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Olympia-Traum mit Kratzern

Olympionike Pfeiffer im Interview: "Die Vorfreude leidet"

23.07.2021 19:39
Hendrik Pfeiffer hat bei Olympia einiges vor
© Kai Peters via www.imago-images.de
Hendrik Pfeiffer hat bei Olympia einiges vor

Corona knockte ihn aus, jetzt erfüllt sich Pfeiffer endlich seinen Marathon-Traum

Der deutsche Olympionike Hendrik Pfeiffer befindet sich auf der Zielgeraden zum größten Rennen seiner Karriere. Der 28-Jährige geht in gut zwei Wochen als einer von drei deutschen Startern beim Olympischen Marathonlauf an den Start. Keine Selbstverständlichkeit für den Mann vom TV Wattenscheid, hinter dem ein hartes Jahr liegt. Im Frühjahr knockte ihn eine Corona-Infektion aus, anschließend musste er um sein sicher geglaubtes Ticket für die Sommerspiele bangen. Schon 2016 hatte eine Verletzung den Olympia-Traum platzen lassen, 2020 funkte dann Corona dazwischen.

Pfeiffer wird die Spiele nicht im olympischen Dorf verbringen, der Marathon wurde in den Norden des Landes nach Sapporo ausgelagert. Die strengen Corona-Einschränkungen für die Athleten findet er teils "zu extrem" und "rigoros." Die Vorfreude auf das Karrierehighlight ist deutlich gedämpft. Im Fokus stehe diesmal der reine Wettkampf, betonte Pfeiffer. Im RTL-Interview erklärt der Ausdauersportler, wie er sich aus dem tiefen Corona-Loch befreit hat, was er sich von dem Rennen erhofft und mit welchen Tricks er sich auf die Hitzeschlacht einstellt.

"Olympia ist immer noch das Größte"

Herr Pfeiffer, wo erwischen wir Sie gerade, holen Sie sich in Iten in Kenia noch den Feinschliff?

Hendrik Pfeiffer: Genau, bis Sonntag bin ich noch in Kenia. Es waren am Ende dann viereinhalb Wochen für das finale Vorbereitungscamp in der Höhe, es ist schon das dritte in diesem Jahr. Ich habe mehr Zeit hier oben verbracht als zuhause und viel investiert in Olympia. Hoffentlich lohnt es sich hinterher auch.

Wie geht es nun weiter bis zum Rennen am 8. August? Wie sehen die letzten Tagen vor dem Abflug aus?
Jetzt kommt viel Bürokratie und Corona-Theater. Wir landen am Montag in Deutschland, sind dann vier Tage in der Nähe von Karlsruhe. Wir müssen noch zwei PCR-Tests machen. Am 30. geht es dann abends nach Japan. Auch vor Ort gibt es dann noch viel Bürokratie und Tests. Dann geht es in die Unterkunft in Shibetsu, dort ist das Vorbereitungscamp der Deutschen. Drei Tage vor dem Wettkampf werden wir von Shibetsu nach Sapporo gebracht, wo der Marathon stattfindet. Allerdings werden wir dort quasi eingesperrt sein. Wir dürfen das Hotel nicht verlassen, außer einmal am Tag in bestimmten Timeslots fürs Training, aber auch nur eingeschränkt in einem Park. Den Rest der Zeit starrt man die Hotelwand an. Man fühlt sich schon eingesperrt, da bleibt nicht viel übrig drumherum.

Kribbelt es trotzdem ein bisschen? Kommt so etwas wie olympische Vorfreude bei Ihnen auf?

Ja natürlich, weil sich jetzt auch ein Kreis schließt und endlich ein Großereignis für mich klappt. Es ist aber die reine Fokussierung auf den Wettkampf. Das ganze Drumherum empfinde ich als extrem rigoros und ein bisschen als Gängelung. Ich kann mir Schöneres vorstellen als jeden Tag getestet zu werden und im Grunde dreht sich alles darum, wie oft man das Stäbchen in die Nase bekommt. Teilweise sind es auch groteske Einschränkungen, dass Kontakt zur einheimischen Bevölkerung komplett verboten wird. Das empfinde ich schon als extrem, vielleicht auch zu extrem. Der Wettkampf selbst ist das, was mich reizt. Das ist der Grund, warum ich hinfahre. Dass man an Olympia teilgenommen hat und sich dort gut präsentiert. Aber alles andere, was Olympia abhebt von normalen Wettkämpfen, ist weg und das ist sehr traurig. Da leidet auch die Vorfreude ziemlich drunter. Aber Olympia ist immer noch, das Größte, das es gibt.

Absage wäre "eine Katastrophe" gewesen

Die Situation ist ein Dilemma: Auf der einen Seite gibt es berechtigte Sicherheitsbedenken rund um Corona, die Mehrheit der japanischen Bevölkerung ist gegen die Spiele, auf der anderen Seite geht es um den Traum aller Athleten. Wie beurteilen Sie die Entscheidungen der Organisatoren und des IOC?

Als Laie ist es für mich schwer einzuschätzen, was geht und was nicht. Mein Bauchgefühl ist schon so, dass ich mich in dem Land überhaupt nicht willkommen fühle. Das finde ich schade. Die Inzidenz ist nicht im dreistelligen Bereich, eher auf dem Level von Deutschland. Wenn man dann an die EM und Wembley mit 60.000 Fans im Stadion denkt, hinterfragt man schon, ob diese Strenge nötig ist. Aber ich möchte mir das auch nicht anmaßen zu entscheiden, da ich nicht den wissenschaftlichen Hintergrund habe.

Es ist auf jeden Fall extrem wichtig, dass es überhaupt stattfindet. Es wäre für mich eine absolute Katastrophe gewesen, wenn es ganz abgesagt worden wäre. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe aber immer noch das Gefühl, dass sie dann froh sind, wenn wir wieder weg sind aus dem Land. Man merkt schon, dass die extremen Auflagen, die wir haben - man wird ja fast wie ein Gefangener in der JVA behandelt - ein Kompromiss ist, den die Regierung gemacht hat, damit die Bevölkerung nicht Sturm läuft.

Wissen Sie schon, wie Sie die Zeit totschlagen? Was Sie machen, wenn sie die Hotelwand anstarren, wie Sie sagen?

Wir werden WLAN haben, das geht schon. Aber im Grunde bin ich einfach konzentriert. Es sind auch nur ein paar Tage. Man kriegt die Zeit dann auch schnell herum. Aber es hat etwas Beklemmendes, wenn man sein Leben lang auf Olympia hingearbeitet hat und am Ende kommt so etwas heraus. Man weiß ja nicht, ob man nochmal die Chance hat teilzunehmen. Ich hätte mir einfach mehr Fingerspitzengefühl gewünscht, auch im Sinne der Athleten.

Olympia ist diesmal geprägt von Corona-Einschränkungen. Eine davon ist auch, dass keine Fans bei den Wettbewerben zugelassen sind. Sind die Olympischen Spiele 2021 für Sie Spiele zweiter Klasse?

Das würde ich nicht sagen, es sind immer noch Olympische Spiele. Der Kern bleibt bestehen und ist immer noch der Wettkampf Mann gegen Mann. Da ändert sich nichts an der Qualität der Leute, die teilnehmen. Auch das Gefühl, dass sehr viele in Deutschland und weltweit am TV zuschauen, wertet es wieder auf.

"Ich lag zwei Wochen apathisch im Bett"

Das vergangene Jahr war sehr turbulent für Sie. Erst die "Corona-Flucht" aus Kenia, dann die Ungewissheit über die Olympischen Spiele und ihre Quali-Zeit. Dann erkrankten Sie selbst an Corona. War es die verrückteste Zeit Ihrer Karriere?

Es war eine Zeit, die mir definitiv nicht gut getan hat und mir auch psychisch enorm zugesetzt hat. Ich hatte die Qualizeit noch erfüllt, bevor es mit Corona so richtig losging. Seitdem ist eigentlich nur Negatives passiert. Der sichere Olympia-Platz war nun wieder offen. Diese Ungewissheit hat mich ziemlich belastet. Dazu kamen die Einschränkungen und die Angst, weil man nicht wusste, womit man es zu tun hat und wie schlimm alles wird. Es haben dann so viele Wettkämpfe stattgefunden, bei denen ich immer hoffen musste, dass ich nicht aus der Top 3 der deutschen Läufer herausfliege. Genau in der Zeit, als ich nochmal eingreifen wollte, habe ich dann selbst Corona bekommen. So geriet ich von verschiedenen Seiten unter Druck. Gesundheitlich hatte ich Angst, wie schlimm es ist und vor Langzeitschäden. Auf der anderen Seite musste ich tatenlos zusehen, wie sich ein Konkurrent nach dem anderen an der Zeit versuchte, die ich vorgelegt hatte. Ich habe richtig gelitten. Ich war sehr froh, als im Juni das Qualifenster geschlossen wurde und ich wusste, dass ich dabei bin. Aber selbst dann war noch nicht klar, ob Olympia überhaupt stattfindet, es drohte immer noch auszufallen.

Im März mussten Sie einen harten Rückschlag einstecken. Sie infizierten sich mit dem Coronavirus, lagen mitten in der Vorbereitungsphase flach. Wie schlimm war diese Zeit?

Es war kein besonders milder Verlauf, aber ich musste auch nichts in Krankenhaus, ich bin einigermaßen glimpflich davongekommen. Es war eine Krankheit, die ich mit nichts bisherigem vergleichen konnte. Ich lag zwei Wochen apathisch im Bett und hatte sehr viele komische Symptome, die dann irgendwann eingesetzt haben. Rasende Rückenschmerzen zum Beispiel, die nach zehn Tagen begannen. Und dann die ständige Müdigkeit. Es waren Erfahrungen, die mich geprägt haben, wie auch der Geruchs- und Geschmacksverlust, der harmlos klingt, aber dann auch ziemlich beklemmend war. Wenn man in ein Stück Ingwer beißt und gar nichts mehr wahrnimmt. Gerade als Hochleistungssportler hat man Angst und fragt sich: Komme ich zurück? Gibt es Schäden an Lunge und Herz? Kann ich noch in die Quali eingreifen? Reicht es gesundheitlich für Olympia? Insgesamt dauerte es rund zwei Monate, bis ich gar nichts mehr von der Infektion gemerkt habe.

Wie lange haben Sie keinen Sport gemacht?

Vier Wochen ging nichts richtig, vielleicht mal ab und an leichtes Joggen. Ich fühlte mich wie ein Schatten meiner selbst. Wie ein Wrack – es war unheimlich. Dann hat sich der Körper wieder erholt und ich habe gemerkt, wie die Kraft zurückkam. Es gab immer wieder Tage, die komplette Totalausfälle waren, die man eigentlich nicht erklären konnte. Auch Leistungsschwankungen waren dabei, die ich von mir selbst nicht kannte. Ich habe mich dann abgesichert mit einem Gesundheitscheck und einen Herz-MRT gemacht, um eine Herzmuskelentzündung auszuschließen.

Merken Sie jetzt ab und an noch etwas von der Infektion? Oder sind Sie wieder bei 100 Prozent?

Nein, ich merke nichts mehr. Anfang Juni war das letzte Mal, dass ich keinen guten Tag hatte.

Inzwischen weiß man, dass Corona den ganzen Körper angreift. Gerade als Ausdauersportler fordern Sie Ihren Körper sehr. Läuft die Angst noch mit?

Jetzt nicht mehr. Sie wäre mitgelaufen, wenn ich die ganzen Checks nicht gemacht hätte. Ich habe auch vor zwei Monaten bei der Bundeswehr einen weiteren sehr detaillierten Check gemacht als zeitversetzte Untersuchung. Ich bin gut abgesichert, dass nichts mehr vorliegt. Ich würde jedem, der Corona hatte, dringend dazu raten, solche Untersuchungen zu machen und nicht wieder anzufangen, ohne zu wissen, was Sache ist.

Machen Sie sich Gedanken über Long Covid oder Langzeitschäden? Der Ringer Frank Stäbler kämpfte nach seiner Infektion mit einer verringerter Lungenfunktion.

Diese Sorgen hatte ich vor allem in der Phase, in der ich akut die Krankheit hatte. Da habe ich viel gelesen, vielleicht zu viel. Die Angst hatte ich damals sehr extrem. Die Untersuchungen waren daher sehr wichtig. Ich merke, dass ich nun wieder voll funktionsfähig bin.

Blicken wir einmal auf den olympischen Marathonlauf. Was ist Ihr Ziel?

Das kann ich einfach definieren: mich bestmöglich zu verkaufen. Ich gehe komplett ohne Druck an den Start. Von der Meldeliste bin ich im hinteren Viertel gelistet. Ich habe mein großes Ziel erreicht, dass ich zu Olympia gekommen bin. Dafür habe ich mein Leben lang gearbeitet. Alles andere ist Zugabe, was nicht heißt, dass ich einfach so mitlaufen werde. Jeden mit besserer Bestzeit, den ich schlage, ist ein Gewinn für mich. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, gerade hier in Kenia und gehe selbstbewusst an den Start. Ein Platzierungsziel ist für mich nicht machbar. Es ist ein homogenes Feld mit hohem Leistungsniveau. Da kann die Tagesform am Ende den Ausschlag geben und man landet plötzlich 30 bis 40 Plätze weiter vorne. Ich will eine Leistung abrufen, die in einem normalen Rennen im Bereich meiner Bestleistung wäre. Bei einem Meisterschaftsrennen wie bei Olympia wird ein bisschen mehr taktiert, die Endzeiten sind oft nicht ganz so schnell.

Das heißt, Ihre persönliche Bestzeit (2:10:18) anzugreifen ist nicht unbedingt das Ziel?

Ein Zeitziel macht im Grunde keinen Sinn, solche Zeiten werden gerannt in Rennen mit Tempomachern, bei Olympia gibt es davon keine. Zudem ist die Strecke auch nicht ganz so flach. Eine 2:12 kann also viel wertvoller sein als eine 2:10 in einem gepacten Rennen.

Der Marathon wurde extra von Tokio nach Sapporo verlegt, um der ganz großen Hitze zu entgehen. Trotzdem wird es wohl auch in Sapporo ordentlich warm. Welche Rolle spielen die Temperaturen?

Die werden wichtig sein. Die Leute, die sich gut vorbereitet und vor Ort Equipment wie beispielsweise Kühlwesten und gekühlte Käppis haben, werden im Vorteil sein. Ich möchte zu diesen Leuten zählen und habe mich damit beschäftigt. In Deutschland habe ich die Longruns oft bewusst in die Hitze verlegt. Wir erwarten hohe Temperaturen, auch wenn schon um 7 Uhr Ortszeit gestartet wird, werden es wohl deutlich über 20 Grad sein, entscheidend wird auch die Luftfeuchtigkeit sein. Die Getränkeaufnahme hat einen erhöhten Stellenwert im Vergleich zu anderen Rennen. Wenn man sein Getränk nicht bekommt, wird es deutlich kritischer. Es könnte eine entscheidende Rolle spielen, wer gewinnt.

Haben Sie auf besondere Tricks zurückgegriffen und sind zum Beispiel in die Sauna gestiegen?

Das halte ich für Spielerei. Man sollte nicht nur morgens trainiert haben und vor allem die Getränkeaufnahme gut organisiert haben sowie kühlende Elemente platzieren. Wichtig ist, dass man weiß, wie es an der Strecke funktioniert und wo die Getränke sind.

Ist es ein Ansporn für Sie, vor den anderen deutschen Startern Amanal Petros und Richard Ringer zu landen?

Für mich spielt das keine besondere Rolle. Wir versuchen das Ganze gemeinsam als Team anzugehen. Beide haben eine bessere Bestzeit als ich. Deswegen würde ich mich natürlich freuen, wenn ich es schaffe. Wir können uns auch gegenseitig unterstützen, zum Beispiel ein Getränk anreichen, wenn es mal verpasst werden würde. Aber es ist keine besondere Konkurrenz.

Sprechen Sie mit den anderen beiden darüber, wie Sie das Rennen angehen?

Das werden wir vor Ort machen. Unser Trainer, der auch Bundestrainer ist, wird da sein und eine Strategie entwickeln. Es gibt Leute, denen eher taktische Rennen liegen, andere laufen lieber eine hohe Geschwindigkeit gleichmäßig. Ich gehöre eher zu letzteren. Die anderen beiden haben eine hohe Endgeschwindigkeit, weil sie von der Bahn kommen. Es könnten Ihnen liegen, wenn es hintenraus schneller wird.

Topfavorit ist Weltrekordhalter Eliud Kipchoge. Würden Sie gegen ihn wetten?

Er ist die Benchmark. Das hat er mit seiner 2:04 im April nochmal gezeigt, alleine und ohne Zuschauer. Er ist der Mann, den es zu schlagen gilt. Das Niveau ist aber extrem gestiegen. Die Äthiopier werden sicher mitreden können um den Sieg. Aber Kipchoge ist der Mann, den alle schlagen wollen.

Worauf freuen Sie sich jetzt in Japan am meisten?

Wenn ich dann im Ziel sein werde und es endlich geschafft habe. Ich war 2016 schon fast dabei, war bei der Einkleidung für Rio und bin dann wegen einer Verletzung noch rausgeflogen. Dann kann ich endlich dieses Kapitel abschließen. Ich freue mich, dass es endlich geklappt hat. Aber ich freue mich, wenn ich ehrlich bin, nur auf den Wettkampf.

Mit Hendrik Pfeiffer sprach Emmanuel Schneider

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