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Geigers Fingerzeig Richtung Peking

21.11.2021 11:05
Karl Geiger startete optimal in die Saison
© Bjoern Reichert via www.imago-images.de
Karl Geiger startete optimal in die Saison

Ein Saisonstart wie aus dem Bilderbuch: Karl Geiger lässt mit seinem Auftaktsieg in Nischni Tagil von einer goldenen Olympiasaison träumen.

Nach dem ersten deutlichen Fingerzeig Richtung Olympia stand Karl Geiger im gelben Trikot am Fuße der mächtigen Schanze von Nischni Tagil und war schwer begeistert von sich selbst. "Das ist Wahnsinn", sagte der beste deutsche Skispringer nach seinem Sieg zum Auftakt dieses pickepackevollen Winters: "Ich wusste ja nicht, wo ich wirklich stehe."

Ganz oben, ganz vorne - da stand Geiger nach dem souveränen Triumph beim ersten Saisonspringen im bitterkalten Zentralrussland. Beim zehnten Weltcupsieg und dritten in Serie - im März hatte er beim Saisonabschluss in Planica zweimal gewonnen - hielt der Skiflug-Weltmeister die am höchsten eingeschätzten Springer, den Norweger Halvor Egner Granerud (2.) und den Japaner Ryoyu Kobayashi (3.), mit deutlichem Abstand in Schach.

"Mega - ich bin echt cool gesprungen", sagte Geiger, der nach Januar 2020 zum zweiten Mal die Weltcup-Führung übernahm, in der ARD. Nach langen Wochen der Vorbereitung auf diese rasanten Monate mit drei Highlights (Vierschanzentournee, Olympia in Peking, Skiflug-WM in Vikersund) war dem 28-jährigen Oberstdorfer die Erleichterung darüber, im Sommer wohl vieles richtig gemacht zu haben, anzumerken.

"Mir hat es unter den Nägeln gebrannt, dass es endlich losgeht. Und dann geht es mit einem Sieg los", sagte Jung-Vater Geiger, der sich schweren Herzens für den Weltcup-Trip nach Russland und Finnland vom elf Monate alten Töchterchen Luisa getrennt hatte: "Ich wusste, dass ich in den vergangen Wochen gut gesprungen bin. Aber ich wusste nicht, was das wert ist."

Was der erfahrene Geiger aber aus leidvoller Erfahrung weiß: Im Skispringen funktioniert es schlichtweg nicht, eine starke Frühform über Wochen nur konservieren zu wollen. Derartiges führt zu Stagnation und dann in einer langen Saison zu Rückschritt. "Ich muss weitermachen, jetzt einfach dranbleiben", sagte Geiger am Samstag - 39 Tage vor Tournee-Start, 76 Tage vor Olympia-Beginn in Peking.

Falls es einer zusätzlichen Mahnung bedarf: Der Sieg im ersten Saisonspringen ist im Hinblick auf die folgenden Saisonhöhepunkte kein gutes Omen. Im Vorjahr gewann Geigers Zimmerkollege Markus Eisenbichler (am Samstag guter Sechster) gleich die ersten beiden Springen. Bei der Vierschanzentournee wurde er 16. und jeweils 17. in den WM-Einzelspringen.

Der bislang letzte Auftaktsieger, der bei der folgenden Vierschanzentournee oder den Nordischen Weltmeisterschaften bzw. Olympischen Spielen im Einzel auf dem Podest landete, war der Österreicher Andreas Kofler 2011/12 (Tournee-Dritter). Der bislang letzte, der einen großen Einzeltitel gewann: der Tscheche Jakub Janda 2005/06 als Tourneesieger.

Geiger wird das wenig scheren, er wird konsequent auf sich schauen und seine vielleicht größte Stärke ausspielen: Auch im größten Trubel wie in der Vorsaison entspannt zu bleiben. Hochzeit, Skiflug-Weltmeister, Nachwuchs, Corona-Erkrankung, schließlich die Heim-WM mit vier Medaillen - das war 2020/21.

"Manchmal wäre es mir lieber gewesen, es wäre etwas ruhiger verlaufen", sagte Geiger: "Aber heute kann ich nur sagen: Besser geht's nicht." Rein sportlich geht es das in diesem Winter vielleicht doch noch.