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Herzschlagfinale beim Spanien-GP der Formel 1

Verstappen verliert packenden Poker gegen Hamilton

09.05.2021 20:17

Von der 100. Pole zum späten Triumph über Max Verstappen: Rekordweltmeister Lewis Hamilton hat seinem WM-Herausforderer beim spannenden Großen Preis von Spanien dank der besseren Strategie im Reifenpoker die Grenzen aufgezeigt und zieht in der Fahrerwertung der Formel 1 davon.

Mit dem 98. Triumph seiner Karriere und dem dritten Saisonerfolg baute Brite im Mercedes seinen Vorsprung in der Fahrerwertung auf 14 Punkte aus.

Sebastian Vettel verpasste im Aston Martin als 13. trotz Verbesserungen am Unterboden auch im vierten Saisonlauf die Punkte. Mick Schumacher holte als 18. das Maximum aus dem unterlegenen Haas heraus.

Hamilton, der zum 100. Mal von Startplatz eins begonnen hatte, zog in Barcelona mit seinem sechsten Triumph mit Rekordsieger Michael Schumacher gleich.

Verstappen lag im 100. Rennen für Red Bull nach einem perfekten Start lange in Führung, hatte dem Weltmeister auf schlechter werdenden Reifen letztlich aber nichts entgegenzusetzen und wurde Zweiter. Das Podium komplettierte Valtteri Bottas im zweiten Mercedes.

Unauffälliges Rennen von Sebastian Vettel

Vettel fuhr wie zuletzt in Portugal ein unauffälliges Rennen im Mittelfeld. Der viermalige Weltmeister gewann nach dem Start eine Position, fiel nach einem äußerst mäßigen ersten Boxenstopp aber zurück.

Formel-1-Neuling Mick Schumacher machte erneut das Beste aus seinen Möglichkeiten. Der 22-Jährige gewann nach dem Start zwei Plätze, konnte diese aber nicht erfolgreich verteidigen. Das Duell mit seinem russischen Teamkollegen Nikita Masepin gewann der Deutsche aber erneut.

An der Spitze blickte von Beginn an alles auf das Duell zwischen Hamilton und Verstappen. "Es ist so knapp, dass alles möglich ist", hatte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff nach dem Qualifying gesagt: "Wer die Nase nach dem Start vorne hat, hat eine gute Chance."

Lewis Hamilton startet solide, Max Verstappen überragend

Überholen auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya ist eine komplizierte Angelegenheit - die erste Kurve nach der Start-und-Zielgeraden ist da eine Ausnahme und wurde deshalb zur Schlüsselstelle. "Das ist eine der längsten Anfahrten zur ersten Kurve", sagte Hamilton mit Blick auf den Start.

Für den 36-Jährigen sollte das zum Problem werden. Hamilton startete solide, noch besser aber kam Verstappen abseits der Ideallinie von der Stelle. Der Niederländer bog neben Hamilton in die erste Kurve und fuhr die Ellbogen aus - mit einem harten, aber fairen Manöver übernahm Verstappen die Führung.

Entscheidend absetzen konnte sich Verstappen zunächst aber nicht. Hamilton kam dem DRS-Fenster näher und profitierte in der achten von 66 Runden von einer Safety-Car-Phase. Den Neustart drei Umläufe später kontrollierte Verstappen mit dem Weltmeister am Heck aber gut. An der Reihenfolge änderte sich nichts.

Das bedeutete auch, das Hamiltons zuletzt schwächelnder Teamkollege Bottas zunächst nur Vierter war. Wolff sprach dem Finnen vor dem Rennen noch das Vertrauen aussprach ("Wir tauschen die Fahrer nicht unter dem Jahr"), zurückzahlen konnte er dieses aber kaum.

Lews Hamilton auf sich allein gestellt

Hamilton war im Duell mit Verstappen auf sich alleine gestellt. Dabei schien er zwischenzeitlich im Nachteil. Verstappen wechselte nach 24 Runden bei einem langsamen Stopp auf Medium-Reifen. Der erwartete, sofortige Konter Hamiltons blieb aber aus. Der Brite tauschte erst vier Runden später die Reifen, drückte dann aber massiv aufs Gas.

Der auf rund sechs Sekunden gewachsene Rückstand schrumpfte im Eiltempo, Hamilton war zurück in der DRS-Zone und kämpfte im Windschatten Verstappens um die Führung. Er biss sich jedoch die Zähne aus, wechselte deshalb in Runde 43 erneut die Reifen und begann die finale Aufholjagd.

Während Hamilton Tempo machte, wuchsen bei Verstappen, der nun zur Ein-Stopp-Strategie gezwungen war, die Zweifel. Nachdem Bottas seinem Teamkollegen Platz zwei kampflos überließ, tauchte der Engländer wenig später wieder in Verstappens Rückspiegel auf - und nutzte den Vorteil der frischeren Reifen zum lockeren Überholmanöver sechs Runden vor Schluss.

Der Spanien-GP der Formel 1 im Zeitraffer:

Start/Runde 1: Verstappen kommt von der schmutzigen Linie super vom Fleck, saugt sich sofort in den Windschatten von Pole-Mann Hamilton. Kurz vor Kurve 1 schert der Holländer aus, knallt sich innen kompromisslos neben den Briten. Der Weltmeister zieht zurück, muss Verstappen ziehen lassen. Durch Hamiltons Rückzieher muss auch Bottas kurz vom Pinsel, was Leclerc nutzt, um im langegezogenen Rechtsbogen außen am Mercedes vorbei zu huschen. Die Mercedes-Strategen schlagen die Hände überm Kopf zusammen.

Vettel gewinnt im Aston Martin eine Position, beendet Runde 1 als Zwölfter, Schumacher verbessert sich sogar auf Platz 16, den er aber schnell an Yuki Tsundoa im AlphaTauri verliert.

Runde 2-6: Verstappen und Hamilton ziehen sofort weg, dahinter hält Leclerc den Mercedes von Bottas sichtbar auf. Der Finne beißt sich am Ferrari die Zähne aus.

Runde 8: Yuki Tsundoa steht in Kurve 10 still, der Honda-Motor im AlphaTauri macht keinen Mucks mehr. Gelbe Flaggen. Auf Start/Ziel fliegt George Russell am Haas von Schumacher vorbei. Wenig später kommt das Safety Car raus, damit die Marshalls Tsunodas Boliden in Ruhe bergen können. Bitter für Verstappen. Die Hinterbänkler nutzen den Einsatz von Bernd Mayländer zu Boxenstopps. Schumi jr. gewinnt in der Garage wieder einen Platz, ist 16.

Fliegender Re-Start/Runde 11: Verstappen gibt im letzten Rechtsknick clever Gas, reißt eine kleine Lücke zu Hamilton und bleibt souverän vorne. Dahinter keine Verschiebungen. Die Top 5: Verstappen, Hamilton, Leclerc, Bottas, Ricciardo. Schumacher schafft es kurzzeitig wieder an Russell vorbei auf Platz 15, muss den Engländer im Williams wenige Kurven später aber ziehen lassen.

Runde 15-20: Mick verliert Rang 16, hat dem Williams von Nicholas Latifi nichts entgegenzusetzen. An der Spitze geht's eng zu. Hamilton ist kurzzeitig im DRS-Fenster Verstappens. Aber: Der rechte Hinterreifen am Mercedes sieht schon recht mitgenommen aus. Machen seine Pneus durch das Hinterherfahren schneller schlapp? Der führende "Bulle" zieht wieder etwas weg – Vorsprung: zwischen 1,2 bis 1,4 Sekunden. Die Frage: Wer kommt zuerst zum Reifenwechsel?

Strategie-Poker zwischen Red Bull und Mercedes

Runde 22: Alonso (11.) und Vettel (12.) kommen parallel zum ersten Stopp. Bei Aston Martin dauert der Service 1,5 Sekunden länger als nebenan bei Alpine. Der Spanier verteidigt seine Position. Einen Umlauf später krallt sich Vettel den AlphaTauri von Pierre Gasly, macht als 17. Jagd auf Alonso (16.)

Runde 24: Bottas versucht den Undercut gegen Leclerc. Der Finne bekommt frische Medium-Pneus und nimmt als Vierter wieder Fahrt auf.

Runde 25: Verstappen leistet sich einige Quersteher und biegt plötzlich in die Box ab. Und da patzt die sonst so fixe "Bullen"-Crew. Vier Sekunden steht der Holländer, ehe er auf Medium wieder losbrettert und sich auf P5 hinter Teamkollege Perez einsortiert. Ein ziemlich spontaner "Call", anders ist dieser Patzer nicht zu erklären. Hamilton bleibt draußen, ebenso Leclerc, der mittlerweile Zweiter ist.

Runde 26: "Zeigt dem Kerl Blaue Flaggen, Michael!", gibt Toto Wolff höchstpersönlich an Rennleiter Michael Marsi durch. Die Rede ist von Haas-Rookie Mazepin, der den Weltmeister aufhält. Auf frischen Medium-Walzen gewinnt Verstappen die in der Garage verlorene Zeit gegen Hamilton auf seinen abgenutzten Softs schnell zurück.

Runde 28: Hamilton in der Box. Standzeit: 2,7 Sekunden, auch er bekommt Medium-Gummis. Verstappen zieht wieder locker vorbei, Hamilton greift fünf Sekunden hinter dem Oranje-Held als Zweiter ins Geschehen ein. Dahinter funktioniert der Silber-Undercut gegen Leclerc. Der Monegasse verliert Rang 3 in der Box an Bottas. Die Reihenfolge nach den ersten Stopps: Verstappen, Hamilton, Bottas, Leclerc, Ricciardo, Perez.

Valtteri Bottas hält Lewis Hamilton kurz auf

Runde 30-35: Schönes Manöver von Vettel. Erst blockt er Gasly gekonnt ab, bremst sich dann innen am Alfa Romeo von Antonio Giovinazzi vorbei – es ist der Kampf um Platz 13. Vorne knallt Hamilton eine schnellste Rennrunde nach der anderen hin, reduziert seinen Rückstand erst auf 1,1 Sekunden, schlüpft dann ins DRS-Fenster. Der Champion nimmt seine Reifen hart an, um seinen WM-Rivalen unter Druck zu setzen.

Runde 36-38: Hamilton schnuppert in Kurve 1 am Heck des Red Bull, robbt sich bis auf drei Zehntel heran. Er will Verstappen in einen Fehler drängen. Zu lange kann der 36-Jährige diese Pace allerdings nicht halten, sonst ruiniert er sich in der "Dirty Air" seine Walzen. Verstappen flüchtet wieder aus dem DRS-Fenster. Im Gleichschritt überrundet das Führungsduo Schumacher, der inzwischen auf den vorletzten (18.) Platz zurückgefallen ist, aber satte 20 Sekunden vor Mazepin liegt.

Runde 39: Vettel geht auf eine 2-Stopp-Strategie, will auf Soft nochmal angreifen. Er kommt als 17. hinter seinem Ex-Ferrari-Buddy Kimi Räikkönen wieder auf die Piste zurück. Die Punkteränge sind weit, weit weg.

Runde 43: Auf der Strecke ist für Hamilton kein Weg vorbei, Mercedes zieht die Strategie-Karte und holt den Champion nochmal rein. Mit frischen Medium-Pneus kommt Hamilton 23 Sekunden hinter dem Holländer wieder raus. Noch 23 Runden: Jetzt heißt es für "King Lewis" volles Kanonenrohr. "Wir haben das schon mal geschafft", motiviert ihn sein Renningenieur.

Runde 50: Hamilton kommt in Riesenschritten näher, während Verstappen verzweifelt mit seinen abbauenden Medium-Walzen kämpft. Rückstand nur noch 11 Sekunden. Der Computer rechnet hoch: In zehn Runden ist der Mercedes in Schlagdistanz.

Runde 52: Nicht ideal für Hamilton: Trotz Ansage vom Kommandostand lässt Bottas die Nummer 1 der Silbernen nicht ohne Weiteres vorbei, erst in Turn 10 ist es soweit. Die unnötige Einlage kostet Hamilton wichtige 1,4 Sekunden.

Max Verstappen am Ende chancenlos

Runde 54: Bottas bekommt noch einen Satz (gebrauchte) weiche Reifen. Der Finne ist heiß auf die Schnellste Rennrunde.

Runde 56: Hamilton zwei Sekunden schneller als Verstappen. Der Rückstand beträgt nur noch sechs Sekunden. Die Reifen am Red Bull brechen dramatisch ein.

Runde 59: Leclerc hat genug Vorsprung, um sich nochmal Soft aufzuziehen. Hamilton klebt derweil 0,6 Sekunden hinter Verstappen.

Runde 60: Es ist soweit: Am Ende von Start/Ziel schießt Hamilton außen lockerleicht an Verstappen vorbei. Der katalanische Käse ist gegessen.

Runde 61: "Mad Max" wird noch einmal in die Garage beordert. Mit frischen Soft-Pneus macht er Jagd auf die Schnellste Rennrunde, die er kurze Zeit später auch in den Asphalt brennt. Der Extra-Punkt ist etwas Balsam auf die "Bullen"-Seele.

Runde 66/Ziel: Hamilton triumphiert, Verstappen und Bottas folgen. Leclerc lässt die Roten etwas jubeln, Perez schafft im zweiten Red Bull immerhin noch Rang 5. Ricciardo zeigt im McLaren ansteigende Form, Sainz (Ferrari), Norris (McLaren), Ocon (Alpine) und Gasly (AlphaTauri) komplettieren die Top 10.