Anzeige

Tischtennis-Weltpräsident Weikert im Interview

28.01.2021 08:52
Thomas Weikert äußert sich zu den Olympia-Plänen
© picture alliance / Jonas Güttler/dpa
Thomas Weikert äußert sich zu den Olympia-Plänen

Um die Austragung der Olympischen Spiele in Tokio muss nach Ansicht von Tischtennis-Weltpräsident Thomas Weikert bis zum letzten Moment gekämpft werden.

Ob die Olympischen Spiele in Tokio in diesem Jahr ausgetragen werden, ist noch nicht vollends geklärt. Im Interview mit der "Deutschen Presse-Agentur" erklärt Tischtennis-Weltpräsident Thomas Weikert, dass sich die Athleten auf Olympia freuen und bezeichnet das Großereignis als "Hoffnungsträger".

Die Olympischen Spiele sollen am 23. Juli eröffnet werden. Bis dahin müssen noch zahlreiche Qualifikationen ausgetragen werden. Ist das angesichts der anhaltenden Pandemie alles machbar?

Thomas Weikert: Die Qualifikationen werden sehr schwierig werden. Die Ausscheidungen im Tischtennis sind im Februar geplant. Wir haben vom Weltverband eine Lösung mit Katar angeboten, wo es wenige Corona-Fälle gibt. Es könnten dort nach jetzigem Stand auch kontinentale Qualifikationen ausgetragen werden, wenn dies für die Kontinente eine Alternative darstellt. Es ist nicht ideal, aber es geht möglicherweise nicht anders. Einige Nationen haben sich um das Corona-Virus aus welchen Gründen auch immer nicht gut gekümmert.

Dürften Länder von den Spielen ausgeschlossen werden, wenn die Infektionszahlen noch zu hoch wären?

Weikert: Ich würde Sportler nicht bestrafen, wenn ein Land das nicht in den Griff bekommt.

Angesichts der anhaltenden Pandemie und des in Japan ausgerufenen Ausnahmezustands wird über eine Olympia-Absage spekuliert. Wie hart würde dies den Weltsport treffen?

Weikert: Als Sportler würde ich sagen: Die Spiele müssen stattfinden, das geht einfach nicht anders. Sie sind schon ein Hoffnungsträger, die Athleten freuen sich darauf. Sie sollten auch stattfinden, weil wir als Spitzenverbände Geld vom IOC bekommen - und nicht zu knapp. Im Tischtennis bekommen wir für eine Olympiade rund 18 Millionen Dollar. Wir nutzen sehr viel davon, um Tischtennis in der Breite und der Spitze weiterzuentwickeln. Wenn die Spiele ausgetragen werden, gehen wir davon aus, dass wir genau das gleiche Geld bekommen.

Wie stark hat die ITTF das IOC-Geld nötig?

Weikert: Tischtennis ist zu etwa 20 Prozent von Olympia-Geldern abhängig. Wir kommen auch nächstes Jahr und ohne Olympia-Geld durch. Andere Verbände sind viel abhängiger vom IOC-Geld - bis zu 90 Prozent. Für die Verbände wird es dramatisch.

Also dann auf Teufel komm' raus Olympia durchziehen?

Weikert: Wenn ich das Ganze als normaler Bürger beurteile und sehe, dass noch nicht viele Menschen geimpft sind und das Virus weiter tobt, würde ich sagen: Naja, das ist nur ein Sportevent. Die Welt wird nicht untergehen, wenn Olympia nicht stattfindet. Als Weltpräsident sage ich hingegen: Wir müssen alles tun, dass die Spiele stattfinden. Koste es, was es wolle? Nein, aber bis zum letzten Moment warten und erst absagen, wenn es aufgrund tatsächlicher Umstände nicht mehr geht. Ich möchte gern in Tokio sein, aber das ist aktuell offen. Da muss man realistisch sein.

Sollen die Sportler vorrangig geimpft werden, damit die Spiele ausgetragen werden können? Olympische Spiele sind auch ein Ereignis, das Menschen auf der Welt verbindet und in der Krise auch unterhält.

Weikert: Wir reden von 10.000 Athleten und einer Vielzahl von Betreuern, die auf jede Menge Länder verteilt sind. Ein Problem daraus zu konstruieren, halte ich für überzogen. Olympia ist ein Leuchtturmprojekt, das eine große Bedeutung hat, nicht nur für die Sportler, sondern ganz klar auch für die Weltbevölkerung, die Medien oder für Arbeitsplätze. Deshalb müssen wir das irgendwie hinkriegen.

Sollte man Olympia-Starter deshalb vorrangig impfen?

Weikert: Da mehr und mehr Impfstoffe zugelassen werden und es im Moment eher an der Verteilung liegt als an der Existenz von genügend Impfstoffen, glaube ich schon, dass man das rechtfertigen kann - gegenüber den gerechtfertigten Argumenten kranker, älterer Mitmenschen oder dem Pflegepersonal.

Vor zwei Jahren wurden Sie für das DOSB-Präsidentenamt als Kandidat ins Spiel gebracht. Eine Reihe von Spitzenverbänden war mit Alfons Hörmann nicht zufrieden. Wäre es denkbar, dass Sie nun in zwei Jahren gegen ihn antreten?

Weikert: Da ich von einigen Vertretern von Spitzenverbänden angesprochen wurde, hatte ich darüber nachgedacht. Mehr war nicht. Im Moment bin ich ITTF-Chef, und in diesem Jahr würde ich gern wiedergewählt werden. Auf der anderen Seite ist das, sagen wir mal, ein Amt, das kann einen reizen. Ich will das nicht ausschließen.

Wie war und ist Ihr Verhältnis zu Alfons Hörmann?

Weikert: Ich habe zum Teil andere Auffassungen als Herr Hörmann, explizit war das im Bereich Anti-Doping der Fall. Dort hatte ich lange Zeit eine klare Linie vermisst. Mit Herrn Hörmann hatte ich zuletzt wenig Kontakt, aber ich denke, unser Verhältnis ist befriedet.

Sie haben vor zwei Jahren auf eine Kandidatur im Deutschen Olympischen Sportbund verzichtet, weil sie zwei Ämter nicht für vereinbar hielten. Im Tischtennis gibt es aktuell viel Ärger um eine neue Turnierserie und eine Marketinggesellschaft der ITTF, Sie selbst haben gerade erst eine interne Untersuchung dazu durchgesetzt. Kann es deshalb sein, dass eine Karriere beim DOSB für Sie mittlerweile attraktiver ist, als sie das vor zwei Jahren noch war?

Weikert: Zurzeit fühle ich mich bei der ITTF genügend unterstützt. Generell gibt es einem zu denken, wenn man für Ziele einsteht und man des Öfteren kämpfen und andere von seiner Linie überzeugen muss. Problematisch wird es, wenn man nicht von mindestens 50 Prozent unterstützt wird.

Könnte das DOSB-Präsidentenamt also ihren Fokus kommen, wenn das nicht mehr der Fall wäre?

Weikert: Nachdenken ist immer erlaubt.

Sie sind einer der wenigen Deutschen, die Präsident eines Weltverbandes sind. Muss es eine Strategie geben, um mehr deutsche Funktionäre in internationale Spitzenverbände zu bringen?

Weikert: Ich bin Mitglied der Arbeitsgemeinschaft, die vom Bundesinnenministerium und dem DOSB ins Leben gerufen worden ist, um die Strategie für Großveranstaltungen zu entwickeln. Bei den bisherigen Sitzungen haben wir festgestellt, dass es Defizite gibt. Ein Defizit ist: Wir, die international vertreten sind, müssen uns besser organisieren. Bisher haben wir uns zufällig mal bei Kongresses getroffen. Das kann's nicht sein. Wir müssen international besser aufgestellt werden.

Was soll die Strategie für Großveranstaltungen bewirken?

Weikert: Bei den Weltmeisterschaften für einzelne Sportarten schneiden wir bei den Bewerbungen nicht so schlecht ab, dies gilt aber nicht für Multisportevents.

Das zielt auf eine deutsche Olympia-Bewerbung womöglich mit der Rhein-Ruhr-Initiative für 2032 ab...

Weikert: Wenn die Bewerbung mal auf dem Weg sein sollte, muss international viel mehr getan werden. Ich sage das wertfrei: Thomas Bach an der IOC-Spitze kann hinsichtlich einer Olympia-Bewerbung aus Neutralitätsgründen nichts für uns tun. Aber wer sagt, wir sind international gut aufgestellt und jeder kennt die Deutschen, der lügt. Das muss man so sagen. Da ist Nachholbedarf auf vielen Feldern.

Was muss getan werden?

Weikert: Wenn wir international erfolgreich sein wollen, brauchen wir Bewerbungen für WM oder EM sowie für das Erreichen internationaler Ämter. Als ich mich 2017 für das ITTF-Präsidentenamt beworben habe, kostete mich das viel Geld. Das ist in anderen Ländern, ich nehme Dänemark, England oder Frankreich, anders. Die Förderung vom BMI in diesen Bereichen ist verbesserungsbedürftig.

Der Ruf Deutschland als Veranstaltungs-Weltmeister ist groß...

Weikert: Ich weiß vom Tischtennis, dass die Leute gerne nach Deutschland kommen. Aber es ist auf der anderen Seite auch so, dass unser Bild im Ausland nicht immer so ist, wie wir das von uns als Deutsche eben denken. Und da müssen wir daran arbeiten. Wir sollten als Deutsche so manches Mal etwas demütiger sein. Es wird in anderen Ländern gut verstanden, wenn wir nicht eine ganz große Klappe haben.

ZUR PERSON: Thomas Weikert (59) war von 2005 bis 2015 Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes. 2014 übernahm er - erst kommissarisch - die Präsidentschaft im Weltverband ITTF, 2017 wurde er in das Amt gewählt. Der Jurist und frühere Bundesligaspieler lebt in Limburg.

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige