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"Collinas Erben" zum 27. Spieltag

Warum zwei Leipziger gegen Bayern nicht vom Feld flogen

05.04.2021 14:32
Eine rüde Grätsche von Leipzigs Nordi Mukiele gegen Lucas Hernández vom FC Bayern wurde mit Gelb geahndet
© Roger Petzsche via www.imago-images.de
Eine rüde Grätsche von Leipzigs Nordi Mukiele gegen Lucas Hernández vom FC Bayern wurde mit Gelb geahndet

Die Spiele des Osterwochenendes bringen die Schiedsrichter gut und geräuschlos über die Bühne, obwohl einige Partien voller Brisanz stecken. In der Partie zwischen Leipzig und Bayern etwa zeigt der Referee viel Spielverständnis, im Berliner Stadtduell lässt er sich nicht von der Hektik anstecken. Zu einem Kuriosum kommt es unterdessen in Österreich.

Es war ein Spieltag mit einer ganzen Reihe von Partien, die brisant zu werden versprachen: Da gab es die Begegnung des Tabellenzweiten gegen den Spitzenreiter, ein womöglich vorentscheidendes Spiel um den vierten Champions-League-Platz, ein Kräftemessen mit potenziell richtungweisendem Charakter im Abstiegskampf und zum Abschluss noch das Lokalduell der beiden Hauptstadtklubs. Solche Aufgaben sind auch für die Schiedsrichter besondere Herausforderungen, und es ist deshalb folgerichtig, dass die sportliche Leitung der Unparteiischen im bezahlten deutschen Fußball um Lutz Michael Fröhlich einige ihrer besten Kräfte zu diesen Brennpunkten entsandte.

Um es vorwegzunehmen: Die Referees erledigten ihren Job an diesem Osterwochenende geräuschlos und gut und gerieten nirgendwo in den Mittelpunkt der Diskussion. Auch die Video-Assistenten, die noch zu Beginn des Jahres an mehreren Wochenenden in der Kritik gestanden hatten, fügten sich in das mehr als ordentliche Gesamtbild ein. Im Spitzenspiel zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München (0:1) etwa überzeugte der umsichtige und sichere Schiedsrichter Daniel Siebert mit einer wohltuend langen Leine bei der Zweikampfbeurteilung, was die beiden spielerisch starken Teams auch annahmen. Dass der Spielleiter viel Körpereinsatz zuließ, kam dem Spielfluss und der Intensität entgegen.

Mukiele und Upamecano sehen zu Recht nur Gelb

Wurden die Grenzen überschritten, griff der Unparteiische aus Berlin gleichwohl konsequent ein. So etwa bei der rüden Grätsche von Nordi Mukiele gegen den Münchner Lucas Hernández nach 26 Minuten, die zu Recht mit einer Gelben Karte geahndet wurde. Mancher Betrachter fragte sich sogar, ob nicht ein Feldverweis angemessen gewesen wäre, doch das Foul war nur rücksichtslos und nicht brutal: Zwar setzte der Leipziger von hinten zum Tackling an, doch er traf Hernández ohne besondere Intensität und nicht etwa mit der offenen Sohle, sondern nur mit seinen Schienbeinen – und das auch nicht an besonders verletzungsanfälligen Körperpartien.

Korrekt war es auch, Dayot Upamecano nach einer Stunde ebenfalls nur zu verwarnen. Zwar hatte der Leipziger Innenverteidiger, der nach dieser Saison zu den Bayern wechselt, bei einem Angriff des Rekordmeisters kurz nacheinander erst Leroy Sané taktisch gefoult und dann Kingsley Coman rustikal zu Boden gebracht. Dass es dennoch nicht in der Summe zu Gelb-Rot kam, lag daran, dass bei rein taktischen Vergehen die Verwarnung entfällt, wenn der Unparteiische die Vorteilsbestimmung anwendet. So war es in diesem Fall, weil die Münchner im Angriff blieben. Anders hätte es ausgesehen, wenn auch das Foul an Sané rücksichtslos gewesen wäre: Dann wäre Upamecano in einem Zug erst mit der Gelben Karte und dann mit Gelb-Rot bedacht worden.

Gräfe gewohnt großzügig

Großzügig amtierte wie gewohnt auch Sieberts Kollege Manuel Gräfe im Aufeinandertreffen von Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt (1:2) und damit im Spiel zweier Anwärter auf einen Platz in der Champions League. Zweimal kam es dabei zu kniffligen Situationen im Strafraum des BVB: zunächst in der 40. Minute, als der Ball an die Hand von Thomas Delaney sprang. Gräfe ließ weiterspielen, schaute sich die Szene auf Anraten seines Video-Assistenten allerdings noch einmal im Review an – und blieb danach bei seiner ursprünglichen Entscheidung.

Das war zumindest nachvollziehbar. Denn weil der unmittelbar vor Delaney postierte Frankfurter Luka Jović den Ball im letzten Moment entscheidend abfälschte, erfuhr die Kugel eine für den Dortmunder nicht zu erwartende Richtungsänderung, auf die er nicht mehr reagieren konnte. Erst dadurch kam es zum Handspiel. Bis zum Abfälschen waren Arm und Hand nicht unbedingt in einer Position, die man als unnatürlich oder zu weit vom Körper entfernt bewerten müsste. Der Referee hatte jedenfalls einen Ermessensspielraum, den er nutzte, um eine nicht zwingend erforderliche Sanktion zu vermeiden.

Im Kellerduell werden gleich drei Trainer verwarnt

Auch kurz nach der Pause entschied er sich gegen einen Strafstoßpfiff, als der Frankfurter Erik Durm nach einem Fußkontakt durch Mats Hummels im Dortmunder Sechzehnmeterraum zu Boden ging. Gräfe hatte den Vorgang aus günstiger Perspektive wahrgenommen und als nicht ahndungswürdig bewertet, worin man ihm folgen konnte: Der Kontakt war eher flüchtig und nicht zweifelsfrei ausschlaggebend dafür, dass Durm fiel. Eine Elfmeterentscheidung wäre zwar nicht abwegig gewesen, aber doch so hart, dass sie nicht recht zu Gräfes Linie bei der Zweikampfbeurteilung gepasst hätte. Am Ende dürfte es der Eintracht einerlei gewesen sein: Sie gewann diese wichtige Partie.

Im Kellerduell zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und Arminia Bielefeld (1:1) kam es derweil zu einem Novum in der Geschichte der Bundesliga: Erstmals sahen gleich drei Teamoffizielle die Gelbe Karte. Zunächst verwarnte Schiedsrichter Deniz Aytekin nach 55 Minuten den Bielefelder Trainer Frank Kramer, als dieser sich nach dem Elfmeterpfiff gegen sein Team echauffiert hatte. Dabei war die Entscheidung richtig, denn Mike van der Hoorn hatte den Mainzer Jonathan Burkardt am Bein getroffen, als dieser zum Torschuss ausgeholt hatte. In der Nachspielzeit traf es dann auch den Mainzer Torwarttrainer Stephan Kuhnert und den Chefcoach der Gastgeber, Bo Svensson. Ein Thema war der souveräne Fifa-Referee nach dem Schlusspfiff dennoch nicht.

In der Berliner Hektik bleibt der Schiri ruhig

Sascha Stegemann kam unterdessen die Aufgabe zu, mit dem Berliner Lokalkampf zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC (1:1) die letzte Partie des Spieltags zu leiten. Tatsächlich war es eher Kampf, was beide Teams boten, und über weite Strecken das, was die sarkastisch gemeinte Floskel "nicht vergnügungssteuerpflichtig" als angemessen erscheinen lässt. Es gab viele Nickligkeiten in den Zweikämpfen, viel Lamento und Geschrei, die Atmosphäre auf dem Feld und den Bänken war recht angespannt, und manche Auseinandersetzung hätte nicht sein müssen. Doch Stegemann ließ sich nicht von der Hektik anstecken und bewahrte auch in hitzigen Situationen kühlen Kopf. Immer wieder bemühte er sich, die erregten Gemüter zu beruhigen.

Dass er nach einer knappen halben Stunde den Armeinsatz des Herthaners Matteo Guendouzi gegen Grischa Prömel nicht als Tätlichkeit bewertete, sondern nur als Rücksichtslosigkeit, war angemessen. Denn gewaltsam oder gar brutal war Guendouzis Handeln nicht, eine Schlagbewegung ließ sich auch nicht ausmachen, und Prömel, der Guendouzi vorher seinerseits mit den Armen bearbeitet hatte, überzeichnete die Folgen des Treffers außerdem unnötig. Weil er sich anschließend mit mehreren Gegenspielern ein verbales Scharmützel lieferte, sah er genauso die Gelbe Karte wie sein Kontrahent. Damit war ein Stoppschild gesetzt, auch wenn Union über die Verwarnung murrte.

Österreich: "Eierpecken" statt Münzwurf

Auch dass Guendouzi wenige Minuten später einen Strafstoß bekam, als er nach einem ungeschickten Tritt von Marvin Friedrich gegen seinen Fuß im Strafraum der Hausherren stürzte, geht in Ordnung. Gleiches gilt für die weiteren Gelben Karten, die es jeweils für rustikale Foulspiele gab. Wenn sich zwei Mannschaften eher beharken, als einen gepflegten Ball zu spielen, und außerdem ständig schlecht gelaunt auf Entscheidungen reagieren, kann ein Schiedsrichter nicht glänzen. Aber er kann besonnen und berechenbar bleiben, auch unpopuläre Maßnahmen durchziehen und versuchen, die Wogen zu glätten. Sascha Stegemann hat genau das getan.

Derweil kam es in der österreichischen Frauen-Bundesliga beim Spiel zwischen Neulengbach und St. Pölten (2:3) am Ostersonntag zu einer kuriosen Szene: Schiedsrichterin Marina Aufschnaiter warf nicht wie sonst eine Münze, um zu bestimmen, wer die Seitenwahl hat und wer den Anstoß ausführen darf. Stattdessen drückte sie den beiden sichtlich amüsierten Kapitäninnen jeweils ein buntes Osterei in die Hand und bat zum "Eierpecken". Dabei werden die beiden Eierspitzen gegeneinander gestoßen, und es gewinnt, wessen Ei unversehrt bleibt. Das war in diesem Fall die St. Pöltenerin Jasmin Eder – deren Team das Spiel anschließend ebenfalls für sich entschied.

Alex Feuerherdt

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