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Viele Unfälle in Saudi-Arabien

Formel-1-Fahrer drängen auf Veränderungen

07.12.2021 19:27
Das Formel-1-Rennen in Dschidda wurde zweimal mit Rot unterbrochen
© Mark Sutton via www.imago-images.de
Das Formel-1-Rennen in Dschidda wurde zweimal mit Rot unterbrochen

Nach der Formel-1-Premiere in Saudi-Arabien mit mehreren Zwischenfällen und zwei roten Flaggen drängen die Fahrer auf Änderungen am Straßenkurs in Dschidda. Sie äußern vor allem wegen der vielen unübersichtlichen Passagen Bedenken.

So hofft George Russell, dass die richtigen Lehren aus dem chaotischen Rennen gezogen werden. Der Williams-Pilot war selbst in einen Unfall verwickelt, als ihm in der 16. Runde kurz nach dem ersten Restart Haas-Fahrer Nikita Mazepin ins Heck rauschte.

Russell wich zu dem Zeitpunkt dem außer Kontrolle geratenen Red Bull von Sergio Perez aus, der von Charles Leclerc im Ferrari gedreht worden war. Der Brite konnte gerade noch bremsen, um auszuweichen, wurde dann aber von Mazepin getroffen.

Zwar kamen alle Beteiligten unverletzt davon, doch die Art des Unfalls war genau das, was viele Fahrer und Beobachter aufgrund der Kombination aus extrem hohem Tempo und eingeschränkter Sicht auf der Strecke schon im Vorhinein befürchtet hatten. Laut Russell war der Vorfall "ziemlich unvermeidlich".

"Man fährt durch Kurve 2, die ziemlich breit und offen ist - die Autos können nebeneinander fahren - und dann wird es trichterförmig und ziemlich schnell ziemlich eng", beschreibt er das Layout. "Ich kam aus einer blinden Kurve, die Autos waren überall, ich verlangsamte und wurde komplett von hinten getroffen."

"Ich denke, dass der Motorsport aus diesem Wochenende eine Menge lernen kann, denn die Strecke ist unglaublich aufregend und spannend zu fahren, aber es mangelt ihr an Sicherheit. Diese kleinen, blinden Kurven, die in einem Formel-1-Auto nicht mal richtige Kurven sind, sind prädestiniert für gefährliche Zwischenfälle."

Formel 1 kehrt im März zurück

Da die Formel 1 im März 2022 erneut auf dem Straßenkurs in Dschidda gastieren wird, hofft Russell, dass die Organisatoren und die FIA bis dahin die notwendigen Änderungen vornehmen werden, um die Sicherheit auf der Strecke zu verbessern.

"Meiner Meinung nach sind Änderungen an der Strecke notwendig, denn es gibt so viele kleine Knicke, die völlig unnötig sind. Man könnte einfach alles von Kurve 2 bis Kurve 4 und von Kurve 17 bis 22 in eine Gerade verwandeln", schlägt Russell vor.

Ihm schließt sich Alpine-Pilot Esteban Ocon an. "Ich weiß nicht, wo die Einschränkungen beim Bau liegen, denn es muss einen Grund geben, warum die Geraden so verlaufen", wundert er sich. "Es macht uns blind macht, weil wir nicht sehen können, ob ein Auto vor uns ein Problem hat. Das erhöht die Crashgefahr."

Ocon gibt zwar zu, dass er den ersten Teil der Strecke mag, wendet aber ein: "All diese Geraden danach, die nicht gerade sind, ich denke, wir sollten sie im Grunde begradigen."

"Ich habe so etwas nicht erwartet"

"Es würde keinen Unterschied beim Überholen machen. Es würde keinen Unterschied beim Streckenlayout selbst machen, weil die Hauptkurven erhalten bleiben, aber es würde sicher viel zum Sicherheitsaspekt der Strecke beitragen", meint der Franzose.

Ferrari-Pilot Carlos Sainz hält fest, dass die Zwischenfälle im Rennen "ein klares Beispiel" für das gewesen seien, was die Fahrer das ganze Wochenende über gesagt haben. "Es gibt keinen Platz, um einen Unfall zu vermeiden, keine Sicht. Und wir konnten keine Crashs vermeiden, wenn sie vor uns passierten", mahnt er.

Und Pierre Gasly ergänzt: "Ehrlich gesagt war es schlimmer. Ich habe so etwas nicht erwartet. Irgendwann fing ich an zu denken, dass wir die Hälfte des Rennens unter dem virtuellen Safety-Car oder Safety-Car fahren werden, wenn es so weitergeht."

Der AlphaTauri-Fahrer sagt, er habe ein solches Rennen noch nicht erlebt. Für die nächste Saison hofft er auf Änderungen am Streckenlayout: "Vielleicht könnten sie die Kurven so öffnen, dass wir etwas mehr Sicht nach vorne haben. Das wäre für alle viel sicherer."

"Es ist eine aufregende Strecke"

Ähnlich äußert sich Lando Norris von McLaren. "Ich denke, es gibt ein paar Stellen, an denen man die Mauern auf jeden Fall zurückversetzen kann", meint er. "Die gefährlichste Stelle ist natürlich die, wo Charles (Leclerc) und Mick (Schumacher) abgeflogen sind. Für sie hätte es sogar noch schlimmer kommen können."

Auch die hohe Durchschnittsgeschwindigkeit in Dschidda sieht der Brite kritisch: "Ich glaube nicht, dass das für einen Straßenkurs notwendig ist. Man muss sich vorstellen, dass wir 250, 300 km/h fahren und von hier bis da ist eine Mauer. Das Risiko, das damit einhergeht, ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll."

Genau diesen Punkt spricht auch Sebastian Vettel an. Zwar sagt er: "Es ist eine aufregende Strecke, weil es Hochgeschwindigkeitskurven gibt, aber wir verlassen uns hauptsächlich auf unsere Fähigkeiten und auch auf Glück, wenn etwas schief geht."

"Es braucht nicht viel, man kann nichts sehen, wenn man um die Kurve fährt", weiß der Aston-Martin-Pilot. "Suzuka ist eine fantastische Strecke, aber man würde Suzuka nicht mit Mauern fahren. Genau das hat man hier mehr oder weniger gemacht. Es ist eine Herausforderung, aber es ist sinnlos, so lange blind zu fahren."

"Ich habe das Gefühl, dass es in Ordnung ist"

Die Teamchefs nahmen die Bedenken ihrer Fahrer über Dschidda zur Kenntnis, hielten sich selbst mit Kritik an der Strecke aber zurück. "Ich habe das Gefühl, dass es in Ordnung ist", sagt Alpine-Geschäftsführer Marcin Budkowski. "Es gibt ein paar Kurven, die etwas knifflig sind, aber das kann man sich 2022/23 ansehen."

"Wenn man den Fahrern zuhört, wird klar, dass auch ein gewisses Risiko dabei ist, weil die Mauern so nah sind und die Strecke so beschaffen ist", ergänzt Andreas Seidl von McLaren.

"Ich denke aber, dass das Risiko überschaubar ist, um ehrlich zu sein. Natürlich, wie auch Lando schon sagte, werden wir alle anders darüber diskutieren, wenn ein großer Unfall passiert. Aber ich denke, was wir an diesem Wochenende gesehen haben, wurde von den Teams, den Fahrern und der FIA gut gemanagt."

FIA-Renndirektor Michael Masi erwartet vor dem nächsten Rennen in Dschidda im März keine großen Änderungen. "Ich denke, dass sie hier in Saudi-Arabien einen brillanten Job gemacht haben, indem sie diese erstaunliche Anlage in einem so kurzen Zeitrahmen aufgebaut haben", lobt er die Beteiligten vor Ort.

"Es gibt noch einige Feinabstimmungen, die in allen Bereichen vorgenommen werden müssen. Es gab einige Anlaufschwierigkeiten, da es sich um eine brandneue Veranstaltung und eine brandneue Anlage handelt. Es geht also um das Feintuning, aber nichts Großes, was ich mir hier und jetzt vorstellen könnte", so Masi.