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Fan-Expertin bewertet Degradierung von Ralf Fährmann

Torwart-Diskussion auf Schalke "könnte wieder hochkommen"

23.10.2021 07:35
Der FC Schalke 04 muss am Wochenende gegen Dynamo Dresden ran
© imago/sport.de/cr
Der FC Schalke 04 muss am Wochenende gegen Dynamo Dresden ran

Nach dem Abstieg aus der Fußball-Bundesliga und einem holprigen Saisonstart hat sich die Lage beim FC Schalke 04 zuletzt ein wenig entspannt. Dennoch gibt es weiter einige Baustellen bei den finanziell angeschlagenen Knappen.

Vor dem Heimspiel gegen Dynamo Dresden am Samstag (20:30 Uhr) spricht die bekannte Schalke-Bloggerin und Fan-Expertin Susanne Hein-Reipen im exklusiven Interview mit sport.de über die Degradierung von Publikumsliebling Ralf Fährmann, die ambivalente Sicht auf Trainer Dimitrios Grammozis sowie das Comeback der S04-Ultras im Stadion.

Zudem erklärt Hein-Reipen, warum die Königsblauen trotz Simon Terodde ein Sturm-Problem haben und welche Spieler aus dem Schalker Abstiegskader sie vermisst.

Liebe Frau Hein-Reipen, wie ist die aktuelle Stimmungslage im Schalker Fanlager?

Susanne Hein-Reipen: Es entwickelt sich wieder was. Wir haben jetzt fünf Mal gewonnen in den letzten sechs Spielen, wenn auch natürlich mit etwas Glück in Hannover. Dafür umso schöner in der letzten Sekunde. Die Stimmung wird besser und besser. Man hat das Gefühl, dass die Mannschaft wieder zusammenwächst und dass es auch endlich wieder eine Mannschaft ist. Spielerisch ist sicherlich noch Potenzial nach oben, aber die Richtung stimmt.

Die Erfolge kamen auch mit dem Torwartwechsel von Ralf Fährmann auf Martin Fraisl. Wie wird die Degradierung von Fährmann gesehen?

Ralf Fährmann hat eine große Fanbase, weil er durch und durch Schalker ist. Er trägt Schalke im Herzen und sieht den Verein nicht nur als irgendeinen Arbeitgeber. Ob die Erfolgsserie jetzt an Fraisl liegt, ist offen. Er hat jetzt drei Mal gespielt und ist dabei drei Mal zu Null geblieben. Das sieht natürlich super aus, ich glaube aber, dass wir in diesen Spielen mit Fährmann auch nicht mehr Tore kassiert hätten. Denn die Abwehr wächst immer besser zusammen, insbesondere Ko Itakura macht einen richtig guten Job.

Fraisl hat derzeit einfach das Momentum auf seiner Seite. Ich habe Fährmann beim letzten Heimspiel gegen Ingolstadt ein bisschen beobachtet, da guckte er noch extrem frustriert aus der Wäsche. Man konnte man ihm am Gesicht ablesen, dass ihm das alles nicht so gefällt. Aber gegen Hannover hat er sich mit der Mannschaft gefreut, als ob er selbst gespielt hätte. Vom Frust war nichts mehr zu sehen.

Von Fanseite aus ist also jetzt erst einmal kein Unmut über den Torwarttausch zu erwarten?

Das ist jetzt erstmal so in Ordnung. Wenn Fraisl dicke Böcke schießt, könnte die Diskussionen wieder hochkommen, ob man nicht bei Fährmann hätte bleiben sollen. Aber im Moment ist es recht ruhig, auch weil der Erfolg da ist. Außerdem muss man betonen: Auf der Linie sind beide gut, aber mit dem Ball am Fuß ist Fraisl schon etwas stärker. Und: Dafür, dass er noch relativ neu ist, gibt Fraisl strikte Kommandos und hat seine Abwehr lautstark im Angriff. Er ist nicht auf den Mund gefallen, das passt im Moment ganz gut.

"Man sieht: Grammozis entwickelt Schalke 04 weiter"

Wie sieht es bei Dimitrios Grammozis aus: Es schien lange so, als wären die Schalker nicht ganz mit dem Trainer warm geworden?

Auch hier gibt es eine stetige Entwicklung. In der Sommerpause waren viele sehr skeptisch, ob er nicht "verbrannt" ist, weil Schalke sehr erbärmlich abgestiegen ist, andere haben aber auch gesagt, dass Grammozis nichts dafür konnte, weil der Karren schon metertief im Dreck steckte, als er übernommen hat.

Andererseits waren aber auch Auftritte dabei, die wenig an eine Profi-Mannschaft erinnerten. Deswegen gab es einige Stimmen, die sich einen unbelasteten Neuanfang mit einem Trainer gewünscht hätten, der mit dem Sauhaufen nichts zu tun hatte.

Und dann gab es natürlich auch die Frage danach, ob es richtig ist, jedes Mal so schnell den Trainer auszutauschen. Von der Finanzierung ganz abgesehen.

Die Krakeeler jedenfalls werden ruhiger, weil man auch sieht, dass Grammozis die Mannschaft weiterentwickelt. Zwar nicht zu einer Truppe, die Hacke, Spitze, eins, zwei, drei spielt, aber durchaus zu einem Team, das über Tugend und Fitness kommt und etwas auf die Beine stellt.

Gibt es jemanden aus dem Abstiegskader, den Sie vermissen?

Sportlich hat die Mannschaft in den letzten anderthalb Jahren alles getan, dass man keinen daraus vermisst. Aber: Jemand wie Sead Kolasinac ist schon ein Brett. Wenn der wirklich in Form ist, ist er ein echter Leader. Da wäre es schön gewesen, wenn etwas vom Himmel gefallen wäre, um ihn weiter zu verpflichten.

Außerdem fand ich Benjamin Stambouli und auch Bastian Oczipka immer klasse. Die haben sich wenig zu Schulden kommen lassen, außer schlechten Fußball zu spielen im letzten Jahr. Aber so wirklich vermisse ich keinen, denn die Mannschaft war offensichtlich innerlich total kaputt. Das ist bei der aktuellen Mannschaft anders. Da gab es zu Beginn auch Abstimmungsschwierigkeiten im Spiel und zum Glück hatten wir oft Simon Terodde als Retter, aber man hat das Gefühl, dass sich die Spieler verstehen, sich Mühe geben, miteinander sprechen und zusammen gewinnen und verlieren. Das hatte man bei der alten Mannschaft nicht mehr.

So wichtig ist Rouven Schröder für den FC Schalke 04

Welchen Anteil hat Sportdirektor Rouven Schröder am neuen FC Schalke?

Einen sehr, sehr großen. Es hat den Eindruck, dass er einen den entscheidenden Anteil daran hat, dass es derzeit so gut läuft. Er hatte im Sommer einen äußerst undankbaren Job, weil er aus nichts eine Mannschaft zusammenstellen und gleichzeitig die ganzen Altlasten loswerden musste.

Am Anfang war ich auch skeptisch, denn er hatte gleich doppelt Pech: Er kam aus Mainz, genau wie Christian Heidel. Das sorgte für Unbehagen. Zumal die Mainzer sich in der letzten Saison ja auch in der Hinrunde extrem schwer taten.

Außerdem wurde er vorgestellt, kurz nachdem das Rangnick-Gespenst durch Gelsenkirchen gegeistert war. Dadurch wirkte Schröder zu Beginn nicht wie eine 1-B- sondern eher wie eine 1-C-Lösung, nachdem Ralf Rangnick und Markus Krösche abgesagt hatten.  

Aber Rouven Schröder hat schnell bewiesen, wie gut er ist. Wie er die Neuzugänge gefunden und zusammengesetzt hat und es geschafft, Spieler wie Thomas Ouwejan zu finden und von Schalke zu  überzeugen: grandios! Gleiches gilt für die Verkäufe. Unter den aktuellen Bedingungen, einem Transfermarkt in der Corona-Pandemie, hat Schröder den bestmöglichen Job gemacht.

Der größte Coup dürfte aber die Verpflichtung von Simon Terodde gewesen sein …

Gefühlt haben wir seit zehn Jahren, der ersten guten Phase von Klaas-Jan Huntelaar, nicht mehr so einen guten Torjäger gehabt. Es gab immer mal welche, die gut angefangen haben, wie Guido Burgstaller zum Beispiel. Der hat zwar gerackert bis zum Umfallen, aber ihm fehlten Vorlagen und Fortune.

Aber bei Terodde spürt man diesen Torriecher einfach. Manchmal sieht man ihn eine Stunde nicht, und dann steht er in fünf Minuten zwei Mal an exakt der richtigen Stelle. Wobei man natürlich auch betonen muss, dass unser Spiel im Moment extrem auf Terodde zugeschnitten ist. Das macht mir auch ein wenig Sorgen. Was ist, wenn Terodde mal ausfällt?

Muss im Winter gerade deswegen ein neuer Stürmer her?

Wir brauchen einen Backup! Deshalb habe ich auch nicht ganz verstanden, wieso Matthew Hoppe kurz vor knapp noch an RCD Mallorca verliehen wurde. Aber das musste wohl leider aus finanziellen Gründen unbedingt sein. Der hätte aber sicherlich auch von Simon Terodde etwas lernen und natürlich als frische Kraft für die letzten 20 Minuten kommen können. Ich fand ihn als Joker oft fast besser als von Beginn an.

Schalke-Fans sollten gegen Dynamo Geduld mitbringen

Mittlerweile dürfen immer mehr Fans in die Stadien. Wie schätzen Sie die Situation diesbezüglich auf Schalke ein?

Ich freue mich jetzt vor allem, dass am Samstag gegen Dresden unter den zu erwartenden 56.000 Zuschauern auch wieder die Ultras sein werden. Die haben das Ganze bisher boykottiert, weil sie die Devise hatten: entweder alle oder keiner. Nun gibt es also das Comeback. Gegen Dynamo wird die Hütte brennen, da wird Feuer unterm Dach sein. Dresden bringt ebenfalls eine große Fraktion mit, die dafür bekannt ist, das eigene Team hart zu supporten. Gegen Ingolstadt war es auch schon prima mit gut 26.000 Zuschauern, aber mit Ultras ist es definitiv besser. Es gibt zwar immer auch Ultra-Kritiker, aber ich schätze, mindestens 80 Prozent der Schalke-Fans freuen sich drauf.

Geben die Ultras dem Team denn definitiv einen positiven Push oder könnte es die Spieler auch unter Druck setzen?

Es wird eher Motivation sein. Viele Spieler haben schon signalisiert, dass es schön ist, dass die Ultras zurückkommen. Zumal einige im Team sind, die sich gerade wegen der Fans für einen Wechsel zu Schalke entschieden haben. Marius Bülter zum Beispiel. Er hat mal erzählt, dass ihn die Schalke-Fans bei einem Auswärtsspiel mit Union Berlin dermaßen begeistert haben, dass er sich sofort für einen Transfer entschieden hat, als Rouven Schröder anrief. Die Ultras werden einen Schub geben.

In Dortmund führte das 3G-Konzept am letzten Spieltag zu langen Schlangen, viele Zuschauer kamen erst verspätet ins Stadion. Schalke macht zwar extra sehr früh auf, aber ist solch ein Chaos auch in Gelsenkirchen zu erwarten?

Gegen Ingolstadt bei 26.000 Zuschauern hat das super geklappt. Da gab es Volunteers, die die Fans schon im Umfeld des Stadions abgefangen, Nachweise kontrolliert und die Zuschauer dann mit entsprechenden Einlassbändchen ausgestattet haben.

Nun steht allerdings in der Info des Vereins zum Dresden-Spiel, dass es keine Volunteers geben soll, sondern die Kontrolle an den Drehkreuzen stattfindet. Da fürchte ich, dass es bei der vollen Hütte viel Geduld brauchen wird.

Wie ist denn das Gefühl, jetzt wieder in volleren Stadion den Schalke-Spielen beizuwohnen?

Am Anfang war das noch etwas ungewohnt. Gegen den HSV habe ich noch etwas gefremdelt. Es hat sich aber gut gegeben. In Hannover, nach dem 1:0 in der 95. Minute war es dann fast so, als hätte es Corona nie gegeben. Die ganze Kurve war nur ein großer jubelnder Haufen. Das kam in dem Moment sehr gut. Man gewöhnt sich wieder dran.


Zur Person: Susanne Hein-Reipen, geboren 1971, Schalke-Fan seit 1983, berichtet in ihrem Blog, auf ihrer Facebook-Seite "Susanne Blondundblau auf Schalke" sowie für das Portal "100ProzentMeinSchalke" von ihren Erfahrungen als Dauerkarteninhaberin und Vielfahrerin bei den Königsblauen. Sie gilt als intime Kennerin der Schalker Anhängerschaft. Zudem beschäftigt sich Hein-Reipen vereinsübergreifend mit Fußball- und Fankulturthemen.


Das Gespräch führte Chris Rohdenburg

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