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"Gab nie eine Abstimmung"

Mercedes und Aston Martin bewusst eingebremst?

05.04.2021 09:36
Aston Martin und Mercedes haben deutlich Performance verloren
© MST
Aston Martin und Mercedes haben deutlich Performance verloren

Inzwischen ist es kein Geheimnis mehr, dass die Teams, die mit einem niedrigen Anstellwinkel fahren, durch die Regeländerungen am Unterboden zur Formel-1-Saison 2021 mehr Zeit als andere Rennställe verloren haben. Mercedes konnte den Saisonauftakt in Bahrain zwar gewinnen, doch das schnellere Auto hatte eigentlich Red Bull.

Und Aston Martin, das zweite Team im Feld mit einem sogenannten "Low-Rake-Konzept", musste die Heimreise sogar mit nur einem einzigen Zähler antreten. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass manche Teams nach einer Regeländerung in der Formel 1 größere Probleme als andere haben, sich an die neuen Umstände anzupassen.

Doch in diesem konkreten Fall glaubt man bei Mercedes und Aston Martin nicht an einen Zufall. "Ich bin mir sicher, dass [die neue Unterbodenregel] bewusst entwickelt wurde, um die Reihenfolge zu verändern", so Mercedes-Teamchef Toto Wolff bei "Sky" unmissverständlich. Ähnlich sieht es Aston-Martin-Teamchef Otmar Szafnauer.

Szafnauer: Auswirkungen waren bekannt

Der erklärt, dass "zu dem Zeitpunkt, als die Regeln aufgestellt wurden," bereits bekannt gewesen sei, dass die "Low-Rake-Teams" deutlich mehr unter der Beschneidung des Unterbodens leiden würden. Die FIA habe also mindestens bewusst in Kauf genommen, dass Mercedes und Aston Martin Nachteile haben.

"Ich bin kein Verschwörungstheoretiker. Aber es wurde von den Teams, die mit niedrigem Anstellwinkel fahren, schon im vergangenen Jahr erklärt, dass es einen größeren Effekt als auf die Teams mit 'High Rake' haben würde. Und wir lagen richtig", resümiert der Teamchef von Sebastian Vettel nach dem Saisonauftakt in der Wüste.

Besonders brisant in diesem Zusammenhang: Die Regeländerung wurde von der FIA damals ohne Zustimmung der Teams durchgewunken. "Es gab nie eine Abstimmung", berichtet Szafnauer und erklärt: "Es gab [im vergangenen Jahr] lediglich eine Probeabstimmung aller Technikchefs im technischen Unterkomitee."

Abstimmung wäre wohl gescheitert

Bei dieser hätten drei Teams gegen die Änderung gestimmt. "Man muss bedenken, dass nur zwei Teams auf ein 'Low-Rake-Konzept' setzen", erinnert Szafnauer in diesem Zusammenhang und erklärt: "Selbst eines der 'High-Rake-Teams' hat also dagegen gestimmt. Es gab also nicht einmal annähernd Einstimmigkeit."

"Selbst bei der 'Acht-von-zehn-Regel' wäre [die Regeländerung] also nicht durchgegangen", so Szafnauer in Anspielung auf die "Super-Mehrheit", bei der mindestens acht der zehn Teams einer Regeländerung zustimmen müssen. Doch zu einer Abstimmung in der Formel-1-Kommision kam es ohnehin nie.

Stattdessen drückte die FIA die Änderung ohne Zustimmung der Teams durch, weil man sich auf Sicherheitsgründe berief. In solchen Fällen hat der Weltverband die Möglichkeit, die Regeln auch kurzfristig ohne vorherige Abstimmung zu ändern. Für Szafnauer hat das in diesem konkreten Fall allerdings einen seltsamen Beigeschmack.

Pirelli-Sorgen nur ein Vorwand?

Hintergrund: Offiziell hieß es damals, dass Pirelli befürchte, dass die Reifen den Kräften in der Saison 2021 nicht mehr standhalten könnten, wenn die Teams ihre Autos weiterentwickeln und noch mehr Abtrieb finden würden. Daher wurden unter anderem die Änderungen am Unterboden beschlossen.

"Da bin ich kein Experte. Ich weiß nicht, was Pirelli über die Reifen gesagt hat", gesteht Szafnauer, der sich in diesem Zusammenhang jedoch wundert: "Aber unmittelbar, nachdem die Änderungen beschlossen wurden, hat Pirelli angekündigt, dass sie außerdem eine neue [Reifen-]Konstruktion bringen."

Ein abgekartetes Spiel also? Offen spricht Szafnauer diesen Vorwurf nicht aus, doch es ist mehr als klar, in welche Richtung seine Aussagen abzielen. Da passt es auch ins Bild, dass er noch einmal daran erinnert, dass Mercedes und Aston Martin keine Möglichkeit hätten, einfach auf ein "High-Rake-Konzept" zu wechseln.

Wechsel auf "High Rake" nicht möglich

"Selbst wenn wir hinten mit 150 Millimeter Fahrhöhe fahren wollten, dann könnten wir das gar nicht", betont Szafnauer und erinnert: "Wir mussten die Aufhängung wegen der COVID-Beschränkungen homologieren. Man hätte sie [für 2021] nur anpassen können, wenn man seine Token dafür verwendet hätte."

Das taten aber weder Aston Martin noch Mercedes. Zudem wäre es mit einer einfachen Änderung der Aufhängung nicht getan gewesen, weil das komplette Auto von vorne bis hinten nach einer anderen Designphilosophie entwickelt wurde. Nun muss man mit dem leben, was man eben hat.

Die nackten Zahlen bestätigen übrigens, dass Mercedes und Aston Martin am Bahrain-Wochenende zu den größten Verlierern zählten. Das Werksteam war 2,1 Sekunden langsamer als beim Qualifying an gleicher Stelle im November 2020, Kundenteam Aston Martin sogar fast 2,3 Sekunden.

Andere Teams haben deutlich weniger verloren

Zum Vergleich: Mehrere direkte Konkurrenten von Aston Martin verloren "nur" etwas zwischen 1,2 und 1,4 Sekunden, Ferrari sogar gerade einmal etwas mehr als eine halbe Sekunde. Und auch im Rennen lief es mit den Plätzen zehn und 15 für Aston Martin deutlich schlechter als wenige Monate zuvor.

Szafnauer erinnert an das Bahrain-Rennen 2020: "Ein paar Runden vor Schluss lag Sergio [Perez] komfortabel auf Rang drei, bis sein Motor hochgegangen ist. Jetzt kämpfen wir um Platz zehn bis 15." Für ihn besteht kein Zweifel daran, dass dieses "Defizit" durch die Regeländerung am Unterboden kommt.

"Wenn man mit einigen anderen Teams spricht, dann scheinen sie fast das gesamte Defizit [im Vergleich zum Vorjahr] aufgeholt zu haben. Wir nicht. Das liegt an der unserer anderen Aero-Philosophie", so Szafnauer, der trotzdem betont: "Wir haben dieses Jahr noch nicht aufgegeben."

Mercedes als Vorbild für Aston Martin

"In Windkanal und CFD haben wir Dinge gefunden. Die werden wir bald an die Strecke bringen", kündigt der Teamchef an und erinnert: "Die Änderungen [für 2021] wurden alle hinten am Unterboden vorgenommen, um die Reifen herum. Das ist also der Bereich, in dem wir nach mehr Abtrieb suchen müssen."

"Hoffentlich werden wir das Auto bis Portimao etwas verbessert haben. Daran werden wir hart arbeiten", so Szafnauer. Hoffnung macht die Performance von Mercedes, denn Lewis Hamilton konnte in Bahrain trotz der Probleme gewinnen. Szafnauer erinnert: "Wir haben den gleichen Antrieb, das gleiche Getriebe, die gleiche Hinterradaufhängung."

Daher sollte man in der Theorie in der Lage sein, "nah" an die Rundenzeiten des Werksteams heranzukommen. "Das gibt uns etwas Hoffnung. Aber ich denke, dass einige Teams deutlich näher an Mercedes dran sind, als das im vergangenen Jahr der Fall war - inklusive Red Bull, McLaren und Ferrari", so Szafnauer.

Unter diesen Vorzeichen dürfte es für Aston Martin schwierig werden, die Racing-Point-Erfolge der Saison 2020 zu wiederholen.