Anzeige
powered by n-tv

Angebliche sexuelle Übergriffe

Der abgrundtiefe Fall der großen NFL-Hoffnung

20.03.2021 12:27
Quarterback Deshaun Watson wird mehrfach wegen angeblicher sexueller Übergriffe verklagt
© Robin Alam/Icon Sportswire via www.imago-images.de
Quarterback Deshaun Watson wird mehrfach wegen angeblicher sexueller Übergriffe verklagt

Deshaun Watson wollte einer der ganz Großen werden und schien auf dem besten Weg. Darüber hinaus galt der junge Quarterback als einer der Leuchttürme für Schwarze in der NFL im Kampf gegen Rassismus. Jetzt soll er gegen zwölf Masseurinnen sexuell übergriffig geworden sein.

Als die NFL-Saison 2020/21 angepfiffen wurde, setzte die Liga mit der zum Auftakt angesetzten Partie ein besonderes Zeichen. Die Super-Bowl-Gewinner aus Kansas City empfingen die Houston Texans, dabei standen im Mittelpunkt: zwei der besten Quarterbacks der Welt, Champion Patrick Mahomes und Herausforderer Deshaun Watson. Es ging dabei auch um Symbolik, schließlich hatte die NFL gerade ihre ersten hundert Jahre hinter sich gebracht: Das inszenierte Top-Duell zwischen Watson und Mahomes war eine Anerkennung dessen, dass in Zukunft junge, schwarze, athletische Passwerfer regieren werden. Denn in der NFL bestimmen Elite-Quarterbacks die Agenda, sie sind die Gesichter der Teams.

Watson zählte neben Überflieger Mahomes (wird schon mit dem großen Tom Brady verglichen) zu den besten einer neuen Welle spektakulär talentierter - und schwarzer - Quarterbacks, die in der Saison zuvor den Grundstein für den Paradigmenwechsel gelegt hatten und langsam die Bradys und Aaron Rodgers ablösen sollen. Der 25-jährige Texaner führte 2020 die gesamte Liga an in Sachen gepasste Yards, wurde zu dem Spieler, der in der NFL-Geschichte am schnellsten 100 Touchdowns erworfen und 15 erlaufen hatte, und schaffte es bereits in jungen Jahren in den historischen Olymp mit nur drei anderen Quarterbacks, die jemals eine Saison mit mehr als 4.500 Pässen, mehr als 30 Touchdowns, weniger als 10 Interceptions und durchschnittlich mehr als 8,5 Yards pro Pass beendet hatten.

Watson lässt NFL-Bosse Fehler eingestehen

Die Spielgestaltung im Football war in den 99 Jahren zuvor fast immer in den Händen von Weißen, mit Watson, Mahomes und Co. gelang es den historisch marginalisierten People of Color (POC) jetzt endlich, auch die wichtigste Position im US-Sport Nummer eins zu bekleiden. Eine wichtige Entwicklung auch für die Liga, deren Teams meist weißen, reichen Besitzern gehören und die sich in der wandelnden US-Gesellschaft mitsamt der Black-Lives-Matter-Bewegung neu positionieren musste. 2016 noch hatte Colin Kaepernick die falsche Hautfarbe für eine nationale Ikone und wurde aus der Liga gemobbt, als er aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt bei der Nationalhymne auf die Knie ging.

Bei Watson und Mahomes war die Lage ein paar Jahre später eine andere. Beide taugten auf einmal zu Ikonen. Auch als sie mit einer Gruppe von mehr als einem Dutzend schwarzer NFL-Stars die Klub-Besitzer dazu drängten, vergangene Fehler anzuerkennen und die Liga aufforderten, zuzugeben, dass sie mit ihrer ursprünglichen Reaktion auf friedliche Proteste gegen Polizeibrutalität und systemische Unterdrückung danebenlag. Die Quarterbacks hatten mit dem wohl wichtigsten Einsatz der NFL-Geschichte Erfolg. Der Liga-Boss Roger Goodell ließ die bisherige Haltung hinter sich und bekannte sich öffentlich zu Black Lives Matter.

Zwölf Frauen klagen an

Watson gehörte zu den Top-Konkurrenten, um Mahomes' Vorherrschaft der jungen Passwerfer streitig zu machen. Der 25-Jährige verlor zwar das Auftaktspiel gegen Kansas City und noch viele weitere Partien der letzten Saison (enttäuschende vier Siege in 16 Spielen nach dem starken Jahr zuvor), aber er zählte immer noch zu den besten seiner Zunft. Watson hatte erst im September 2020 seinen Vertrag um vier Jahre und 160 Millionen US-Dollar verlängert. Damit stieg er auf zum zweitbesten Verdiener der NFL (hinter, na klar, Mahomes). Nach dem Ende der letzten Spielzeit wollte der Star-Quarterback die Houston Texans verlassen und um den Super Bowl kämpfen. Doch nun ist Watson tief gefallen - und damit auch eine der großen Hoffnungen der Liga und ein Symbol für POC in Zeiten rassistischer Unruhen in den USA.

Insgesamt sieben anonyme Klagen wurden dieser Tage gegen Watson eingereicht wegen angeblicher sexueller Übergriffe und unangemessenen Verhaltens. Auch die NFL hat die Ermittlungen aufgenommen. "Wir werden mit der Liga in engem Kontakt bleiben", teilten die Texans mit. Der Houstoner Anwalt Tony Buzbee erklärte auf einer Pressekonferenz, dass es insgesamt sogar zwölf Anschuldigungen gegen Watson gäbe. Einer der Fälle soll sich erst in diesem Monat ereignet haben. Buzbee erklärte gegenüber dem Sportsender "ESPN", dass sein Büro mit der Polizei in Kontakt gestanden habe und dass er der Polizei Informationen über alle zwölf Frauen zur Verfügung stellen werde, die beabsichtigten, Watson zu verklagen. Die Polizei wollte gegenüber "ESPN" nicht kommentieren, ob sie in dieser Sache ermittelt. Watson weist alle Vorwürfe zurück.

Die sieben bisher eingereichten Klagen zeigen ein Muster sexueller Übergriffe gegen Massagetherapeutinnen in der Region Houston. Zunächst berichteten mehrere US-Medien übereinstimmend von drei Masseurinnen, die Watson angeklagt hatten. In der dritten eingereichten Zivilklage behauptet ein vermeintliches Opfer, dass Watson sie gezwungen habe, Oralsex während einer Sitzung in Houston im vergangenen Dezember durchzuführen. Am Mittwoch war bekannt geworden, dass Watson eine andere Frau Ende März 2020 in ihrem Haus bei einer Sitzung unter anderem bewusst mit seinem Penis berührt haben soll.

Ikonen-Tauglichkeit zerstört

"Watsons Verhalten ist Teil eines beunruhigenden Musters, verletzlichen Frauen nachzujagen", heißt es in der vierten Klageschrift. Der Anwalt einer der Klägerinnen habe behauptet, es gehe nicht um Geld, dann aber eine "unbegründete sechsstellige Vergleichsforderung" gestellt, schrieb dagegen Watson am Mittwoch bei Twitter. "Das habe ich schnell abgelehnt. Im Gegensatz zu ihm geht es mir nicht um Geld." Er habe noch nie eine Frau "mit etwas anderem als dem größten Respekt behandelt", so Watson weiter. Jetzt gehe es ihm darum, seinen Namen reinzuwaschen.

Bewiesen ist natürlich noch nichts. Aber die Vorwürfe sind erdrückend. Und ob schuldig oder unschuldig, das Image Watsons ist vielleicht für immer zerstört. Zu einer Ikone taugt er wahrscheinlich auch nicht mehr, wenn er freigesprochen werden sollte. Damit stirbt für die NFL auch ein Symbol für POC und gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA.

© n-tv
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige