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Schuster nennt "Minimalziel" für die WM

25.02.2021 11:59
Werner Schuster rechnet Eisenbichler gute Chancen aus
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Werner Schuster rechnet Eisenbichler gute Chancen aus

Der ehemalige Bundestrainer Werner Schuster hält zwei Medaillen der deutschen Skisprung-Männer bei der Heim-WM in Oberstdorf für realistisch.

"Das Minimalziel muss immer eine Medaille im Einzel und eine im Team sein. Das halte ich auch für möglich. Alles darüber hinaus wäre schon Zugabe", sagte der Österreicher dem "SID".

Schuster hat dabei vor allem Titelverteidiger Markus Eisenbichler auf dem Zettel. "Er ist in Schlagdistanz. Bei der Tournee hat er in Oberstdorf im zweiten Durchgang einen fabulösen Sprung rausgezaubert. Ich denke, er hat gute Chance, beide Schanzen liegen ihm", sagte der 51-Jährige. Zudem hoffe er, dass Karl Geiger noch die "die Kurve" bekommt.

Bei der WM 2019 in Seefeld hatten die DSV-Adler noch unter Schuster die Titel von der Großschanze, mit dem Team und im Mixed gewonnen. "Wir hatten damals von Anfang an einen Lauf", sagte der zuletzt unter die Buchautoren ("Von der Kunst, ein Team zu beflügeln") gegangene Schuster: "Manchmal springen aus deiner Truppe vier wie Engel, und manchmal musst du froh sein, wenn du noch einen hast."

Sorgen bereiten Schuster derweil die zuletzt schwachen Ergebnisse im zweitklassigen Continental Cup sowie bei der Junioren-WM, wo kein Deutscher in den Top 20 gelandet war. "Zur Tagesordnung würde ich jedenfalls nicht übergehen", sagt er.

Im Weltcup stehe der Deutsche Skiverband zwar gut da, "aber der Trend geht nicht in die richtige Richtung. Da muss man nach der Saison definitiv Ursachenforschung betreiben. Aber dort arbeiten erfahrene Leute wie Horst Hüttel, die werden das richtig lesen können."

Das komplette Interview mit dem "SID":

Werner Schuster, in Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass Sie als Österreicher in Oberstdorf geboren wurden. Selbst Wikipedia weiß davon nichts. Wie kann das sein?

Werner Schuster: Damals gab es nur in Oberstdorf ein Krankenhaus. Ich kam per Kaiserschnitt zur Welt, und das Kleinwalsertal ist zwölf Kilometer weg. Das ging also nicht.

Hat Oberstdorf somit eine besondere Bedeutung für Sie?

Ich habe eine enge Beziehung dorthin. Oberstdorf ist immer der erste Ort, wenn man das Heimatdorf verlässt. Und ich hatte dort einen meiner größten Erfolge als Skispringer, habe mich später schwer verletzt und habe dort 2019 meinen Rücktritt als Bundestrainer verkündet.

Jetzt muss Oberstdorf eine Geister-WM austragen. Leiden Sie mit?

Ja. Die WM wäre wie 1987 und 2005 ein echtes Sportfest geworden. Oberstdorf musste sich fünfmal bewerben, allein das ist Wahnsinn. So einem Ort muss man die WM normalerweise auf dem Silbertablett servieren. Und jetzt fällt das genau in diese Pandemie-Zeit. Das ist schade.

Kann das Fehlen von Fans auch ein Vorteil sein, etwa für Lokalmatador Karl Geiger?

Alle Jungs springen lieber vor Publikum, das ist ganz klar. Aber gerade bei Karl war es in Oberstdorf am Anfang vor der eigenen Familie und den Fans gar nicht so einfach. Das alles zieht Energie, und bei einer Heim-WM sind Erholungsphasen unheimlich wichtig. Vielleicht hilft es ja.

Zuletzt flog Geiger seiner Form hinterher...

Karl hat im Moment vier oder fünf Knotenpunkte in seinem Sprung, und die kann er nicht alle verarbeiten. Das ist wie bei einem Wasserschlauch, der fünf Löcher hat. Zwei kann er zudrücken, aber bei dreien rinnt es raus. Und wenn er zwei andere zudrückt, rinnt es bei den ersten beiden heraus. Hoffentlich bekommt er die Kurve. Beim letzten Weltcupspringen in Rasnov sah es wieder gut aus, und vielleicht erinnert er sich daran, wie toll er vor zwei Monaten in Oberstdorf gesprungen ist.

Große Hoffnungen ruhen auch auf Markus Eisenbichler?

In Zakopane hat Markus zwar zuletzt gewackelt, aber er ist in Schlagdistanz. Bei der Tournee hat er in Oberstdorf im zweiten Durchgang einen fabulösen Sprung rausgezaubert. Ich denke, er hat eine gute Chance, beide Schanzen liegen ihm. Aber für ihn wäre es wichtig, dass Karl wieder in Schuss kommt. Sonst ist er der letzte Mohikaner.

Der erhoffte dritte Podestspringer ist bisher nicht in Sicht...

Ja, das ist erstaunlich. Aber wenn man alle Ebenen betrachtet, ist im Moment ein bisschen der Wurm drin. Von den Junioren kommt kein Druck auf den zweitklassigen Continental Cup, und von dort kommt kein Druck auf den Weltcup. Man sollte aber auf keinen Fall die tolle Entwicklung von Paschke vergessen, der heuer schon am Podest geschnuppert hat.

Mit der überragenden WM 2019 haben Sie Ihrem Nachfolger Stefan Horngacher aber ein schweres Erbe hinterlassen...

Wir hatten damals von Anfang an einen Lauf. Aber auch die WM 2017 war schon super, als Andi Wellinger zweimal Zweiter wurde. Und die WM 2015 mit Severins Titel auch. Nur 2013 sind wir knapp gescheitert. Leicht wird es sicher nicht bei der Heim-WM. Die Qualität ist auf jeden Fall da und vielleicht ziehen sie ja im Materialbereich noch etwas aus dem Köcher.

Was ist also drin für das DSV-Team?

Das Minimalziel muss immer eine Medaille im Einzel und eine im Team sein. Das halte ich auch für möglich. Alles darüber hinaus wäre schon Zugabe.

Und die Konkurrenz?

Der Sieg führt über Norwegen und über Halvor Egner Granerud. Überraschend stark sind auch die Slowenen, bei Anze Lanisek ist ein Sieg eigentlich überfällig. Die Polen sind sehr routiniert, in Österreich wird es auf Stefan Kraft rauslaufen. Einen zweiten Medaillenkandidaten sehe ich dort nicht. Und jetzt hat sogar Kobayashi wieder gewonnen. Es könnte sehr spannend werden.

Werner Schuster, in Ihrem Buch taucht Ihr Schanzenrekord von 158 Metern in Copper Peak gar nicht auf? Der steht bis heute!

Ja, und der steht noch länger. Der Rekord ist fast schon peinlich, er liegt unterhalb des kritischen Punktes. Dort am Lake Superior sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, und da haben sie eine Flugschanze hingebaut. Irgendwie ist es nie gelungen, mal einen richtig guten Sprung zu machen - mal war es zu kalt, mal zu windig. Jahre später habe ich dort trainiert und bin 166 oder 167 Meter geflogen. Das ist unbewiesen, aber das müssen Sie mir jetzt glauben.

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