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TV-Sender erntet heftige Kritik

Schwerverbrecher als Experte: Schach-Skandal in Norwegen

18.01.2022 08:36
Das "Tata Steel Chess"-Turnier erfährt in Norwegen aus den falschen Gründen Aufmerksamkeit
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Das "Tata Steel Chess"-Turnier erfährt in Norwegen aus den falschen Gründen Aufmerksamkeit

Das alljährlich ausgetragene "Tata Steel Chess"-Turnier zählt zu den prestigeträchtigsten Events des Schach-Kalenders. Die diesjährige Ausgabe hat zwar gerade erst begonnen, ist aber in Norwegen schon heftig in die Schlagzeilen geraten. Grund ist ein Experte, den der TV-Sender "TV2" für seine Übertragungen engagierte. 

Spätestens seit dem beispiellosen Siegeszug von Weltmeister Magnus Carlsen ist Schach in Norwegen zum Nationalsport geworden. Wichtige Spiele des Superstars werden live und in voller Länge im TV übertragen, die Einschaltquoten gehen regelmäßig durch die Decke.

Die Übertragungsrechte am derzeit in den Niederlanden stattfindenden "Tata Steel Chess"-Turnier liegen beim TV-Sender "TV2". Und dieser sieht sich in diesen Tagen heftiger Kritik ausgesetzt. Der Grund: Der Sender engagierte mit David Toska einen Experten, der vor einigen Jahren am größten Raubüberfall der norwegischen Geschichte beteiligt war.

Im April 2004 war Toska Mitglied der Verbrecherbande, die den so genannten "NOKAS-Überfall" durchführte, bei dem der Polizist Arne Sigve Klungland erschossen und insgesamt zehn Millionen US-Dollar entwendet wurden. Von einigen Medien wurde er gar als "Mastermind" und Drahtzieher des Überfalls bezeichnet.

Dass nun ausgerechnet Toska, der 2007 zu einer Gefängnisstrafe in Höhe von 20 Jahren verurteilt und 2018 vorzeitig auf Bewährung entlassen wurde, als TV-Experte für ein Schachturinier engagiert wurde, hat in Norwegen für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. 

Von "Geschmacklos" mit "Skandal" reichten die Überschriften in der norwegischen Presse, die nicht nur an das Opfer des Überfalls, sondern auch an die Mitarbeiter der Firma erinnerten, die bis heute unter den Folgen des Verbrechens leiden. Ein Sponsor des TV-Senders zog umgehend Konsequenzen und beendete die Zusammenarbeit mit "TV2".

"Es ist ein weiterer Grund, kein Schach zu schauen"

Als "zynisch und völlig unnötig" bezeichnete Opfer-Anwalt Paal Behrens das Engagement Toskas gegenüber "Dagbladet".

Erik Haaland, einer der Polizisten, die damals bei dem Überfall angeschossen wurden, erklärte der Zeitung "Verdens Gang": "Ich bin immer wieder überrascht, dass die Medien für verurteilte Verbrecher niederknien. Es ist ein weiterer Grund, kein Schach zu schauen. Da er seine Bekanntheit durch wiederholte schwere Verbrechen erlangte, ist das für mich eine kopflose Glorifizierung."

Wenn es das Ziel des TV-Senders sei, die Polizei und die NOKAS-Mitarbeiter zu nerven, "dann hat TV2 ins Schwarze getroffen", erklärte Haaland. 

"Es war nie meine Absicht, jemanden zu irritieren"

"TV2"-Sportchef Vegard Jansen Hagen rechtfertigte die Zusammenarbeit mit Toska gegenüber "Verdens Gang" und sagte lediglich: "Es ist klar, dass es verschiedene Sichtweisen gibt, wir respektieren die von Erik Haaland." Die anderen Moderatoren hätten die Freiheit, Toska nach seiner Vergangenheit zu fragen, versicherte Hagen.

Und Toska selbst? Der hatte laut eigener Aussagen nicht mit einem derartigen Sturm der Entrüstung gerechnet.

"Es war nie meine Absicht, jemanden zu irritieren. Ich bin dankbar für diese Chance und dafür, dass ich zu so etwas Bedeutendem etwas beitragen kann. Am Ende entscheiden die Zuschauer, ob ich diese Chance verdiene oder nicht", sagte der in der Vergangenheit wegen mehrerer Verbrechen angeklagte TV-Experte, der zu seiner Jugendzeit als hochtalentierter Schachspieler galt.