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Philipp Lipowitz gewinnt Gold bei der WM

Zwei Medaillen gegen die deutsche Biathlon-Krise

03.03.2021 12:36
Philipp Lipowitz holte sensationell Gold
© Eibner-Pressefoto/EXPA/Huter via www.imago-images.
Philipp Lipowitz holte sensationell Gold

Der deutsche Biathlon hat ein Nachwuchsproblem. Die einstige "Goldgrube" ist versiegt, die Zukunft des Aushängeschilds des Deutschen Skiverbandes (DSV) bereitet den Verantwortlichen große Sorgen. Das zeigt sich auch in diesen Tagen bei den Weltmeisterschaften der Juniorinnen und Junioren - trotz zwei überraschenden Medaillen.

Im Jahr 2013 ging in der beschaulichen Tiroler Gemeinde Obertilliach einer der hellsten Sterne der deutschen Biathlon-Geschichte auf. Die damals erst 19-Jährige und der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Laura Dahlmeier räumte bei den Nachwuchs-Weltmeisterschaften groß ab. Drei Gold- und eine Silbermedaille gingen auf das Konto der späteren Olympiasiegerin. Es war der Auftakt einer Bilderbuchkarriere. 

Heute, acht Jahre später, blicken Fans, Trainer und Verantwortliche erneut nach Obertilliach. Auf der gleichen Anlage, auf der Laura Dahlmeier einst für Furore sorgte, finden in diesen Tagen die IBU Junior World Championships 2021 statt. Etwas mehr als die Hälfte aller Wettkämpfe ist bereits absolviert. Für die 17-köpfige deutsche Mannschaft läuft es schlechter als erhofft - und doch besser als von so manch einem erwartet.

Zwei WM-Medaillen gegen die Krise

Für Erleichterung im deutschen Camp sorgte am Sonntag Philipp Lipowitz. Der 21-Jährige vom DAV Ulm lief im Einzel über 15 km dank der sechstbesten Laufzeit und nur einem Schießfehler sensationell zur Goldmedaille. "Es ist verrückt", gestand Lipowitz hinterher, dass er selbst nicht mit dem Titel rechnete: "Ich habe auf die Top Ten gehofft. Am Ende wurde es Platz eins und ich bin total überwältigt."

Ähnlich unerwartet wie das Gold von Lipowitz war die Bronzemedaille für Selina Grotian im Sprint über 6 km. Die erst 16-Jährige stellte ihre überragende Laufform schon mit Platz elf im Einzel zur Schau. Mit dem ein oder anderen Fehler weniger - fünf waren es am Ende insgesamt - wäre schon da das Treppchen drin gewesen. Dieses Versäumnis holte sie am Montag nach. Nach einer fehlerfreien Vorstellung musste sie nur der Slowenin Lena Repinc und der Lokalmatadorin Linda Zingerle den Vortritt lassen.

Grotian gewann Bronze im Sprint
Grotian gewann Bronze im Sprint

"Da es meine erste Junioren-Weltmeisterschaft ist und ich zu den jüngsten Jahrgängen gehöre, habe ich mir eigentlich nichts Großes vorgenommen", sagte die Bronzemedaillen-Gewinnerin dem Portal "xc-ski.de". Umso erstaunter sei sie über ihre Leistung. "Insgesamt bin ich unglaublich glücklich, dass es für die Medaille gereicht hat und auch die Erfahrung bei der Siegerehrung war ein tolles Erlebnis."

Sieben Top-Ten-Platzierungen bei 40 Starts

So unerwartet und erfreulich die beiden Podestplatzierungen von Lipowitz und Grotian auch waren, über die ansonsten maue WM-Bilanz des deutschen Teams können sie kaum hinwegtäuschen. Lediglich fünf weitere Top-Ten-Plätze gingen in zehn Rennen auf das Konto der "Biathlon-Nation Deutschland". Macht in der Zwischenrechnung sieben Top-Ten-Platzierungen bei 40 Starts. 

Nun sind zwar erst zehn von 16 Rennen absolviert, die Hoffnung auf Besserung ist aber gering. Die anderen Nationen haben Deutschland nicht nur bei den Senioren, sondern offenkundig auch bei den Junioren ein- bzw. überholt. 

"In allen Facetten besser als wir"

Das bisherige Abschneiden bei der Junioren-WM passt zum Tenor, den Aktive und Verantwortliche in den letzten Wochen und Monaten immer wieder anstimmten. Der deutsche Biathlon hat ein Nachwuchsproblem. Sportdirektor Bernd Eisenbichler sieht bereits "viele Dinge, die in die richtige Richtung gehen", weiß aber auch, dass der kommende Umbruch und neue Top-Ergebnisse nicht "von einem auf den anderen Tag sichtbar" werden. Die Rennen in Obertilliach stützen diese Aussage. 

Erik Lesser wird in der Analyse noch deutlicher. Der 32-Jährige, der selbst eine rabenschwarze WM hinter sich hat, sieht nicht nur auf Junioren-Ebene schier unüberwindbare Hürden auf den DSV zukommen. Er sagt mit Blick auf die dominanten Biathlon-Nationen: "Die haben sicher einen größeren Pool an Talenten, dennoch arbeiten sie in allen Facetten besser als wir. Sie trainieren besser, sind besser und daher in der Endabrechnung meist vor uns."

Lessers Worte spiegeln sich in den Ergebnissen der beiden Weltmeisterschaften eindrucksvoll wider. In Pokljuka schnitt das deutsche Team so schlecht wie lange nicht ab und holte nur zwei Medaillen. In Obertilliach sieht es zur Halbzeit nur geringfügig besser aus - trotz zwei Medaillen, mit denen vorher niemand gerechnet hatte.

Christian Schenzel