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Erst aussortiert, jetzt Top-Vorbereiter der 2. Liga

Werder-Überraschung Schmidt: Baumanns schönster Irrtum

17.09.2021 11:46
Niklas Schmidt ist die große Überraschung beim SV Werder
© Fotostand / Wagner via www.imago-images.de
Niklas Schmidt ist die große Überraschung beim SV Werder

Vor dem Nordderby gegen den HSV ruhen beim SV Werder große Hoffnungen auf einem Spieler, der von Manager Frank Baumann zu Beginn der Saisonvorbereitung noch öffentlich aussortiert wurde: Niklas Schmidt. Im zweiten Anlauf scheint der kreative Mittelfeldspieler sein Glück bei den Bremer Profis gefunden zu haben.

In den vergangenen Monaten musste Frank Baumann eine Menge Kritik einstecken. Mal wurde ihm Untätigkeit auf dem Transfermarkt vorgeworfen, andere Male seine oftmals unglückliche Außenwirkung beim Beantworten kritischer Fragen.

Sein womöglich krassester Irrtum im letzten Sommer war aber die aus heutiger Sicht vollkommen falsche Einschätzung von Leih-Rückkehrer Niklas Schmidt, der im Team des neuen Trainers Markus Anfang die große Überraschung ist.

Rückblick: Wenige Wochen nach dem bitteren Abstieg in die 2. Bundesliga traf Baumann erste Entscheidungen, um den schwer in Seenot geratenen Werder-Dampfer wieder auf Kurs zu bringen. Eine davon betraf Schmidt.

"Wir suchen gerade nach einer Lösung", sagte der Ex-Profi im Gespräch mit der "Deichstube" Mitte Juni und ergänzte: "Für die neue Saison ist Niklas bei uns nicht eingeplant."

Da in den Folgetagen allerdings kein geeigneter Abnehmer für den ehemaligen U19-Nationalspieler aufgetrieben werden konnte, startete Schmidt kurzerhand doch bei Werder in die Vorbereitung - und überzeugte die staunenden Verantwortlichen von Tag eins an mit seinem ungeheuren Esprit.

"Ich habe einfach versucht, Spaß am Fußball zu haben. Und wenn man sich im Training zeigen darf, hat man immer eine Chance", beschrieb Schmidt seinen Neustart im Gespräch mit dem "kicker", gestand zugleich aber: "Dass es dann so gut laufen würde, hätte wohl kaum jemand gedacht. Ich auch nicht."

Gewichtsprobleme und mehr: Schmidts Kampf gegen das schlechte Image

Dass der gebürtige Kassler über einen Zauberfuß verfügt, war bereits in Jugendjahren unverkennbar. Gemeinsam mit Angreifer Johannes Eggestein bildete Schmidt in der U17 und der U19 ein Traum-Duo.

Im August 2016 folgte die Belohnung, als der damals 18-Jährige im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg sein Bundesliga-Debüt feiern durfte. Schmidt zahlte das Vertrauen des damaligen Übungsleiters Alexander Nouri mit dem Assist zum Last-Minute-Siegtreffer postwendend zurück.

Weitere Sternstunden blieben jedoch aus. Schmidt hatte mit Gewichtsproblemen zu kämpfen, die sein Teamkollege Robert Bauer schonungslos offenlegte. Auf dem Platz ließ der Edeltechniker die nötige Defensivarbeit zu oft vermissen. Die Folge: Schmidt haftete das Image des schlampigen Genies an.

Besserung trat erst ein, als das grün-weiße Eigengewächs aus der heimischen Komfortzone geschubst wurde. Insgesamt drei Jahre verbrachte Schmidt auf Leihbasis bei anderen Vereinen, das erste in der 3. Liga beim SV Wehen Wiesbaden, die beiden folgenden beim Zweitligisten VfL Osnabrück.

Obwohl er weiterhin mit Schwankungen zu kämpfen hatte, nutzte Schmidt die Gelegenheiten, um an seinen Schwächen zu arbeiten. Er stellte seine Ernährung um, arbeitete an seinem Abwehrverhalten. Die Früchte seiner Lehrjahre erntet der 23-Jährige nun in Bremen.

Aktuell bester Vorbereiter der 2. Bundesliga

In allen sieben Pflichtspielen der jungen Spielzeit ließ SVW-Trainer Anfang Schmidt in der Startelf ran. Mit zählbarem Erfolg: Der Rechtsfuß war bereits an fünf Toren direkt beteiligt, seine vier Assists sind derzeit Liga-Bestwert. Beim jüngsten 3:0-Sieg in Ingolstadt war Schmidt der überragende Mann auf dem Platz.

Auffällig: Selbst bei der peinlichen 1:4-Heimklatsche gegen den SC Paderborn vor einem Monat stach der offensive Freigeist positiv hervor.

"Wer Niklas Schmidt in dieser Saison sieht, erkennt, dass er auf jeden Fall einen Schritt nach vorn gemacht hat. Eigentlich darf man nach einem 1:4 keinen hervorheben. Bei ihm sieht man aber, dass er Verantwortung übernimmt", lobte Anfang seinen Schützling, der einen Stammplatz fürs Erste sicher hat.


Der Spätstarter selbst sieht sich geläutert. "Ich war früher oft sehr naiv und habe zu sehr an mich gedacht. Das ist jetzt ganz anders – nicht nur auf dem Platz", verriet Schmidt der "Deichstube" unlängst.

Dass Bremens neuer Hoffnungsträger nun abheben könnte, glaubt Clemens Fritz nicht. "Er macht sich nicht zu viele Gedanken, will einfach Spaß am Spielen haben. Niklas ist nicht der Typ dafür, jetzt abzudrehen", stellte Werders Chef Profi-Fußball in der "Bild" klar.

Bleibt Schmidt über den Sommer hinaus in Bremen?

Bliebe nur noch zu klären, wie es über den kommenden Sommer hinaus für Schmidt weitergeht. Sein aktuelles Arbeitspapier an der Weser läuft am 30. Juni 2022 aus. Längst fordern viele Fans, den Ideengeber mit den starken Standards langfristig an den Verein zu binden.

Schmidt hat sich bereits deutlich positioniert. "Ich würde sehr gerne für einen so großen Verein weiterspielen", betonte er im "kicker" - und stieß mit seinem Begehr keinesfalls auf taube Ohren. "Natürlich ist das ein Thema für uns, ich habe auch schon mit seinem Berater gesprochen", bestätigte Clemens Fritz.

Zunächst dreht sich in Bremen allerdings alles um das anstehende Derby gegen den Hamburger SV. Die Erzrivalen stehen sich am Samstagabend (ab 20:30 Uhr im LIVE-Ticker) erstmals seit Frühling 2018 wieder in einem Pflichtspiel gegenüber.

Frank Baumann hätte sicher nichts dagegen, wenn Schmidt im Prestigeduell um die Vorherrschaft im hohen Norden wieder eine Hauptrolle einnimmt. Der Überraschungs-Star der letzten Wochen ist sein wohl schönster Irrtum.

Heiko Lütkehus

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