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Karriere-Ausklang einer BVB-Ikone

Wie Kevin Großkreutz die sechste Liga aufmischt

20.09.2021 13:55
BVB-Ikone Kevin Großkreutz kickt in der Westfalenliga
© Eibner-Pressefoto via www.imago-images.de
BVB-Ikone Kevin Großkreutz kickt in der Westfalenliga

Der TuS Bövinghausen hat noch nicht genug. Der wundersame Weg aus der Kreisliga soll nicht in der Westfalenliga enden. Dafür hat sich der Klub einen Ex-Weltmeister gegönnt. Der frühere BVB-Star Kevin Großkreutz kickt jetzt mit seinen alten Kumpels. Das sorgt für durchaus hitzige Emotionen.

Mit Lewandowski hätte die Sache womöglich anders ausgesehen. Aber für den Stürmer ist derzeit (noch) kein Platz im Kader. Und ohnehin hat der Angreifer in dieser Saison andere Aufgaben. Er soll die zweite Mannschaft in den nächsten (zwei) Jahren in die Bezirksliga schießen.

Das ist wichtig, damit die A-Junioren auf dem Weg in die "Erste" eine solide Zwischenstation haben. Man möchte nicht, dass der talentierte Nachwuchs den Klub verlässt, sein Glück über die Umwege VfB Waltrop oder TSV Marl-Hüls findet.

Nein, der SV Wacker Obercastrop möchte autark sein. Und deswegen ist der Aufstieg der "Zweiten" so wichtig, deswegen heißt es für Lewandowski an diesem Spieltag Derby gegen die SG Castrop-Rauxel II und kein Einsatz beim Event des Jahres in der kleinen Metropole zwischen Bochum und Dortmund. Bitter: Lewandowski traf nicht. Das rasante Derby endete 3:5.

Samstagabend, Flutlicht, der Weltmeister in der Stadt. Und das nicht zum Grüßen und Autogramme schreiben. Nein, der Weltmeister ist dienstlich hier.

Kevin Großkreutz hatte eine wichtige Sache zu erledigen. Er und seine Mannschaft wollen Punkte mitnehmen. Topspiel-Zeit im Schatten des Erin-Turms. Topspiel-Zeit in der Erin-Kampfbahn. Und es ist an diesem Samstagabend tatsächlich einiges anders als sonst, wenn Klubs wie die SpVg Hagen 1911, Borussia Dröschede oder der FC Gerlingen hier vorstellig werden. Die Polizei ist da. Mit mehreren Mannschaftswagen. Mit Beamten in voller Montur. Nur der Helm ist nicht auf dem Kopf. Das hat deeskalierenden Charakter. Trotzdem fühlt sich nicht jeder Gast wohl. Manche drehen ab, als die Beamten-Grüppchen sehen.

Kevin Großkreutz: BVB-Ikone in der sechsten Liga

Warum die Polizei mit einem solchen Aufgebot vor Ort ist, das weiß Edel-Fan und Nachwuchs-Sponsor "Atze" nicht. Vielleicht muss das so sein, vermutet er. Ist ja schließlich das Ereignis des Jahres in der Stadt. Freilich nicht für alle. Denn in Castrop-Rauxel ist Fußball "Nationalsport", geht gar nicht anders im Ruhrgebiet, aber Castrop-Rauxel ist auch deutsche Hochburg des Korfballs. Vier der besten Vereine des Landes sind hier beheimatet.

Aber gut, Kevin Großkreutz ist eben Fußballer. Und kein Korfballer. Deswegen der Aufriss. Die BVB-Legende hat nach einem nicht immer schönen Engagement beim KFC Uerdingen seine Profikarriere beendet, nicht aber mit dem Sport aufgehört, den er so sehr liebt, der ihn so groß und bekannt gemacht hat, der ihn so polarisieren lässt. Weil er nämlich noch ein bisschen mit seinen Kumpels kicken wollte, heuerte er Ende Januar beim TuS Bövinghausen an. Wegen Corona spielt er jetzt erst seine erste Saison für die 1904er.

Vor ein paar Jahren noch spielte "Bövi" in der Kreisliga, nun schon in der sechsthöchsten Spielklasse. Und das soll es noch nicht gewesen sein. Die Oberliga ist das Ziel. In dieser Saison? "Muss nicht", sagte Präsident Ajan Dzaferoski vor dem ersten Anpfiff der Spielzeit gegenüber dem "Reviersport". Bedeutet indes: kann aber.

Neben Weltmeister Großkreutz kamen im Sommer schließlich noch Baris Özbek (gebürtiger Castrop-Rauxler und unter anderem bei Union Berlin, dem MSV Duisburg und Galatasaray aktiv) und Sommermärchen-Legende David Odonkor in den Dortmunder Westen. Der Mann mit dem historischen Flankenlauf 2006 stand nun im Topspiel nicht in der Startelf. Wohl dem, der so eine Legende als Joker bringen kann. Wie das alles, wie ist dieser Luxuskader nur möglich ist? Nun, man erzählt sich viele Geschichten in der Westfalenliga, nicht alle schmeicheln Mäzen, Hotelbesitzer und Präsident Dzaferoski.

"Atze" will sich damit nicht beschäftigen. Ist auch egal. Gibt Wichtigeres an diesem Abend vor 1300 Zuschauern an der Kampfbahn. Das sind rund 1000 mehr als sonst am Platz, der schön umwaldet ist. Die Tabellenführung muss verteidigt werden. Klar, der TuS ist klarer Favorit, aber Obercastrop eine eingespielte Truppe, vor allem in der Defensive ganz stark. Da stehen ein paar richtige Kanten. So muss es gehen, hinten alles stabil wegarbeiten und dann über die fixen Außenspieler nach vorne.

Mann der Hoffnung ist Elvis Shala. Elvis, bei Rot-Weiss Essen ausgebildet, ist so eine Art Held im Klub. Er hat gerade bis 2024 verlängert. Was auch immer das in der Westfalenliga bedeutet. 

Von Elvis gibt es bei Youtube sogar ein Highlight-Video. Seine stärksten Momente im Wacker-Trikot. Ein Dank des Klubs für seine Treue. 243 Mal wurde der Clip geklickt.

Im Schatten von Erin

Kurz nach 19 Uhr, Anpfiff. Stürmer Marko Onucka spielt den ersten Ball, direkt zu Großkreutz. Damit hat er schon jetzt mehr Ballkontakte als beim WM-Triumph 2014 in Brasilien (kleiner Scherz). Beim TuS ist der ehemalige Topspieler von Borussia Dortmund der Mann, der im Zentrum alles organisiert. Nach vorne, nach links, nach rechts und auch nach hinten. Seine Diagonalbälle sind eine Augenweide, seine Zweikampfführung mit allen (abgezockten) Tricks der Profis ausgestattet. Großkreutz ist auch als "Hobbyspieler" weiter in bester körperlicher Verfassung. Das gilt nicht für alle auf dem Platz, dem einen oder anderen spannt die Lust an der Kulinarik das Trikot. Großkreutz ist omnipräsent. Wenn wir richtig gezählt haben, hat er nach 20 Minuten bereits über 50 Ballkontakte. Er hat auch viele Zweikämpfe gewonnen, hält seine Knochen hin. Spaß ist für den 33-Jährigen eben auch Maloche. Und Erfolg, da kennt er keine Gnade. Auch nicht im Schatten des Erin-Turms. Eine wuchtige und wunderschöne Erinnerung an das letzte von fünf Bergwerken in der Stadt, geschlossen 1983. Mehr Ruhrpott-Romantik geht nicht.

Es ist eine ganz andere Welt für Großkreutz, Odonkor und Özbek. Nicht mehr die glitzernde Show in den Gänsehaut-Arenen, nicht mehr die Zeit der großen Dramen oder aber der großen Triumphe. Es ist nicht Bundesliga, nicht Champions League, nicht Weltmeisterschaft. Hier ist Fußball noch echt, hart. Hier kommt die Grätsche häufiger mal deutlich zu spät, hier fliegen die Flanken zu weit durch den Strafraum. Und an der Imbissbude ist das Stresslevel im roten Bereich. Mental und körperlich. Eine Bolzplatzbratwurst XXL nach der anderen fliegt über die Theke. Gerne auch als Currywurst. Der Hund nebenan findet das gut, sein Herrchen nicht. Pommes gibt es natürlich auch. Aber die Mayo-Tuben sind leer. Die vermaledeite Schutzfolie geht nicht ab. Es braucht eine starke helfende Hand. "Sonst ist weniger los", sagt die Frau am Grill. Sie muss sich nicht entschuldigen. 1300 Zuschauer, die hat Obercastrop noch nie gesehen.

Bövinghausen geht in Führung (27.), eine Ecke wird von Wacker nicht gut geklärt, André Daniel Witt nimmt den Abpraller direkt. Die Führung ist verdient. Die Meinung ist nicht mehrheitsfähig am Platz. Aber sie ist die Wahrheit. Obercastrop hat keinen Zugriff im Mittelfeld und die wenigen Konter sind nicht gut zu Ende gespielt. Elvis ist noch nicht in der Show. "Atze" ist nicht beunruhigt. Elvis ist der Mann für die zweite Halbzeit und außerdem spielt er nach der Pause auf der Elvis-Seite. Wacker und sein Spielmacher stürmen auf das Tor vor dem Klubheim. Doch dann der Blitz-Schock: Der sehr starke Innenverteidiger Maurice Rene Haar trifft zehn Minuten nach Wiederanpfiff zum 0:2. Sein Kopfball ist gut, die Freiheit, die ihm gewährt wird, allerdings nicht (Obercastroper Perspektive). Erst Pfiffe an der Kampfbahn, dann kurzes Schweigen. Nur der TuS-Tross feiert.

Das Wunder von Obercastrop

"Atze" erinnert sich. Er erinnert sich an das Wunder gegen Malaga! Was dem BVB am 9. April 2013 in der Champions League gelang, das soll nun auch an der Karlstraße 44 gelingen. Das Problem: Felipe Santana ist nicht da. Don Schreiber muss es richten. Ein Lattenkracher weckt die Kampfbahn wieder auf. Nico Brehm lässt die Querstange mit seinem Schuss minutenlang zittern. Wenig später senkt sich ein Flanke von Martin Kapitza fast ins Tor. Ricardo Seifried klärt spektakulär zur Ecke. Der Glaube ist zurück, die Emotionen auch. Kapitza macht die Kampfbahn nochmal heiß. Rudelbildungen, vereinzelte Bierbecherwürfe und auf dem Rasenhügel (Tribüne) kommt es zur Schubserei zwischen zwei älteren Herren. Es fallen unschöne Worte. Man ist sich arg uneinig, ob der Schiedsrichter die Regeln kennt.

Großkreutz greift wieder und wieder deeskalierend ein. Was für eine Wandlung. Als Vertrauensmann der Konfliktlösung galt er als Profi nicht immer. Eine Gelb-Rote Karte für Wacker lässt sich aber nicht verhindern. Die Niederlage auch nicht. Das "Wunder von Obercastrop" bleibt aus, David Odonkor kommt in der Nachspielzeit.

Einmal zieht er einen mächtigen Sprint an, auf der rechten Bahn wie damals gegen Polen. Er erreicht den Ball aber nicht. Er trudelt ins Aus.

Auf der Gegengerade werden laute Sprechchöre für Großkreutz angestimmt. An den Banden warten bereits die Autogrammjäger. Sekunden später: Abpfiff, Jubeltraube, der TuS ist Spitzenreiter! Eine Frage bleibt indes ungeklärt: Wo ist eigentlich Fabio Rummenigge, der Sohn von Michael, der Neffe von Karl-Heinz? Bei Transfermarkt.de wird er noch als Spieler geführt, allerdings ohne Nummer.

Ist Präsident Dzaferoski womöglich seiner berüchtigten "hire and fire"-Politik gefolgt? Der Mann ist bekannt dafür, den Kader, wenn nötig, wild zu wechseln. Immer für den Erfolg. Was für ein Spektakel, auch ohne die ganz großen Namen.

Tobias Nordmann

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