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Bielefeld
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Jahn Regensburg
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Darmstadt
SV Darmstadt 98
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Düsseldorf
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Heidenheim
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Hamburger SV
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