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Exklusiv: Ninja-Athletin und Coach Jessica Wielens im Interview

Jessica Wielens: "Disziplin ist eine Form von Selbstliebe"

09.04.2021 11:10
Jessica Wielens tritt in der 2. Vorrunde bei Ninja Warrior Germany Allstars an
© Markus Hertrich
Jessica Wielens tritt in der 2. Vorrunde bei Ninja Warrior Germany Allstars an

Jessica Wielens ist eine der erfahrensten Athletinnen bei Ninja Warrior Germany: Die Teilnahme bei den Allstars ist ihre vierte in der Show, dazu bringt sie reichlich Wettkampf-Erfahrung aus anderen Bereichen mit. Die 34-Jährige arbeitet außerdem als ganzheitlicher Coach, wobei unter anderem das Personal Training zu ihrem Berufsalltag zählt.

Vor ihrem Auftritt in der zweiten Vorrundenshow am Sonntag (20:15 Uhr, bei RTL, TVNOW und im sport.de-Liveticker) verrät sie im exklusiven sport.de-Interview, warum für sie der Kopf im Parcours noch wichtiger ist als die Kraft und was die Gründe für ihre Ninja-Pause im vergangenen Jahr waren. Außerdem spricht sie über falsche Vorbilder und Ratschläge, die sie vor allem Frauen mit auf den Weg gibt.

Jess, seit der 2. Staffel warst du bei fast jeder Ninja-Warrior-Show dabei, jetzt gehörst du zu den "Allstars". Kannst du dich noch an die Anfänge erinnern?

Beim ersten Mal war es natürlich eine krasse Bewegung aus der Komfortzone, Ninja Warrior war mein erster Wettkampf. Ich war schon vorher mal ein bisschen vor der Kamera im Fernsehen, aber ich musste da nie unter Zeitdruck abliefern. Da musste ich erstmal an mir arbeiten, dass ich mich nicht frage, was andere denken, falls ich es am ersten Hindernis verkacke. Solche Dinge spielen sich da im Kopf ab, da habe ich mir am Anfang auch echt viel Druck gemacht.

Im Laufe der Zeit hat sich das enorm verändert, auch weil ich immer mehr andere Sachen zwischendurch gemacht habe und Ninja Warrior ein fester Bestandteil wurde. Aber die Aufregung wird interessanterweise nie wirklich weniger.

Warum warst du in der 5. Staffel letztes Jahr nicht dabei?

Letztes Jahr war für mich ein emotional sehr schwieriges Jahr. Im November 2019 hat sich herausgestellt, dass mein Hund schwer krank ist. Die Ärztin in der Tierklinik hat ihm noch zwei Tage gegeben. Das war einfach nur ein Schock. Zu dem Zeitpunkt waren auch auf anderen persönlichen Ebenen noch Dinge im Umbruch und es war komplett der Boden unter den Füßen weg. Mein Hund hat sich dann mit Medikamenten noch ein bisschen berappelt, aber ich wusste, er kann jeden Tag sterben. Da habe ich dann gar keinen Kopf für das Training gehabt und wollte die Zeit, die mir noch blieb, mit ihm verbringen.

Kurz nach der Diagnose hat mich auch noch ein Auto umgefahren, als ich mit dem Rad unterwegs war. Danach hatte ich am Halswirbel immer wieder Probleme, das hat sich auch auf die Griffkraft ausgewirkt. Wenn ich dann mal trainiert habe, hatte ich immer irgendwelche Schmerzen. Da hätte es letztes Jahr einfach keinen Sinn ergeben, insgesamt kam zu viel zusammen. Mein Hund ist dann im April auch gestorben. Danach brauchte ich erst einmal Ruhe, musste mich sortieren, um dann wieder Vollgas geben.

Und die Chance dazu kam durch das neue Allstars-Format dann schneller als gedacht…

Ja, als ich die Anfrage und Zusage bekommen habe, hatte ich nur noch einen knappen Monat, um wirklich Ninja-Training zu machen. Natürlich gehören das Krafttraining und Klimmzüge zu meinem täglichen Training, aber da mache ich ja sonst nichts Spezifisches. Aber ich hatte einfach Bock! Bock, rauszugehen, etwas zu erleben und bin tatsächlich dann mit einem sehr ruhigen Kopf hingefahren.

Hast du bei deiner Einladung eine Athletin im Kopf gehabt, die du im Duell am liebsten vermeiden würdest?

Als ich gesehen habe, welche Leute an meinem Tag auch dran sind, dachte ich nur – ja klar! Ich bin ja selbst nicht schlecht, aber es ist schon wieder so gewesen, dass da brutal gute Leute mit mir dran sind, nur so bockstarke Frauen. Natürlich auch Stefanie Noppinger als Last Woman Standing, gegen sie musste ich ja schon im Team-Duell rennen. Da weiß man natürlich, dass sie richtig gut ist und das schwer würde. Ich mag es ja, solche Duelle anzunehmen, aber ich dachte schon kurz: Im Ernst? Aber dann habe ich innerlich so einen gechillten Moment gekriegt und gedacht, es kommt, wie es kommt. Und der erste Run wurde dann auch nicht gegen sie gelost.

Generell konzentriere ich mich auf mich und ich gönne es immer auch der Anderen. Es ist ja auch ein Teil meiner Arbeit, Menschen stark zu machen und das Beste aus ihnen herauszuholen. Deswegen fällt es mir halt auch schwer, andere zurückzulassen, auch im Parcours.

Ist es für dich stressiger, im direkten Duell gegen jemanden zu laufen?

Im Kopf hat das zwei Komponenten. Auf der einen Seite bin ich niemand, der überdreht. Das heißt, ich möchte meine Schritte bedacht machen und keine dummen Fehler machen. Und das geht natürlich besser, wenn du nur für dich läufst. Im Duell ist es einfach nur ballern, was aber auch heißt: "Nicht denken, einfach machen!"– meine Faustregel.

Das mag ich, weil ich dann ausschalte und nicht darüber nachdenke, ob ich es mache oder wie ich es mache, sondern einfach nur im Moment bin. Im Duell hast du einfach noch jemanden im Nacken und dann catcht mich auf jeden Fall der Ehrgeiz.

Du arbeitest unter anderem als Personal Trainer und Mental Coach. Was kannst du aus deiner Arbeit für die Show mitnehmen – abgesehen von einer sehr guten Fitness?

Grundsätzlich sehe ich mich als ganzheitlichen Coach. Ich habe gemerkt, dass immer alles zusammenhängt: Bewegung, Ernährung, Mindset. Natürlich ist der Kopf dabei eine Riesen-Komponente, weil der so viel steuert – und das gilt im Ninja-Parcours halt ultimativ, weil ich mich da so vielen Dingen stellen muss: Ich muss mich trauen, dahin zu gehen, mich wirklich einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Ich muss unter Zeitdruck performen, bei den Allstars dann auch noch gegeneinander. Ich will dann natürlich nicht am ersten oder zweiten Hindernis abstürzen, da macht man sich unheimlich viel Druck.


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Da ist für mich bei allem Training, das der Körper braucht, der Kopf am wichtigsten. Du kannst noch so gut trainiert sein, wenn du da stehst und dich die Nervosität lähmt, hast du gar keine Chance.

Mal abseits des Ninja-Parcours': Mit welchen Fragen kommen die Menschen zu dir?

Wenn jemand zu mir kommt, gucke ich immer erstmal, was wirklich das Thema ist. Ganz viele wollen ja abnehmen oder fitter werden ohne zu reflektieren, warum sie das eigentlich wollen. Diese Frage stelle ich: Was ist deine Motivation? Oft glauben wir ja einfach, dass wir einen bestimmten Körper haben oder eine bestimmte Zeit laufen müssen, obwohl man ein ganz normaler Mensch ist, der nicht von Sponsoren dafür bezahlt wird, dass er Leistungssportler ist.

Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sie in diesem Bereich mitziehen und den absolut krassen Körper haben müssen, weil Social Media bestimmte Bilder vermitteln, die leider auch oft nicht stimmen. Gerade Frauen verlieren sich oft komplett darin, meinen dann, gar nichts mehr essen zu müssen und kommen mit einem fast zerstörten Stoffwechsel zu mir, weil sie ewig nichts gegessen haben oder übermäßig viel, ohne jede Balance.

Wie kannst du ihnen dabei helfen?

Meine Erfahrung ist, dass es vielen unheimlich guttut, zu sich zu kommen. Wenn sie lernen, sich zu reflektieren, bekommen sie dadurch eine andere Einstellung zum Essen - oder sie bewegen sich, weil sie sich gerne bewegen wollen, und nicht gegen ihren Körper ankämpfen. Man hat eine ganz andere Kraft, wenn man nicht mit der Einstellung daran geht, es seinem eigenen Körper richtig zeigen zu wollen und ihn durch ein noch längeres Training zu prügeln.

Natürlich gucke ich auch, wie man den Sport in den Zyklus integrieren kann. Eine Frau muss einfach ganz anders trainiert werden als ein Mann und unsere Gesellschaft ist immer nur auf Männer ausgerichtet, egal, wohin du schaust. Ich würde mich als Frau nie von einem Mann trainieren lassen. Es ist nicht böse gemeint, aber der kann ja gar nicht nachfühlen, was eine Frau jeden Monat durchmacht. Und die Monate sind dann ja oft auch noch anders.

Hast du schon einmal gemerkt, dass du selbst Kundinnen oder Followerinnen verunsicherst, weil sie sich mit dir vergleichen? Du hast ja selbst für Ninja-Verhältnisse eine sehr definierte Form.

Ich höre oft, dass es auffällig ist, dass man sich mit mir nicht schlechter fühlt oder in einen Vergleich tritt. Diese Tür dahin lasse ich gar nicht offen. Es ist ja so: Sie können daran sehen, dass ich für mich verstanden habe, was für meinen Körper super funktioniert. Das heißt, ich werde auch das finden, was für sie gut funktioniert, weil ich mir wirklich alles angucke.

Ich finde es schön, dass es die Leute, die mir folgen oder die sich von mir betreuen lassen, eher inspiriert, dass ich ein Gleichgewicht und einen Frieden habe, der keine Konkurrenz braucht. Wir Frauen neigen ja eh dazu, sehr selbstkritisch zu sein.

Du bist auch bei Instagram sehr aktiv und hast einen sehr schönen Feed. Wie vermeidest du da diese Vergleiche – oder gar Missgunst und Hate?

In meinem Feed bin ich sehr vielfältig, ich habe überhaupt keinen Bock auf diese Oberflächlichkeit. Ich möchte, dass Leute wirklich viel mitnehmen. Natürlich poste ich Bilder von mir, aber mir ist es wichtig, meine Botschaft rüberzubringen. Sicherlich ist das über Instagram total schwer. Ich weiß, dass die Aufmerksamkeitsspanne bei vielen sehr klein ist. Da geht es nach drei Sekunden zum nächsten Bild, wenn man nicht gerade halbnackt vor der Kamera steht.

Ich zeige zwischendurch auch gerne Formchecks oder spreche über Frauen mit Muskeln. Das ist ja auch immer ein gerne kommentiertes Thema ist. Aber da hat einfach keiner irgendetwas zu sagen. Wenn da jetzt ein Typ sagen würde, dass ich kacke aussehe, weil ich Muskeln habe, würde ich nur sagen: Wer hat dich gefragt? Wobei es tatsächlich bei mir noch nie vorkam. Ich fördere gerne, dass Frauen selbstbewusst sind und wissen, was sie wollen und was sie nicht wollen – und das auch klar kommunizieren, egal wie blöd die Sprüche sind.

Eine kleine Service-Frage zum Schluss: Hast du trotz deines individuellen Ansatzes einen Tipp für Leute, die in der Corona-Zeit etwas faul geworden sind oder die Ernährung haben schleifen lassen?

Es ist einfach so individuell und ich finde, man sollte es sich auch wert sein, da genau hinzuschauen. Schon bei der Ernährung ist es schwierig, pauschale Tipps zu geben, weil jeder unterschiedliche Makros braucht. Ich meide Pauschalaussagen, aber ich gebe gerne mal den Tipp, Routinen zu schaffen und Gewohnheiten zu verändern.

Schaffe eine Sache, die du schon mal machst – zum Beispiel morgens die Laufschuhe anzuziehen und mit zwei Kilometern zu starten, irgendetwas, um reinzukommen. Das ist schon mal besser als nichts. Das kann man schon pauschal sagen: Wenn man etwas verändern möchte, muss man Gewohnheiten verändern. Und man muss lernen, dass Disziplin eine Form von Selbstliebe ist und nichts Unerreichbares. Du kannst dir damit zeigen, wie wichtig du dir bist.

Das Gespräch führte Maike Falkenberg.