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Knockout für Koeman am Abend?

Die peinliche neue Welt des FC Barcelona

23.09.2021 12:32
Ronald Koeman ist beim FC Barcelona angezählt
© via www.imago-images.de
Ronald Koeman ist beim FC Barcelona angezählt

Showdown in Cádiz? So soll es wohl sein für Ronald Koeman und seinen FC Barcelona. Der Trainer ist angezählt und könnte noch diese Woche seinen Job verlieren. Mit einem kuriosen Auftritt bei einer Medienrunde hat er nicht nur die Journalisten überrascht, sondern auch seinen Boss.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Ronald Koeman an diesem Donnerstagabend um 22 Uhr noch Trainer des FC Barcelona ist. Ob das aber auch noch gilt, wenn es steil auf Mitternacht zugeht? Diese Prognose möchte derzeit wohl niemand abgeben. Es ist wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass es beim katalanischen Traditionsverein derzeit Spitz auf Knopf steht. An diesem Donnerstagabend (22 Uhr)muss der Tabellenachte der Primera División bei Cádiz CF antreten.

Die Mannschaft aus der andalusischen Küstenstadt steht sieben Plätze schlechter da. Der Wert des Teams wird auf etwa 47 Millionen Euro geschätzt. Das entspricht einem Memphis Depay. Der niederländische Stürmer spielt für den FC Barcelona. Und soll dort eigentlich helfen, Lionel Messi irgendwie zu ersetzen.

Die Rollen in diesem Duell sind also sehr klar verteilt. Das Problem ist nur: Solche Gesetzmäßigkeiten besitzen in der neuen Welt der Blaugrana keine Gültigkeit mehr.

Alles anders bei Barca ohne Lionel Messi

In der neuen Welt ohne Lionel Messi ist alles anders. Alles verzweifelt, alles irgendwie trist und reichlich bedrohlich. Der Verein hat sich in den vergangenen Jahren nämlich massiv verhoben, um sein Glück (und auch den Erfolg) mit dem kleinen Argentinier wieder und wieder zu verlängern. Man muss sich das ein bisschen vorstellen wie in einer Eckkneipe. Da ignoriert der Stammgast, dass das Portemonnaie komplett leer und der Anschreibedeckel übertrieben voll ist.

Aber weil der Stammgast ja immer Lokalrunden geworfen hat, macht er das auch weiter. Doch dann kommt ein neuer Wirt und fordert die Rechnung. Das ist bitter und unmöglich, weil im Portemonnaie nichts mehr zu holen ist.

Irgendwie hat es der FC Barcelona geschafft, nach dem Abgang seines Superstars zu Paris Saint-Germain nicht völlig abzustürzen. Trotz der drückenden Last von einer Milliarde Euro Schulden spielt der Verein weiter Fußball. In der heimischen Liga und auch in der Champions League. Das sind eigentlich recht gute Nachrichten. Und noch eine Nachricht dürfte eigentlich für zufriedene Gemüter sorgen. Das Potenzial im Kader mit den Supertalenten Pedri und Ansu Fati ist prima. Da könnte in mittlerer Zukunft eine neue Mannschaft entstehen, die den Klub prägt und zu großen Titeln führt. So wie die Generation um Xavi, Andres Iniesta und eben Messi.

Die Zusammensetzung des Aufgebots ist eigentlich auch noch immer so gut, dass es für eine solide bis gute Saison reichen müsste. Aber das ist eben nicht der Anspruch des Klubs. Der orientiert sich noch immer an den Messi-Maßstäben. Die Kurzversion: toller Fußball und noch tollere Erfolge.

Spektakuläre Trainerkandidaten beim FC Barcelona

Die harte Wahrheit ist in diesen Tagen aber ganz weit weg vom eigenen Anspruch. Die Fußballer des FC Barcelona taumeln akut hilflos und uninspiriert durch die Spiele. Nach dem chancenlosen 0:3 gegen den FC Bayern München zum Auftakt der neuen Spielzeit in der Königsklasse lag die Hand der Besorgten bereits auf dem Panikknopf.

Nach dem mühsam geretteten Remis gegen den FC Granada am Montag wurde er gedrückt. Trainer Koeman, dem es derzeit nicht gelingt, seinem Team eine souveräne Spielidee zu implementieren, durfte in den Medien lesen, dass seine Zeit als Trainer jetzt eigentlich vorbei ist. Er durfte auch lesen, wer ihn beerben könnte. Joachim Löw und Inter Mailands ehemaliger Meistercoach Antonio Conte. Oder aber die italienische Spielerlegende Andrea Pirlo, die allerdings zuletzt bei Juventus Turin im ersten Versuch als Trainer gescheitert war. Auch über Klublegende Xavi wird spekuliert, der sich auf eine Rückkehr (als Trainer) derzeit in Katar vorbereitet. Ein paar andere weniger spektakuläre Namen wurden auch gehandelt.

Koeman hat das alles nicht gefallen. Wundern muss man sich darüber natürlich nicht. Wohl aber darüber, wie der Niederländer auf all das Gerassel reagiert. Vor dem Spiel gegen Cádiz verlas er eine gut dreiminütige Erklärung und verließ anschließend den Raum, ohne Fragen der verdatterten Journalisten zuzulassen.

Koeman bat um "Geduld" beim Wiederaufbau der Mannschaft. Dies müsse angesichts der schwierigen Lage des Klubs ohne große finanzielle Investition gelingen, sprich ohne teure Zukäufe erfahrener Spieler. Aber es gebe auch Hoffnung. "Die jungen Talente von heute können in ein paar Jahren die neuen Weltstars werden", betonte er.

Barca-Boss von Koemans PK-Auftritt überrascht

Solch bizarre Auftritte von Trainern vor der Presse hat es schon häufiger gegeben. Das Ergebnis: Fast nie kamen sie im Klub gut an. Und vermutlich ist das auch in Barcelona so, auch wenn sich Präsident Joan Laporta in einem ersten Statement noch diplomatisch gab. Der "Marca" sagte er über Koemans Blitz-Auftritt: "Er hat die Verpflichtung, an der Pressekonferenz teilzunehmen und kann sich frei äußern. Äußern, wie er es für richtig hält. Wir respektieren die Entscheidung des Trainers, aber wir und die Kapitäne haben es erst kurz vorher mitbekommen." Zwischen den Zeilen darf man da durchaus ein wenig (oder auch recht viel) Missmut erkennen. Zumal das Verhältnis zwischen Coach und Chef alles andere als gut sein soll.

Was tatsächlich reich bizarr anmutete, war nicht nur der Auftritt von Koeman, sondern auch so manch ein Satz den er sagte. "Der Prozess, den unsere Mannschaft durchläuft, muss in Wort und Tat unterstützt werden. Ich weiß, dass die Presse diesen Prozess anerkennt, denn es ist nicht das erste Mal, dass dies in der Geschichte des FC Barcelona geschieht." An der geschriebenen Wahrheit in den meisten Medien findet sich diese Anerkennung eher nicht.

Einige Medien spotten lieber darüber, dass der 58-Jährige das heilige Passspiel "Tiki Taka" zuletzt als "Tiki Taki" bezeichnete. Ein peinlicher Fauxpas. Oder auch ein Affront.

Und auch in dem folgenden Satz fehlt der Bezug zum Erlebten: "Wir als Mannschaft und Spieler sind sehr glücklich über die Unterstützung, die wir von den Fans im Spiel gegen Granada erhalten haben." Tatsächlich wurde der Unmut auf den Tribünen immer vehementer und lauter. Derweil bemüht sich der Niederländer auch, die Ziele des Klubs so zu verzwergen, dass sie der aktuellen Situation angepasst sind. Er würde es bereits als Erfolg einstufen, wenn sich Barça im oberen Bereich der Liga werde halten können.

In der Champions League seien dagegen in dieser Saison alles andere als "Wunder" zu erwarten. Ob das reicht, um mehr Geduld für seinen Weg zu bekommen? Eher nicht. Sollte sich die Mannschaft gegen Cádiz nicht steigern, könnten Koemans Tage gezählt sein, schreibt die Zeitung "La Vanguardia".

Tobias Nordmann

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