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Was würde eine Formel 1 ohne Lewis Hamilton bedeuten?

14.01.2022 15:54

Je länger der entthronte Formel-1-Weltmeister zu seiner Zukunft schweigt, desto heißer werden die Spekulationen um Lewis Hamilton. Wird der Rekordchampion tatsächlich zurücktreten?

Eine Formel 1 ohne ihre schillerndste Persönlichkeit der letzten 15 Jahre würde einen riesigen Einschnitt bedeuten, so viel ist sicher. Der größte Verlierer stünde schnell fest: der Motorsport! 

Daneben hätte ein Hamilton-Rücktritt eine ganze Reihe von Konsequenzen, die einem wahren Beben in der Königsklasse des Motorsports gleichkämen.

  • Rücktritts-These I: Ohne Hamilton fehlt der Formel 1 ihr bester Fahrer

Lewis Hamilton fährt seit 2007 in der Formel 1. Seit seiner Debüt-Saison fightet der Brite um die Weltmeisterschaft. Schon 2007 fuhr er seine ersten vier Siege ein, fuhr damals in seinen ersten neun Rennen jedes Mal aufs Podest. Ein Senkrechtstart, den niemand vor und nach ihm hinbekommen hat.

Seit seiner ersten Stunde fährt Lewis Hamilton in der Formel 1 um Siege mit
Seit seiner ersten Stunde fährt Lewis Hamilton in der Formel 1 um Siege mit

Neben dem Privileg, von Beginn an in den Top-Autos im F1-Zirkus zu fahren - 2007 bis 2012 im McLaren, seit 2013 im Mercedes - bringt Hamilton überragende fahrerische Fähigkeiten mit, die ihn von nahezu allen anderen Fahrern abheben.

Leichtsinnsfehler oder vermeidbare Unfälle gibt es vom 36-Jährigen so gut wie nie zu sehen. Hamilton ist die fahrerische Konstanz auf höchstem Niveau in Person. Er bringt auf den unterschiedlichsten Rennstrecken dieser Welt alle Anforderungen des jeweiligen Wochenendes zusammen. 

Dieses Maß an Verlässlichkeit ist in der Formel 1 unerreicht. Keiner der gegenwärtigen Top-Fahrer im Feld reicht an dieses Gesamtpaket heran. Kein Max Verstappen, kein Sebastian Vettel, kein Fernando Alonso, kein Charles Leclerc. 

Zwei Ausfälle in den letzten fünfeinhalb Jahren in über 100 Rennen belegen diese These, dass ohne Hamilton nicht nur der beste, sondern auch der konstanteste Fahrer der letzten 15 Jahre fehlen würde.  

  • Rücktritts-These II: Vorbei die Ruhe bei Mercedes

Seit dem Karriereende von Nico Rosberg nach der Weltmeister-Saison 2016 sind die Kräfteverhältnisse bei Mercedes eindeutig verteilt. Lewis Hamilton ist der Star des Teams und glasklarer WM-Fahrer, während Teamkollege Valtteri Bottas als Wingman agiert und auf der Piste die Füße stillhält, um den Erfolgs des Teams nicht zu gefährden. 

Sollte das Cockpit neben dem neuen Stammfahrer George Russell plötzlich frei werden, würde es zur Sache gehen beim Serien-Weltmeister der letzten Jahre - so oder so. 

Egal, ob Mercedes mit einem weiteren aufstrebenden Piloten aus dem eigenen Stall oder einem erfahrenen Fahrer die Lücke füllen will: Beim deutsch-britischen Team wird es knallen, da sich beide Fahrer teamintern durchsetzen wollen und müssen. 

In wilden Spekulationen wurden vor allem ein Deal mit Aston-Martin-Fahrer Sebastian Vettel oder eine spektakuläre Rückholaktion von Valtteri Bottas ins Spiel gebracht. 

  • Rücktritts-These III: Mit Hamilton ginge der größte Glamour-Faktor

Lewis Hamilton polarisiert die gesamte Motorsportwelt. Das ist schon seit Jahren so - spätestens seit seinen ersten WM-Titeln und der beginnenden Mercedes-Dominanz im Jahr 2014.

Er wird gefeiert für seine sportliche Exzellenz, für seine gesellschaftspolitischen Statements sowie für seine eigene Art, sich modisch ausgefallen und schrill an den Strecken dieser Welt und in den sozialen Medien zu präsentieren.

In gleichem Maße sieht er sich auch Anfeindungen ausgesetzt. Hamilton gilt bisweilen als unnahbar, extravagant und abgehoben. Wie man auch immer zu dem zweifelsfrei erfolgreichsten Formel-1-Fahrer der letzten Jahrzehnte steht: Hamilton verleiht der Königsklasse seit 15 Jahren einen Glamour-Faktor, den es in diesem Ausmaß zuvor wohl noch nie gegeben hatte.

Er gilt im gesamten Fahrerfeld als einziger Superstar, der überall auf der Welt gleichermaßen populär ist. Ein Rücktritt würde gleichermaßen einen Image-Verlust für die gesamte Formel 1 bedeuten. 

Mit den schrillen Outfits von Hamilton ließen sich ganze Bücher füllen
Mit den schrillen Outfits von Hamilton ließen sich ganze Bücher füllen

  • Rücktritts-These IV: Epochale Rekordjagd wäre beendet

Es gibt beinahe keinen großen Rekord mehr in der Formel 1, den Lewis Hamilton noch nicht gebrochen hat. Die meisten Rennsiege, die meisten Podiumsplätze, die meisten Pole Positions: Überall liegt der jüngst zum "Sir" geschlagene Superstar vorne und hat der denkwürdigen Rekord-Karriere von Michael Schumacher nochmal eins draufgesetzt. 

Bei der Anzahl der Weltmeistertitel liegen Hamilton und Schumi noch gleichauf, es steht sieben zu sieben. Dass Hamilton im besten Rennfahrer-Alter mit Mitte 30 jetzt aufhört und sich diesen historischen Bestwert auch noch schnappen will, scheint fast nicht denkbar.

Erst mit dem achten Fahrertitel hätte Hamilton auch den letzten, großen F1-Rekord verbessert. Ein plötzlicher Rückzug trotz bis 2023 laufenden Vertrags bei Mercedes würde nicht weniger als das abrupte Ende dieser Rekordjagd bedeuten.  

  • Hamilton-Karriereende im Jahr 2022 fast nicht vorstellbar 

Lewis Hamilton ist seit Jahren absoluter Experte darin, sich zu inszenieren und in Szene zu setzen, um die größte Aufmerksamkeit zu generieren. Derzeit gelingt ihm das am allerbesten, indem er einfach gar nichts sagt und die Motorsportwelt über seine Zukunft spekulieren lässt. 

Nicht zuletzt der neue FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem zeigte sich zuletzt noch "sehr zuversichtlich, dass er auch 2022 am Start sein wird. Er ist ein fundamentaler Bestandteil unseres Sports."

Der vielleicht beste Rennfahrer aller Zeiten wird sich nicht als geschlagener Champion von der großen Bühne des Weltsports verabschieden wollen - und schon gar nicht auf die 80 Millionen Euro verzichten, die ihm die zwei Jahre Vertrag bei Mercedes garantiert noch einbringen. Falls doch, würde einer ganzen Sportart ihre größte Attraktion überhaupt abhanden kommen.

Mats-Yannick Roth