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Zwischen Harakiri und Hoffnung: Kasai legt wieder los

02.12.2021 11:15
Noriaki Kasai will es im Skispringen wissen
© YUTAKA via www.imago-images.de
Noriaki Kasai will es im Skispringen wissen

Noriaki Kasai wird im kommenden Jahr 50 und ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Mit Trotz wehrt sich der ewige Skispringer aber gegen das Karriereende.

Es ist ja nicht so, als führe Noriaki Kasai mit bald 50 Jahren ein ereignisarmes Leben. Gerade war Japans lebende Skisprung-Legende wochenlang in Finnland, traf den Weihnachtsmann, bestaunte Nordlichter - und brach sich beinahe das Genick.

"Da hatte ich richtig Angst", sagte Kasai, nachdem ihn beim Training in Rovaniemi eine Windböe erwischt hatte und er wild durch die Luft getrudelt war.

Das sah böse aus, hatte etwas von Harakiri, und mittlerweile muss man sich dann doch verstärkt Sorgen um den so sympathischen Flugsaurier aus Shimokawa machen, dessen Weltcup-Debüt sich dieser Tage zum 33. Mal jährt. Denn mittlerweile ist Kasai da angelangt, wo er eigentlich niemals landen wollte.

Kasai: "Das ist schon ziemlich enttäuschend"

Er, der mit 42 Jahren noch Springen gewann, wirkt mit 49 wie jemand, der den Absprung längst verpasst hat. Und während die besten Springer der Neuzeit am Wochenende im polnischen Wisla auf der großen Bühne wetteifern, kämpft Kasai im einsamen Training verzweifelt um den Anschluss und gegen unvermeidliche biologische Gewissheiten.

"Das ist schon ziemlich enttäuschend", meinte der Skiflug-Weltmeister von - jawohl - 1992, nachdem er im Oktober bei den japanischen Meisterschaften 22. geworden war. Ob er angesichts solcher Resultate und hanebüchener Sturzflüge wie in Rovaniemi nicht doch über ein Karriereende nachdenke? Zumindest Ehefrau Reina und seinen beiden kleinen Kindern zuliebe?

Daran, sagte Kasai mit seinem ewigen Lächeln und doch sehr nachdrücklich, verschwende er keinen Gedanken: "Ich habe noch nicht meine ganze Kraft verloren. Ich werde zwar nächstes Jahr 50, doch ich werde weitermachen - so wie King Kazu."

Letzter Sieg im Skispringen sieben Jahre her

Jener König, Kazuyoshi Miura bürgerlich, ist 54 Jahre alt, seit fast vier Jahrzehnten Profifußballer und im Trikot des FC Yokohama ebenfalls ein wandelndes Denkmal. Was Kasai aber übersieht: Wie Kasai hat King Kazu mittlerweile eher eine Maskottchen-Rolle übernommen, stürmte für Absteiger Yokohama in der abgelaufenen Saison nur eine Erstliga-Minute.

Und Kasai? Der letzte seiner irrsinnigen 569 Weltcupstarts liegt fast zwei Jahre zurück, sein letzter Punkt bald drei, sein letztes Podium fünf, sein letzter Sieg sieben Jahre. Und auch wenn er dies mit großem Altersstarrsinn wegschiebt - besser wird es mit weiter weichender Fitness nicht werden. Der Traum von seinen neunten Olympischen Spielen wird für Kasai, ohnehin schon alleiniger Winter-Rekordler, wohl unerfüllt bleiben. So denken alle - außer er selbst.

Wenn es 2022 nicht mit Olympia klappt, "dann eben vier Jahre später." Oder noch später. "Ich möchte 2030 anstreben, wenn sich Sapporo als Gastgeber bewirbt." Davon träumt der ewige Skispringer. Gerade jetzt, an diesen langen Tagen daheim - denn mit dem Trainingstrip nach Finnland hat er sich zwei Wochen Quarantäne in Japan eingehandelt.