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Was reißen die DSV-Skijäger im Olympia-Winter?

Mehr Sorgen als Hoffnung bei Deutschlands Biathlon-Stars

26.11.2021 20:41
Erik Lesser und Franziska Preuß gehören zu den Hoffnungsträgern des DSV
© Rolf Kosecki via www.imago-images.de
Erik Lesser und Franziska Preuß gehören zu den Hoffnungsträgern des DSV

Am Samstag begibt sich die Biathlon-Elite im schwedischen Östersund zum ersten Mal in diesem Winter in die Loipe, um sich im Kampf um das Gelbe Trikot in Position zu bringen. Die deutschen Stars begleiten allerdings zahlreiche Sorgen.

Die Zeiten, zu denen nahezu jeder DSV-Skijäger in der Lage war, das Rennen in den Top 10 zu beenden und ein Weltcup-Wochenende ohne deutsche Podestplätze die Ausnahme darstellte, sind längst Geschichte. Ein paar heiße Eisen hat der deutsche Ski-Verband aber immer noch im Feuer.

Bei den Frauen ruhen die Hoffnungen vor allem auf den Schultern von Denise Herrmann und Franziska Preuß, bei den Männern gehen Benedikt Doll und Erik Lesser nicht chancenlos an den Start. Ausgerechnet die vermeintliche deutsche Speerspitze gab bei den Deutschen Meisterschaften Mitte September allerdings Rätsel auf.

Okay, Herrmann setzte sich im kurzen Einzel über 12,5 Kilometer durch und wurde Dritte im Sprint, die Erfolge auf nationaler Ebene verdankt die 32-Jährige allerdings einzig dem Umstand, dass sie läuferisch in anderen Sphären unterwegs ist. Am Schießstand besteht hingegen deutlich Steigerungsbedarf. Zwei Strafminuten konnte Herrmann angesichts der läuferisch überschaubar starken Konkurrenz im Einzel noch locker wettmachen, im Sprint waren drei Fahrkarten hingegen zu viel, sieben in der Verfolgung ohnehin indiskutabel.

Noch einmal deutlich katastrophaler lesen sich die Ergebnisse von Preuß: Die 27-Jährige, die im Gesamtweltcup 2020/21 den dritten Rang belegte, und eigentlich als absolute Top-Schützin gilt, verfehlte vier, drei und fünf Scheiben.

Olympische Winterspiele als großer Trumpf?

Bei den Männern ähnelt sich das Bild. Lesser gewann das Einzel vor Roman Rees, in der Verfolgung belegte mit Johannes Kühn ein weiterer Weltcupstarter als Zweiter das Podium. Philipp Nawrath und Justus Strelow, die der DSV ebenfalls in der Leistungsgruppe Ia führt, verpassten sogar mehrfach die Top 10. Selbiges gilt für Lesser im Sprint und Verfolger. Besonders bedenklich: Die Schießleistungen stimmten größtenteils sogar.

Auf der anderen Seite liegen die Titelkämpfe natürlich schon über zwei Monate zurück. Mehr als einen Fingerzeig stellen sie daher sicher nicht mehr dar.

Vor allem, da der Winter 2021/22 ein Ereignis bereithält, dass beinahe immer als Trumpf des deutschen Teams gilt: Olympische Winterspiele. 2018 stellte man mit drei Gold-, einer Silber- und drei Bronze-Medaillen durchaus überraschend das erfolgreichste Team. 

Um bei den wichtigen Großereignissen auf den Punkt liefern zu können, richten die deutschen Stars ihre Saison nicht selten exakt auf diese auf. Schlechtere Leistungen zu Saisonbeginn oder zumindest längere Schwächephasen werden durchaus in Kauf genommen. Zumal der Kampf um den Sieg im Gesamtweltcup angesichts der schier erdrückenden Konkurrenz aus Norwegen ohnehin zum aussichtslosen Unterfangen werden dürfte. 

Im Gespräch mit der "Sport Bild" lässt mit Denise Herrmann eine der Top-Athletinnen des DSV erst gar keine Zweifel daran aufkommen, wo der Fokus liegt. "Alles, was zählt, ist Olympia im Februar. Hart formuliert: Es ist zweitrangig, was davor oder danach ist."

Top-Talente im DSV verzweifelt gesucht

Der Blick auf die zurückhaltenden Leistungen der Etablierten bei den Deutschen Meisterschaften ist allerdings nicht der einzige Fakt, der Anlass zur Sorge gibt. Viel schwerer dürfte wiegen, dass man weiterhin vergeblich nach aussichtsreichen Talenten sucht.

Mit 24 Jahren ist Strelow das Küken im Männerkader, es folgen Philipp Horn (27), Nawrath (28) und Rees (28). Mit Philipp Lipowitz (22) und Danilo Riethmüller (22) tummeln sich immerhin zwei Athleten im Ib-Kader, die ihr Potenzial bei Jugendweltmeisterschaften bereits mehrfach unter Beweis gestellt haben. Von Top-Ergebnissen im Weltcup sind beide allerdings noch ein gutes Stück entfernt. 

"Ein Punkt ist, dass wir die Junioren früher an den Seniorenbereich heranführen – so wie es auch die Norweger machen. Wir haben ja Talente wie zum Beispiel Philipp Lipowitz und Danilo Riethmüller. Die müssen wir nur richtig fördern", bestätigte Biathlon-Sportdirektor Bern Eisenbichler der "Sport Bild", dass man die beiden Youngster durchaus auf dem Schirm hat.

Etwas besser sieht es bei den Damen aus, Preuß gehört mit 27 Jahren längst zur Weltspitze, die 24-jährige Janina Hettich konnte ebenfalls schon einige Achtungserfolge feiern und mit Vanessa Voigt gehört die ebenfalls 24-jährige Vanessa Voigt erstmals zum Weltcup-Kader. Voigt gehörte zu den besten Athletinnen bei den nationalen Meisterschaften 2021 und gewann im Vorjahr die Gesamtwertung im IBU-Cup.

Beim ersten Rennen der Saison bekommen zudem die 23-jährige Juliane Frühwirt und Anna Weidel (25) aus dem 1b-Kader eine Chance. Die routinierten Maren Hammerschmidt und Karolin Horchler müssen dafür passen.

Dass die goldenen Zeiten vorbei sind, untermauerte auch Arnd Peiffer. "Richtig ist, dass wir nicht mehr so viele Nachwuchsathleten haben. Mit denen müssen wir sorgfältig umgehen. Früher konnten wir förmlich aussieben, jetzt müssen wir den Nachwuchs aufbauen und um junge Athleten werben", erklärte der Sprint-Olympiasieger Anfang Oktober gegenüber "Sport1".

Marc Affeldt