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Bayern-Transfers haben "Erwartungen nicht erfüllt"

"BVB zurück in der Spur": Helmer im exklusiven Interview

06.03.2021 17:47

Wenn am Samstag in der Bundesliga der FC Bayern auf Borussia Dortmund trifft, sind die Augen von ganz Fußball-Deutschland auf das Duell der Rivalen gerichtet. Einer, der beide Klubs gut kennt, ist Thomas Helmer. Der Europameister von 1996 lief in seiner aktiven Laufbahn sowohl für den Rekordmeister als auch für den BVB auf.

Im exklusiven sport.de-Interview kritisiert Helmer den Begriff "deutscher Clásico" und spricht über den Dortmunder Aufschwung, den Wechsel von Marco Rose sowie Bayerns verfehlte Transfer-Politik. Außerdem erklärt der scheidende "Doppelpass"-Moderator, warum RB Leipzig deutscher Meister werden könnte.

Herr Helmer, das Topspiel des 24. Spieltags lautet FC Bayern gegen den BVB. Wie klasse ist dieser "deutsche Clásico" mit Blick auf die zuletzt etwas schwächelnden Spitzenklubs aus Ihrer Sicht überhaupt?

Thomas Helmer: Grundsätzlich ist Bayern gegen Dortmund immer ein Spiel, auf das die Blicke gerichtet sind – das gilt auch für mich. Allerdings bin ich kein Freund dieser "Clásico"-Wortspiele, weil ich es schlichtweg nicht so sehe. "El Clásico" gehört nach Spanien und hat nichts mit uns zu tun.

Aber dieses brisante Duell versprüht durch die schwarz-rot-goldene Brille betrachtet schon den Flair von Real vs. Barça, oder etwa nicht?

Natürlich war Bayern gegen Dortmund in den vergangenen Jahren immer eines der Topspiele. Für mich ist es allerdings kein richtiger Klassiker, wenn ich mir zum Beispiel die Duelle zwischen Bayern und Borussia Mönchengladbach in den 70ern in Erinnerung rufe. Es gab in der Bundesliga-Historie verschiedene Klubs, die Bayern ärgern konnten – es war nicht immer nur der BVB. Daher tue ich mich mit diesem "Clásico"-Begriff etwas schwer.

Wie sind die Voraussetzungen für den "Clásico" im März 2021, der Ihrer Meinung keiner ist?

Die Voraussetzungen für dieses Spiel könnten unterschiedlicher kaum sein. Der BVB hat – zumindest mit Blick auf die Resultate in den vergangenen vier Spielen – zurück in die Spur gefunden. Der 3:2-Sieg in der Champions League beim FC Sevilla war für das Team von Edin Terzic eine Art Brustlöser. Die Dortmunder spielen seitdem zwar nicht überragend, liefern aber die Ergebnisse. Das muss man einfach anerkennen. Im Übrigen haben auch die Bayern auch schon mal schöneren Fußball geboten als aktuell. Sie haben das große Problem, dass sie die meisten Spiele von allen Klubs zu absolvieren haben. Daher bewundere ich es, wie sie es doch immer wieder schaffen, abzuliefern und die Tabellenführung zu verteidigen.

Zumal mit Leipzig in dieser Saison ein ernsthafter Konkurrent auf der Bildfläche erschienen ist, der nicht locker zu lassen scheint. RB hat die vergangenen fünf Ligaspiele gewonnen …

Die Leipziger haben es in dieser Saison geschafft, diesen üblichen Zweikampf der vergangenen Jahre zwischen Bayern und dem BVB für den Moment zu beenden und anstelle der Dortmunder mit den Münchenern zu konkurrieren. Dafür gebührt ihnen Respekt.

Ist RB bereits reif für den Titel?

Das Potenzial haben sie definitiv. Doch solange Robert Lewandowski, Manuel Neuer und Joshua Kimmich spielen, hat man das Gefühl, dass den Bayern eigentlich nichts passieren kann. Thomas Müller nicht zu vergessen, der nach zweiwöchiger Corona-Pause genau da weitermacht, wo er aufgehört hat. Das ist schon faszinierend.

Doch was passiert, wenn diese Leistungsträger langfristig ausfallen würden? Hansi Flick setzt häufig eher auf junge Spieler aus den eigenen Reihen als auf Marc Roca, Bouna Sarr oder Eric Maxim Choupo-Moting. Agiert so ein Trainer, der mit der Transferpolitik zufrieden ist?

In Bezug auf die genannten Spieler sicherlich nicht. Man muss ganz klar sagen, dass diese Transfers die Erwartungen nicht erfüllt haben. Vielleicht kann man Choupo-Moting hier herausnehmen, da seine Verpflichtung als Lewandowski-Backup noch am ehesten Sinn gemacht hat. Alles in allem hat der FC Bayern maximal 15 absolute Topspieler, die auch auf verschiedenen Positionen einsetzbar sind. Sie haben den Kader zwar aufgefüllt, aber mehr quantitativ als qualitativ. Es ist unter anderem nicht gelungen, die Rechtsverteidiger-Position so zu besetzen, dass Kimmich dort nicht mehr spielen muss.

Liegt hier die Chance für Leipzig?

RB hat einen sehr ausgewogenen Kader. Ich würde sogar so weit gehen, dass die Bayern mit Blick auf den Kader sogar schwächer sind als Leipzig.

Woran machen Sie das fest?

Die Mannschaft von Julian Nagelsmann hat nach den vermeintlich ersten Elf auch noch elf Andere. Es passt relativ viel zusammen. Das Team verfügt über junge, schnelle und flexibel einsetzbare Spieler. Ihnen ist es zudem gelungen, namhafte Abgänge wie Timo Werner oder Patrik Schick zu kompensieren – und das ohne einen klassischen Mittelstürmer im Team, denn Alexander Sörloth konnte sich bisher noch nicht durchsetzen. Leipzig fehlt vielleicht nur die Erfahrung im Titelkampf. Die einzige Frage ist für mich also, ob sie dieses Niveau über eine komplette Saison durchhalten können. Wobei sie in der jüngeren Vergangenheit schnell dazugelernt haben und auch in den anderen Wettbewerben gut aussahen: Ich erinnere an den Einzug ins Champions-League-Halbfinale in der Vorsaison, im DFB-Pokal steht man nun ebenfalls im Halbfinale.

Apropos DFB-Pokal: Wie empfanden Sie die skurrile Situation bei Gladbach gegen Dortmund (0:1)? Noch-Gladbach-Trainer Marco Rose, der bald in Dortmund das Sagen haben wird, traf am Mittwoch auf seinen baldigen Co-Trainer Edin Terzic …

(lacht) Ich glaube, es erging uns allen gleich. Das war schon komisch. Ich kenne die beiden Trainer allerdings zu wenig, um ihre Gemütslage bewerten zu können. Die Niederlage macht es für Gladbach-Coach Rose allerdings definitiv nicht leichter.

Thomas Tuchel war zu kompliziert, Peter Bosz ließ zu offensiv spielen und Lucien Favre war vielleicht etwas zu still. Warum hat Rose das Zeug dazu, als erster BVB-Trainer seit Jürgen Klopp vollends zu überzeugen?

Ich hoffe, dass Rose den Namen "Klopp" ein wenig aus den Köpfen der BVB-Fans verdrängen kann. Wie erwähnt haben es die Schwarz-Gelben bereits mit unterschiedlichen Typen probiert, die anders als Klopp ticken. Das hat langfristig jedoch nicht funktioniert. Ich mag die Art von Marco Rose, für ihn ist dieser Wechsel der logische Schritt. Er trifft klare Aussagen und stellt sich auch nach Niederlagen. Ich denke, dass er seine Spielphilosophie übertragen wird. Und das wird dem BVB guttun, hoffentlich.

Am Samstag gegen die Bayern steht noch Terzic an der Seitenlinie. Sie haben für beide Klubs gespielt. Welches ihrer Duelle zwischen dem FCB und dem BVB haben Sie bis heute in besonderer Erinnerung behalten und warum?

Als ich 1992 zu Bayern gewechselt war, trafen wir bereits früh in der Saison im damaligen Westfalenstadion auf den BVB. Meine Erinnerung an dieses Spiel ist, dass ich beim Warmmachen vor dem Anpfiff automatisch in Richtung Südtribüne lief und von den Fans natürlich lautstark ausgepfiffen wurde. Nachdem ich dann in der ersten Halbzeit nach einer Ecke das 1:0 per Kopfball erzielt hatte, war dann aber Ruhe im Stadion (lacht). Später legte ich noch Oliver Kreuzer das 2:0 auf und wir gewannen mit 2:1. So ein Spiel vergisst man natürlich nie.

Bevor Sie bei den beiden Topklubs anheuerten, debütierten Sie mit Bielefeld in der Bundesliga. Die Arminia ist heute noch Ihr Herzensklub. Hat Sie die Trennung von Aufstiegstrainer Uwe Neuhaus überrascht?

Ja, insbesondere wenn man sich den Etat von Arminia anschaut. Insgesamt haben sie einen großartigen Weg zurückgelegt: Der Klub hat sich finanziell berappelt, ist souverän aufgestiegen und konnte in der Hinrunde dieser Saison gegen die vermeintlichen Konkurrenten um den Klassenerhalt häufig punkten. Ich habe allerdings bereits vor einiger Zeit vernommen, dass es hinter den Kulissen ein bisschen brodelt. Man war zuletzt wohl nicht mehr so zufrieden mit Uwe Neuhaus. Ich kann Uwes Trainingsarbeit und seine Ansprache nicht genau beurteilen. Allerdings halte ich Geschäftsführer Samir Arabi für einen weitsichtigen Menschen, der die Lage sicherlich gründlich beobachtet hat.

Was macht Thomas Helmer nach seiner Zeit beim "Doppelpass"? Arbeiten Sie bereits an neuen Projekten?

Zunächst einmal werde ich mich von meinem Team gebührend verabschieden. Meine Kollegen sind für mich zu einer zweiten Familie geworden – von den Kameraleuten über die Regisseure bis hin zu den Stylisten. Hinsichtlich neuer Projekte befinde ich mich aktuell in der Planung, darunter hat auch eines mit Bielefeld zu tun, allerdings nicht mit der Arminia. Definitives gibt es noch nicht zu vermelden.

Das Interview führte Dennis Ebbecke

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