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Der emotionalste Formel-1-Triumph

Ricciardo-Comeback: Der Honigdachs ist zurück

14.09.2021 11:18

Daniel Ricciardo fährt in dieser Formel-1-Saison eigentlich allen Erwartungen hinterher - Fans, das neue Team und vor allem er selbst sind nicht zufrieden. Doch beim Italien-GP in Monza meldet sich der McLaren-Pilot eindrucksvoll zurück. Nach Jahren des Wartens gelingt ihm ein überraschender und historischer Sieg.

Mehr als drei Jahre lang musste sich Daniel Ricciardo gedulden. Am 27. Mai stand der Australier zuletzt auf dem Siegertreppchen bei einem Formel-1-Grand-Prix. In den Häuserschluchten Monte Carlos siegte er damals noch im Red Bull, seinem Ex-Ex-Team.

Inzwischen steht Ricciardo beim Traditionsrennstall McLaren unter Vertrag – bislang mit mäßiger Ausbeute. Im MCL35M stahl er beim Prestige-Rennen in Monza nun aber allen die Show, nachdem er schon beim Start den WM-Führenden Max Verstappen geschnappt hatte. Souverän brachte er den Sieg über die Ziellinie und beendete damit eine lange Durststrecke des stolzen Rennstalls. Es war der erste GP-Erfolg für McLaren seit 3.213 Tagen (Jenson Button gewann zuletzt 2012 in Brasilien).

Die Emotionen packten den 32-Jährigen, Siegertränen kullerte über das Gesicht des "Honigdachses", der noch mehr strahlte als ohnehin schon. Ricciardo zelebrierte den Erfolg gewohnt standesgemäß mit seiner patentierten Sieger-Aktion, dem "Shoey": Schampus in den schwitzigen Schuh kippen und daraus in den Mund träufeln. Schmeckt! Wobei Teamkollege Norris, der den McLaren-Doppelsieg perfekt machte, den Champagner wieder ausspuckte und der drittplatzierte Valtteri Bottas dankend ablehnte.

"Super-Daniel, Super-Daniel, hey!"

Beim obligatorischen Siegerfoto vor der Garage peitschte dann Ricciardos Boss, der deutsche Teamchef Andreas Seidl, persönlich sein Team ein. "Super-Daniel, Super,-Daniel, hey hey!"

Das dürfte bei dem F1-Routinier noch besser runtergehen als der Schuh-Schwitz-Schampus. Denn "Super-Daniel" hatte er beim neuen Team bislang eher weniger gehört.

Es war bisher alles andere als die Saison von Ricciardo. Anfang des Jahres wurde er als starker Mann neben Jungspund Lando Norris im Papaya-Renner vorgestellt. Eine klare Nummer eins gab es nicht und Teamchef Seidl mahnte, dass der Zugang Zeit brauche. Doch Rennen für Rennen fuhr ihm Stallrivale Norris um die Ohren, in Monaco die Höchststrafe: Norris überrundete Ricciardo. Während der junge Brite zu Beginn ein Top-Ergebnis nach dem anderen einfuhr und die McLaren-Fahne hochhielt, tat sich Ricciardo schwer. Er fremdelte weiter mit dem Wagen, kam vor allem mit der Bremse seines Dienstwagens nicht zurecht.

Auch die Tonlage aus dem Chefbüro veränderte sich. Im "RTL"-Interview sagte Seidl im Juli: Für den Australier sei es aktuell eine "riesige Herausforderung. Das hat er sich glaube ich nicht vorgestellt, dass es so schwierig wird, das Team zu wechseln. Er ist enttäuscht, wir auch. Weil wir gedacht haben, es gehe schneller."

Trotz dieser Kritik strahlten Seidl und Co. Ruhe aus und verwiesen stets auf die Zukunft und die Erfahrung des Veteranen. "Ich bin weiter überzeugt, dass es irgendwann Klick macht bei ihm."

Der emotionalste Formel-1-Triumph

Und genau dieser Fall ist nun offenbar eingetreten. Seit der Sommerpause scheint der Aussie endlich angekommen zu sein im orangen Renner. Nach schwierigen Jahren bei Renault und dem verkorksten ersten Saisonteil mit McLaren hat er offenbar die Liebe zum Racing und der F1 wiedergefunden, die zuletzt arg gelitten hatte.

"Es liegt daran, dass ich endlich besser verstehe, wie ich und der Wagen am besten in Einklang zu bringen sind. Und die Sommerpause hat gutgetan. Seither läuft es", sagte Ricciardo nach dem Rennen zu seiner Wiederauferstehung.

Freimütig gab er zu, dass der Monza-Sieg sein "emotionalster" in der F1 gewesen sei. Er sei auch deshalb so gerührt, wie er "selten einen so schwierigen ersten Saisonhälfte erlebt" habe. Sich nun mit einem Doppelsieg zurückzumelden, sei "verrückt".

Glück? Verdienter Sieg!

Natürlich profitierte Ricciardo auch vom verpatzen Verstappen-Boxenstopp und dem Crash zwischen dem Niederländer und Weltmeister Lewis Hamilton. Der McLaren-Mann ist sich aber sicher, dass er auch ohne den Unfall triumphiert hätte.

Verstappen sei in der Anfangsphase zwar immer wieder nah dran gewesen, "aber ich musste mich nie ernsthaft verteidigen", so Ricciardo, der die eigene Stärke und die des Teams betonte. "Wir lagen aus eigener Kraft in Führung. Ich war Erster, Lando Dritter. Die Ausgangsposition, die wir uns erarbeitet hatten, war hervorragend. Dann haben auch die Boxenstopps geklappt, und so hatten wir die Chance, das Rennen zu gewinnen. Es lag nicht an den äußeren Umständen. Wir haben uns das total verdient."

Die gleiche Meinung vertritt Lando Norris, der diesmal im Schatten des Teamkollegen stand, diese ungewohnte Rolle aber gut annahm. "Viele werden jetzt sagen, dass wir Glück hatten, weil die anderen beiden ausgeschieden sind. Aber Daniel hat das Rennen von Anfang an angeführt. Er verdient das. Wir mussten überholen und uns auch verteidigen. Ich finde, es war ein verdienter Sieg."


Mehr dazu: Formel-1-Noten zum Monza-GP


Einer, der kräftig Punkte aufs Konto spült. McLaren ist mit 215 Zählern am Rivalen Ferrari vorbei und parkt derzeit auf dem dritten Platz der Konstrukteurswertung. Ausgerechnet beim Scuderia-Heimrennen versetzte McLaren den Roten einen Schlag. Auch Ricciardo mausert sich nun mit 83 Punkten auf Rang 8 – es geht nach oben.

Die beiden Piloten machten Teamchef Seidl nicht nur glücklich, sie bestätigten bestätigten auch dessen Credo: Wenn Mercedes und Red Bull schwächeln, müssen wir da sein. Monza war die Umsetzung in Perfektion.

Daniel Ricciardo, der alte "Honigdachs", ist also wieder zurück. Obwohl der nun achtmalige GP-Sieger dieser Aussage selbst widerspricht: "Ich war nie weg!"

Emmanuel Schneider

© RTL