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Der rasante Aufstieg des Gerwyn Price

Gerwyn Price: Vom Rugby-Halbprofi zum Darts-Weltmeister

04.01.2021 14:57

Die Wachablösung an der Spitze der Darts-Welt ist perfekt: Gerwyn Price gewinnt die WM 2021 und springt an die Spitze der Weltrangliste. Dabei hat der Waliser vor ein paar Jahren noch als Halbprofi Rugby gespielt und in Teilzeit auf Baustellen gearbeitet.

Minutenlang ringt Gerwyn Price mit sich und den Doppelfeldern. Im bis dato einseitigen Finale der Darts-WM 2021 in London bekommt es der Waliser mit den Nerven zu tun. Nachdem Matchdart um Matchdart am entscheidenden Doppel vorbeifliegen, schnappt sich Finalgegner Gary Anderson den Satz und verkürzt auf 3:6. Weil Price auch im zehnten Satz zwei Matchdarts auslässt, bekommt Anderson drei Chancen auf einen weiteren Satzgewinn. Doch auch beim zweifachen Weltmeister flattern die Nerven. Price darf nochmal zurück ans Board. Und klack, der erste Pfeil in der Doppel 5 sitzt: Gerwyn Price ist Darts-Weltmeister 2021.

Es ist der Höhepunkt eines rasanten Aufstiegs vom Pub-Spieler zum besten Pfeilewerfer der Welt. Dabei beginnt der Waliser erst vor sieben Jahren damit, ernsthaft Darts zu spielen. Zuvor ist Price als halb-professioneller Rugbyspieler in Wales aktiv. Dem Junioren-Nationalspieler bleibt eine große Karriere aufgrund mehrerer Verletzungen allerdings verwehrt. Er verdient umgerechnet knapp 45.000 Euro jährlich mit Rugby. Um seinen Kontostand aufzustocken, arbeitet er in Teilzeit als Industrie-Isolierer auf Baustellen.


Mehr dazu: Das ist der Stand der Darts-Weltrangliste


In der Freizeit beginnt Price Darts zu spielen. Er verbessert sich schnell und steigt in die höchste walisische Pub-Liga in Wales auf. Die Entscheidung, endgültig mit Rugby aufzuhören und alles auf die Karte Darts zu setzen, fällt Price aber erst 2014. "Ich habe damals zwischen Rugby und Darts hin und her jongliert. Parallel hätte das aber nicht weiter geklappt und ich habe realisiert, dass ich mit Darts viel mehr Geld verdienen kann", blickt Price Anfang 2020 im Podcast "Checkout" auf seine Anfänge zurück.

Barrie Bates, seit vielen Jahren Darts-Profi und WM-Viertelfinalist aus Wales, ermuntert ihn damals, am Qualifikations-Event für die Profi-Tour der Professional Darts Corporation teilzunehmen. Schon am zweiten Tag des Turniers im Januar 2014 erspielt sich Price das wertvolle Ticket für die PDC-Tour, an der nur 128 Spieler jährlich teilnehmen dürfen.

Rekordstrafe nach erstem Major-Sieg

Price hat im Gegensatz zu den meisten anderen Newcomern auf der Tour keine Angst vor den großen Spielern. Schon in seinem ersten Jahr als Profi erreicht er bei kleineren Turnieren Viertel- und Halbfinals, qualifiziert sich auch für die WM.

In den folgenden Jahren verbessert sich der Waliser weiter, qualifiziert sich immer häufiger für die großen Turniere. Schon zwei Jahre nach Karrierebeginn steht Price auf Platz 33 der Weltrangliste, Ende 2016 ist er die Nummer 19 der Welt, ein Jahr später schafft er den Sprung unter die Top 16.

2018 geht der steile Aufstieg unaufhaltsam weiter. Beim Grand Slam of Darts sichert er sich den ersten Major-Titel. Sein Gegner ist auch damals Gary Anderson. Price gewinnt ein skandalträchtiges Finale mit 16:13-Legs. Von den 120.000 Euro Preisgeld bleiben aber nur knapp 100.000 übrig, weil Price wegen unsportlichen Verhaltens die höchste Geldstrafe im Darts aller Zeiten aufgebrummt wird.

Wegen seines Auftretens gegen Publikumsliebling Anderson wird das folgende Jahr für Price zum Spießrutenlauf. Viele Fans buhen ihn aus, bei der WM 2019 zerbricht der "Iceman" an den Rufen des Publikums, scheitert direkt im ersten Spiel. Doch ausgerechnet beim Grand Slam 2019, an Ort und Stelle seines bis dato größten Erfolgs, kommt Price zurück in die Spur. Er verteidigt den Titel im Finale gegen Peter Wright und geht als Mitfavorit in die WM 2020.

Dort kommt es im Halbfinale zum erneuten Showdown mit Wright. Price nimmt den Mund vor dem Spiel ordentlich voll, kündigt einen 6:0-Sieg an. Doch daraus wird nichts. Price verliert klar mit 3:6 und muss den Traum vom WM-Titel vorerst begraben. "Ich habe mich etwas hängen lassen und zu wenig mit dem eigentlichen Spiel beschäftigt. Ich habe mich selbst geschlagen", spart Price wenig später gegenüber "ntv.de" nicht mit Selbstkritik.

"Noch nie so einen Druck verspürt"

Und offensichtlich lernt der 35-Jährige schnell aus seinen Fehlern. Das Jahr 2020 wird für ihn das erfolgreichste seiner Laufbahn. Price gewinnt mit dem World Grand Prix, den World Series Finals und dem World Cup of Darts gleich drei Major-Turniere. Vor allem der Sieg beim World Cup, der Team-WM, zusammen mit Landsmann Jonny Clayton bedeutet ihm viel. Und gibt ihm einen Schub für den Höhepunkt zum Jahreswechsel.

Zwar muss sich Price im Gegensatz zu einem Michael van Gerwen oder Titelverteidiger Peter Wright in seinem ersten Spiel mühsam ins Turnier kämpfen, doch der Waliser übersteht alle brenzligen Situationen. Als es in Runde drei gegen Brendan Dolan ins Entscheidungsleg geht, behält er genauso die Nerven wie im Viertelfinale gegen Daryl Gurney, als ebenfalls ein einziges Leg über Aus und Weiterkommen entscheidet.

Und selbst die gravierende Doppelschwäche zum Ende des Finals kann Price nicht mehr den Titelgewinn verhageln. "Das bedeutet alles, das bedeutet die Welt für mich", sagt der neue Darts-Weltmeister nach dem großen Triumph. "Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so einen großen Druck verspürt. Es war so schwierig, den entscheidenden Dart ins Doppel zu werfen. Das Gefühl, als es geklappt hat, ist kaum zu beschreiben. Ich bin Weltmeister, das ist unglaublich."

"Am 50. Geburtstag Game Over"

Für Price ist es der mit Abstand größte Zahltag seiner Karriere: 560.000 Euro Preisgeld wandern auf das Konto des Walisers und beweisen, dass für ihn im Darts tatsächlich mehr Geld zu holen ist als im Rugby. "Ich habe jetzt vier Häuser in Wales und versuche so viel Geld zu erspielen, dass jedes Jahr ein paar weitere hinzukommen", sagt Price im Sommer 2019 gegenüber Welt. Sein Plan: Häuser vermieten, mit 50 Jahren die Karriere beenden und dann mit seiner Familie auswandern. Nach Florida oder Australien. "Die Rechnung geht so: Wenn ich jedes Jahr zwei Häuser kaufe, ist es mir völlig egal, wo ich in 16 Jahren in der Weltrangliste stehe. Dann ist an meinem 50. Geburtstag Game Over."

Mit dem WM-Titel kommt Price seinem Ziel, finanziell mit 50 ausgesorgt zu haben, schnell näher. Speziell ist der Triumph aber auch, weil der 3. Januar 2021 das Ende einer Darts-Ära markiert. Gerwyn Price springt auf Platz eins in der Weltrangliste. Damit enden die Die Dominator-Jahre von Michael van Gerwen. Vor sieben Jahren, am Neujahrsabend 2014, hatte der Niederländer den Spitzenplatz erobert. Nach dem Gewinn seiner ersten Weltmeisterschaft. Exakt 15 Tage bevor Gerwyn Price die Qualifikation für die Profitour gelang.

Kevin Schulte

© n-tv
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