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Spieß sieht schwarz für Zukunft des Gewichthebens

02.04.2021 10:04
Jürgen Spieß malt ein düsteres Szenario für seine Sportart Gewichtheben
© dpa
Jürgen Spieß malt ein düsteres Szenario für seine Sportart Gewichtheben

Ex-Europameister Jürgen Spieß hat einiges erlebt in zwei Jahrzehnten als Leistungssportler. Aber dass eine Gruppe von älteren Männern so stur den Karren an die Wand fahren will, das hätte der Gewichtheber nicht für möglich gehalten.

"Wenn sich an der Spitze unseres Weltverbandes nicht schleunigst alles ändert, dann sehe ich schwarz für die Zukunft des Gewichthebens", sagt Spieß und stöhnt: "Es ist brutal schwer, gegen die alte Garde anzukämpfen."

Der Landespolizist aus Sandhausen weiß, wovon er spricht. Der 37-Jährige ist nicht nur aktiver Sportler, der bei den am 3. April in Moskau beginnenden Europameisterschaften startet und zum vierten Mal an Olympischen Spielen teilnehmen will, obwohl er seit Jahren den ungleichen Kampf gegen manch gedopten Konkurrenten geführt hat. Spieß ist seit wenigen Monaten auch Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BVDG) und Mitglied der Athletenkommission im Weltverband IWF.

"Jürgen imponiert mir", sagt Bundestrainer David Kurch. "Er ist ein starker Charakter und ein bekanntes Gesicht in der Gewichtheberwelt. Man schätzt ihn. Ich glaube, dass wir mit ihm eine gute Stimme in der IWF haben."

Die ist auch bitter nötig. Gemeinsam mit dem neuen BVDG-Präsidenten Florian Sperl macht er Druck, setzt sich für eine Zukunft des Hantelsports ein. Denn das IOC mit Landsmann Thomas Bach an der Spitze hat den Gewichthebern gedroht, sie aus dem Programm für die Spiele 2024 in Paris zu werfen. Die Gründe: Führungsproblem, Reformstau und die "nicht akzeptable hohe Zahl von Dopingfällen".

Weil sich bislang nur wenig bewegte im Weltverband, setzte das IOC die Daumenschraube an. Bei Olympia in Rio 2016 waren 260 Männer und Frauen in 15 Gewichtsklassen auf der Heberbühne, in Tokio werden es 196 sein, in Paris - wenn überhaupt - nur noch 120 in zehn Klassen. "Wenn man sieht, welch Schindluder im Weltverband getrieben wird, ist das doch kein Wunder", erregt sich Spieß.

Die Altfunktionäre in der IWF, die jahrelang den Dopingbetrug durch Ablasshandel und Korruption kultivierten und Machtmissbrauch pflegten, klammern sich nach dem erzwungenen Abgang von Chef Tamas Ajan an ihre Posten. Ursprünglich wollten sie sich Ende März in alter Zusammensetzung erneut wählen lassen - ohne Satzungsänderung. "Ob Interimspräsident, 1. Vize, nächster Vize oder sonst wer - die haben doch alle Dreck am Stecken und hängen tief drin", schimpft Spieß.

Der BVDG und und andere Verbände liefen Sturm gegen das Wahlmanöver der IWF. "Erst neue Satzung, dann Wahlen", fordert Sperl. Die Wahlen wurden abgesetzt und auf den Sommer verschoben. Allmählich gibt es Hoffnung. "Durch den immensen Druck des IOC bewegt sich etwas", sagt Sperl. Angeblich will die IWF-Führung einlenken, eine Altersgrenze für Funktionäre akzeptieren und die Führungstätigkeit auf maximal zwei Amtsperioden beschränken. "Wird die neue Verfassung so verabschiedet, ist die alte Garde weg", frohlockt CSU-Politiker Sperl, der sich um den Posten des IWF-Vizepräsidenten bewirbt. Sein Motto: "Neue Köpfe, neue Visionen." Ob sein Optimismus begründet ist, wird sich zeigen.

Erfreulich ist, dass in der dopingbelasteten Sportart Sünder jetzt reihenweise auffliegen. Allein bei der Nachanalyse der Olympischen Spiele von Peking und London gab es 61 positive Dopingfälle, zumeist Medaillengewinner. Für Tokio sind drei Länder (Thailand, Ägypten, Malaysia) wegen Dopings gesperrt. Andere wie Russland (36 Fälle seit 2008), Kasachstan (34), Aserbaidschan (33), Belarus (24), Armenien (20) und Rumänien (20) dürfen nur einen Mann und eine Frau von möglichen vier Männern und vier Frauen an den Start bringen.

"Man muss nur die Liste der größten Dopingländer mit der nationalen Herkunft der Top-Funktionäre in der IWF vergleichen", rät Bundestrainer Kurch. "Dann ist man im Bilde."

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