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Die Rückkehr des FC Hollywood?

Flicks verzweifelte Suche nach Harmonie

17.04.2021 08:31

Der FC Bayern will auf einem Gipfeltreffen die Trainerdebatte beenden. Doch Hansi Flick spricht mit Oliver Kahn nur über "andere Dinge" und erklärt seine Liebe zur Harmonie. Diese ist ihm in München abhandengekommen - und er wird sie dort wohl nie wieder finden.

Es sollte ein Gipfeltreffen werden. Beim Wort Gipfel, da schwingt auch immer ein wenig Epochales mit. Von so einem Gipfel erwartet der gemeine Beobachter und Nachrichtenleser natürlich etwas Großes. Dort werden die wirklich wichtigen Entscheidungen getroffen. Nun, es ging ja auch einen sehr bedeutsamen Beschluss: Bleibt Trainer Hansi Flick beim FC Bayern oder verlässt er den Verein und übernimmt die Nationalmannschaft? Da passte das Sinnbild der Bergspitze schon ziemlich gut.

Oliver Kahn wollte sich auf besagtem Gipfeltreffen aus erster Hand darüber informieren, in welche Richtung - Klub oder DFB - Flick nun wirklich tendiere. Vielleicht sollte er auch ein wenig schlichten. Denn dass Flick nicht mehr ganz so viel an seinen Sextuple-Bayern liegt, hat vor allem mit dem Machtkampf-Zoff mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic zu tun. Da geht es um die Kaderplanung, um den Umgang mit bewährten Führungsspielern (Jérôme Boateng) und allgemeine Macht- und Rollenverteilungen. Auf jeden Fall hatte der designierte Bayern-Vorstandsvorsitzende vor, sich auf dem Flick-Gipfel ein differenziertes Bild schaffen. Doch das klappt nach allem Anschein so überhaupt nicht. Der Gipfel entpuppte sich zu einem Gipfelchen. Allerhöchstens. Vielleicht eher: zu einem Flick-Hügel, einer kleinen Anhöhe.

"Ich habe mit ihm kurz gesprochen, da ging es aber um andere Dinge", sagte Flick nun auf der Pressekonferenz vor dem Samstagsspiel beim VfL Wolfsburg auf die Frage nach dem Treffen mit Oliver Kahn. "Es ging um diese Woche und das Aus in Paris." Das war's. Keine bedeutsame Entscheidung. Keine Klarheit über die Zukunft des Trainers. Ein Bayern-Hubbel maximal. Flick wolle sich da kein Druck machen, fügte er an. Das Dauerthema Wechsel-oder-Verbleib und der Dauerstreit mit Salihamidzic werden den deutschen Rekordmeister also auch dieses Wochenende weiter beschäftigen.

Die Rückkehr des FC Hollywood?

Aber zwischen den Zeilen, da formte Flick die Anhöhe dann doch noch ein wenig gipfeliger. Allerdings weniger auf das Treffen mit Kahn bezogen als auf die zugespitzte Lage beim FC Bayern. "Ich bevorzuge das Erste", antwortete der Trainer auf die Frage, ob er Harmonie oder Reibereien präferiere. "Wenn es harmonisch zugeht, ist die Chance auf Erfolg vielversprechender."

Nun, Harmonie, Eintracht und eine wohlige Atmosphäre spürt Flick in München wohl schon lange nicht mehr. Diese zermürbende Alpha-Tier-Ansammlung und Ego-Gruppierung von Verein gegen das kuschelige Nest beim DFB auszutauschen, scheint ihm immer mehr zu gefallen. Natürlich relativierte der medienerfahrene Coach schnell im Nachgang, dass man im Leben eben "nie alles zu hundert Prozent" bekäme und "auch Konflikte in Kauf nehmen" müsse.

Trotzdem: Wer Harmonie will, sollte nicht beim FC Bayern angestellt sein. Dieser Satz hatte in der Bundesliga-Geschichte fast immer Gültigkeit. Besonders unter Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Flicks verzweifelte Suche nach Harmonie in München könnte zu einer aussichtslosen werden. Dem Sextuple-Trainer wird das in den vergangenen Monaten schmerzlich bewusst geworden sein und bald könnte er keinen anderen Ausweg als den Abschied mehr sehen.

Babbel sieht "vereinsschädigenden" Zoff

Ex-Bayern-Profi Markus Babbel schnellte im "Bild"-Podcast angesichts des Streits zwischen Flick und Salihamidzic sogar der sagenumwobene "FC Hollywood" der Neunziger Jahre in Erinnerung. "Vereinsschädigend", nannte Babbel den Zoff. "Du hast das Gefühl, du bist wieder in unserer Zeit. Da verstehe ich die Welt nicht mehr."

Flick selbst hatte die Diskussionen über seinen möglichen Wechsel mit irritierenden Aussagen nach dem Aus in der Champions League am Dienstag erneut befeuert. Ein neuer FC Hollywood also? Das bleibt abzuwarten, aber die Triple-Eintracht ist schon lange dahin. Der Bayern-Hügel hätte eine mögliche Mutation zum Hollywood-Verein aber definitiv verhindern können, wäre er denn nur doch zu einem Gipfel gewachsen.

Dass immer noch keine Ruhe im Verein herrscht trotz des Kahn-Flick-Treffens, nach dem Klarheit - vielleicht sogar Harmonie - bestehen sollte, könnte durchaus ein Störfeuer sein, das auch in der Endphase der Saison eine Rolle spielt. Die Spieler sind schon genervt, Flick erst recht. Ob die Niederlage im Pokal gegen Holstein Kiel und das Ausscheiden in der Champions League gegen PSG damit zu tun haben, kann zwar nur - aber darf ruhig - gemutmaßt werden. Schließlich sagte der Coach ja selbst, dass ohne Harmonie die Chance auf Erfolg geringer sei.

"Man schläft auch nicht so optimal"

Auch Babbel ist "total genervt" von Flicks "Rumeierei". Dessen Aussagen seien alle "so wachsweich" und ihm ginge das "echt auf den Zeiger". Babbels Strapazen wird Flick sicherlich verkraften können. Was ihn stärker umtreibt, ist das Ausscheiden aus der Königsklasse. "Das Aus ist für mich nicht so schnell weg, man schläft auch nicht so optimal", sagte der Coach. Allzu lange darf das Thema Trainer und Mannschaft aber nicht belasten, denn eine Niederlage in Wolfsburg bei einem Sieg RB Leipzigs über Hoffenheim - und schon wäre der fast sicher geglaubte Meistertitel, die einzige noch verbleibende Titelchance, wieder in Gefahr. Robert Lewandowski, Serge Gnabry, Niklas Süle und Leon Goretzka fallen zudem weiter aus.

Bekannt ist beim Thema Schlafstörungen: Wer sich viel ärgert, wer keine Ruhe hat und keine Harmonie spürt, der schläft meist schlecht. Vielleicht würde ein wenig Klarheit in der Diskussion um seine Person Hansi Flick wieder erholsame Nächte ermöglichen. Oder eben ein Wechsel in die persönliche Harmonie-Oase Nationalelf ohne Salihamidzic und Co. Und ausgeschlafen klappt es ja bekanntlich am besten mit Gipfelbesteigungen aller Art. Selbst, wenn es nur ein Hügel ist.

David Bedürftig

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